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Donnerstag, 17.08.2017

Kliniken im Fadenkreuz

Es geschieht in Afghanistan, der Ukraine, Syrien und Zentralafrika: Brutale Angriffe auf Krankenhäuser gehören zur Strategie der Kriegsparteien.

Von Jan Dirk Herbermann, Genf

Menschen versuchen am 28. April 2016 in Aleppo (Syrien) Opfer unter den Trümmern eines Luftangriffs auf ein Krankenhaus zu bergen.
Menschen versuchen am 28. April 2016 in Aleppo (Syrien) Opfer unter den Trümmern eines Luftangriffs auf ein Krankenhaus zu bergen.

© dpa

Der Tatort war eine Gesundheitsstation in Gambo in der Zentralafrikanischen Republik. Am 3. August 2017 trafen sich Ärzte, Pfleger und Rotkreuz-Helfer zu einer Krisensitzung. Sie debattierten die hoffnungslose Lage für Kranke und Verletzte im Südosten des Bürgerkriegslandes. Dann kam der Angriff. Mindestens sechs Rotkreuz-Mitarbeiter wurden getötet.

Was in Gambo passierte, gehört in vielen bewaffneten Konflikten zum Alltag: Regierungstruppen, Rebellen, Milizen und Terrorbanden attackieren gezielt Krankenhäuser und Ambulanzfahrzeuge. Sie töten absichtlich Ärzte, Pfleger und Patienten. „In der Vergangenheit war das Rote Kreuz ein Schutzzeichen, heute ist es eher ein Ziel für Bombardierungen“, warnt Paul Spiegel, Professor am Johns Hopkins Center für humanitäre Gesundheit in den USA.

Allein in den ersten drei Monaten 2017 verzeichnete die Weltgesundheitsorganisation in verschiedenen Kriegsländern 88 Angriffe auf Hospitäler, Krankenwagen und medizinisches Personal. In zwei Dritteln der Fälle war Syrien betroffen. Kliniken und Medizin-Konvois wurden geplündert, Mitarbeiter verschleppt. Mehr als 160 Menschen wurden getötet und verletzt. Für das Jahr 2016 erfassten die Statistiker 302 Angriffe mit knapp 1 000 Toten und Verletzten.

„Die Dunkelziffer liegt weitaus höher“, erklärt Ali Naraghi vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK). Der Leiter des IKRK-Programms zum Schutz von Gesundheitseinrichtungen betont: „Jeder Angriff auf ein Hospital oder einen Arzt, ob in Syrien, Libyen, Somalia, Südsudan oder der Ukraine, ist ein Kriegsverbrechen und ein Angriff auf die Menschlichkeit.“

Naraghi erlebte selbst, wie 2005 eine Gesundheitsstation in Sudans Darfur-Region zerschossen wurde. Die Station lag auf der Frontlinie zwischen Rebellen und Regierungstruppen. Nach dem Beschuss blieb nur ein rauchender Trümmerhaufen übrig.

Die Attacken haben verheerende Konsequenzen. „Die gesamte medizinische Versorgung der Menschen in Konfliktregionen steht auf dem Spiel“, erklärt Bruno Jochum von Ärzte ohne Grenzen. Er nennt ein Beispiel: In Kundus im Norden Afghanistans griffen im Oktober 2015 US-Streitkräfte die Klinik an. Sie versank in Schutt und Asche. Mehr als eine Million Menschen haben seitdem keine ausreichende chirurgische Versorgung mehr.

Nach Ansicht von Juristen reicht der völkerrechtliche Rahmen aus, um Gesundheitseinrichtungen im Kriegsfall zu schützen. So verbietet die Genfer Konvention Angriffe; es sei denn, die Einrichtungen werden für militärische Zwecke missbraucht. Das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofes bekräftigte das Verbot. Das Statut legt auch fest: Absichtliche Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen müssen als Kriegsverbrechen geahndet werden. Das aber passiert so gut wie nie.