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Mittwoch, 19.03.2014

Kiffer wollen Schule umsiedeln

Im Zentrum von Amsterdam sollen viele Coffeeshops schließen, weil sie in einer Bannmeile liegen. Die Rettungsidee klingt so skurril wie stoned.

Die Nähe zur Amsterdamsche School (M.) bringt einige Coffeeshops in Not.Foto: Roosen
Die Nähe zur Amsterdamsche School (M.) bringt einige Coffeeshops in Not.Foto: Roosen

Der Countdown für die Coffeeshops im Zentrum von Amsterdam läuft: Wenn 13 von ihnen bis zum 1. Juli keine Lösung aus der Tüte zaubern, löst sich ihre Gewerbelizenz in Luft auf. Der Grund für die wenig berauschenden Geschäftsaussichten ist ein Gesetz, das das niederländische Parlament vor zwei Jahren erließ: Das zieht eine Bannmeile im Radius von 250 Metern um jede Schule im Lande. Innerhalb dieses geschützten Raumes ist der Verkauf von Drogen verboten. Coffeeshops im klassischen Sinne sind damit tabu.

Ausgerechnet in so einer Zone liegt das kleine Kiffer -Idyll namens Café 420, mitten in der historischen Altstadt. In der engen Institution des legalen Rausches haben schon Millionen von Touristen ihre Joints gerollt und Marihuana gekauft wie andere Bonbons im Süßwarenladen. Die Gäste können dort Kaffee trinken oder eine Kleinigkeit essen, doch das Kerngeschäft widmet sich dem gepressten Harz des Hanfes, auch Haschisch genannt.

Coffeeshop-Chef Michael Veling hat nun eine Idee in der Öffentlichkeit lanciert, wie sich das drohende Dilemma der Shop-Schließung abwenden ließe: Man könne die störende Schule doch einfach aus ihrem Mietvertrag herauskaufen und ihr eine neue Bleibe besorgen. Dann könnten alle Kiffer im Zentrum von Amsterdam vor Freude Kringel in die Luft pusten. „Das ist wirklich eine interessante Idee, ich habe davon schon gehört“, sagt Bas Roosen. Gemeinsam mit seiner Kollegin Gwen Mertens bildet der Pädagoge das Direktorium der Amsterdamsche School, die 13 Coffeeshops das Leben und Überleben so schwer macht. Vier sollen mittlerweile bereits geschlossen haben. Man könne durchaus über alles reden, sagt Roosen, bloß wundere er sich darüber, dass genau das bisher noch niemand mit ihm persönlich getan habe. Was um so mehr irritiert, da das Café 420 zu Fuß nur drei Minuten von der Schule entfernt liegt – kaum 200 Meter.

Die Amsterdamsche School sei eine Privatschule, an der rund 30 Lehrkräfte um die 100 Schüler unterrichten, erklärt Roosen. Jede Klasse habe maximal 10 Schüler. Dieser Luxus kostet die Eltern pro Schuljahr bis zu 25 000 Euro. „Wir haben einen Mietvertrag für die nächsten drei Jahre, es besteht also kein zwingender Grund hier auszuziehen“, sagt der Direktor über sein schmales Haus mit den gelben Fensterrahmen und ohne den typischen Giebel, wie er viele Gebäude entlang der Grachten schmückt. Zudem sei die zentrale Lage ja bewusst gewählt, weil viele Schüler von außerhalb mit dem Zug kämen, ergänzt Roosen. Wie viel Geld für so einen Umzug überhaupt nötig wären, dazu schweigt er. Den anvisierten 1. Juli hält er in jedem Fall für illusorisch: „Keine Chance“.

Wer sich einen virtuellen Überblick verschaffen möchte über die Coffeeshop-Szene in Amsterdam, gibt diesen Begriff einfach in die Suchmaske des digitalen Stadtplans von Google Maps ein. Sofort ploppen überall kleine rote Punkte auf. Die Regierung will diese bis 2016 um die Hälfte reduzieren. Spätestens dann könnte auch dem Café 420 die letzte Stunde schlagen. Bereits seit Januar erhalten die Freunde des Cannabis dort erst ab 18 Uhr Einlass in die Welt der glühenden Gewürzmischungen. In der übrigen Zeit dominiere der illegale Straßenhandel das Geschäft mit den weichen Drogen, klagen die Coffeeshops.

Ursprünglich hatte sich die Regierung noch drastischere Maßnahmen ausgedacht: So sollte Touristen der Zutritt zu den Coffeeshops verwehrt werden, ein Novum nach 40 Jahren. Einheimische hätten ihre Tagesration von fünf Gramm Hasch nur noch mittels eines Mitgliedausweises kaufen können. Die Kiffer rebellierten und als Kompromiss kam unter anderem die Regelung mit den Bannmeilen um die Schulen heraus sowie verkürzte Öffnungszeiten.

Michael Veling betreibt sein Café, spricht offiziell für die Branche und saß auch schon als konservativer Abgeordneter im Stadtparlament. Umso weniger verstehe Schuldirektor Roosen, dass den professionellen Kiffern die existenzrettende Idee zur Umsiedlung der Schule erst zwei Jahre nach dem Erlass des Gesetzes kommt. Vielleicht hat das ja doch mit der Wirkung des Grases zu tun. (SZ/stb mit dpa)

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