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Dienstag, 11.10.2011

„Knäblein wehrte sich und starb“

Der „Maskenmann“ kam, wenn seine Opfer schliefen. Drei Jungen soll Martin N. getötet, Dutzende weitere missbraucht haben. Sein Fall ist ein Albtraum vor Gericht.

Von Wiebke Ramm, Hannover

Unter dem Pseudonym „GerdX“ war er in der Pädophilenszene im Internet unterwegs. Am 31. Oktober 2010 tippte er nicht wie sonst nur einzelne Sätze in eines der einschlägigen Foren, dieses Mal dichtete der Mann Goethes „Heideröslein“ um. Er schrieb: „Und der wilde GerdX brach / ’s Knäblein auf der Heiden; / Knäblein wehrte sich und starb, / Half ihm doch kein Weh und Ach, / Mußt es eben leiden.“ Stefan J., Dennis R. und Dennis K. waren da bereits tot. Martin N. soll alle drei entführt und erwürgt haben. Zudem wird ihm vorgeworfen, Dutzende Jungen in Zeltlagern, Landheimen und Wohnhäusern in Norddeutschland missbraucht zu haben. Erst 19 Jahre nach dem ersten Mord gelang es der Polizei im April 2011, Martin N. zu fassen.

Seit gestern nun steht der 40-jährige Pädagoge in Stade vor Gericht. Die schwarze Maske hat er an diesem Tag durch einen dichten Vollbart ersetzt. Der mutmaßliche Mörder dreier Kinder scheut den Blick der Öffentlichkeit. Seinen Kopf verbirgt er hinter einer rosafarbenen Aktenmappe. Er tut es noch, als die Fotografen und die Kameraleute den Schwurgerichtssaal des Landgerichts bereits verlassen haben und er längst Platz genommen hat auf der Anklagebank. Einer seiner beiden Verteidiger legt ihm schließlich die Hand auf den Arm, drückt ihn sanft herunter. Erst jetzt zeigt der „Maskenmann“ sein Gesicht.

Erschreckende Erkenntnisse

Michael R. will es ganz genau sehen. Er sucht den Sichtkontakt. R. ist der Vater von Dennis. Der über 1,90 Meter große ergraute Mann in der Jeansjacke und der Jeanshose, der keine 20 Meter vor ihm sitzt, soll sein achtjähriges Kind im Juli 1995 aus einem Zelt am Selker Noor in Schleswig-Holstein verschleppt und in ein Ferienhaus nach Dänemark entführt haben. Als Dennis im Haus auf dem Fußboden spielte, habe Martin N. entschieden, ihn zu töten. Er sei von hinten an ihn herangetreten und habe ihn mit seinen Händen erwürgt. Die Leiche verbuddelte er an einer Düne. So trägt es der Staatsanwalt vor. Dennis‘ Vater schüttelt den Kopf, hält sich die Hand vor seine Augen.

Vor Michael R. sitzt Familie J. Vater, Mutter, Bruder. Nur Stefan fehlt. Seit 19 Jahren. Sein kleiner Bruder, der mit den Eltern als Nebenkläger am Prozess teilnimmt, war fünf Jahre alt, als der 13-jährige Stefan aus einem Internat nahe Scheeßel in Niedersachsen verschwand. Martin N. hat nach Erkenntnis der Staatsanwaltschaft auch Stefan missbraucht, verschleppt und erwürgt.

„Der lässt mich kalt“, sagt Vater Ulrich J. nach der Verhandlung über Martin N. Was das für ein Mensch ist, der fähig ist, mindestens drei Kinder zu töten und Dutzende sexuell zu missbrauchen, interessiert den 68-Jährigen nicht. Ihm geht es um „die Wahrheit“. Er will ganz genau wissen, was damals mit seinem Sohn geschehen ist.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Stefan sterben musste, damit er den sexuellen Missbrauch nicht verrät. Ulrich J. ist hingegen überzeugt, dass Martin N. aus Mordlust und zur sexuellen Befriedigung getötet hat. Der Vater deutet an, dass es Anzeichen gebe, dass N. sich auch am toten Kind noch verging.

Ein seltsamer Jugendbetreuer

Der Angeklagte hört sich das alles an. Auch die Geschichte von Babette K. Ihr Sohn Dennis ist nach dem Stand der Ermittlungen das letzte Opfer von N. gewesen. Der Neunjährige schlief, als Martin N. ihn im September 2001 aus seinem Bett aus einem Schullandheim nahe Bremerhaven hob. N. soll ihn sexuell missbraucht und erwürgt haben, als der Junge drohte, mit seiner Lehrerin zu sprechen.

Martin N. wirkt jetzt unruhig. Seine Augen finden keinen Halt. Mal blickt er an die Decke, mal zum Richtertisch. Nur nach vorne zur Bank der Nebenkläger schaut er nicht. Dort sitzt Martin W. Im Februar dieses Jahres gab der 26-Jährige den Hinweis, der zur Festnahme des mutmaßlichen Täters führte.

Der junge Mann sah einen Fahndungsaufruf der Soko „Dennis“. Er erinnerte sich an einen seltsamen Jugendbetreuer, der ihn, als er zehn Jahre alt gewesen ist, detailliert nach seinem Zuhause ausgefragt hatte. Wenige Monate später stand der Mann mit der Maske dann an seinem Bett.

Nun muss sich Martin N. wegen dreier Morde und 23-fachen sexuellen Missbrauchs verantworten. Er hat die Taten gestanden und noch 20 weitere Missbrauchsfälle, die verjährt sind. Ein Psychiater hat N. bereits begutachtet. Es heißt, er habe ihn für schuldfähig befunden. Damit droht dem gebürtigen Bremer eine lebenslange Freiheitsstrafe und anschließende Sicherungsverwahrung.

„Herr N., es steht Ihnen frei, sich zu äußern“, sagt der Vorsitzende Richter jetzt. N. nickt. Seine Verteidiger haben für den nächsten Verhandlungstag eine umfassende Erklärung „zur Person und zur Sache“ angekündigt. N. wird nicht selber sprechen. Seine Anwälte tun das für ihn.