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Donnerstag, 05.04.2018

Keine Durstlöscher

Zu viele zuckerhaltige Getränke verursachen laut Foodwatch in Deutschland 3 000 Tote jährlich. Das soll sich ändern.

Von Martina Hahn

Flüssige Zuckerbomben: rote Limonade, Zitronenlimonade, Cola und ein Energy-Drink.
Flüssige Zuckerbomben: rote Limonade, Zitronenlimonade, Cola und ein Energy-Drink.

© dpa/Monika Skolimowska

Ein Stuhl auf dem Podium bleibt leer – reserviert war er für einen Vertreter von Coca-Cola. Die Verbraucherorganisation Foodwatch hatte den weltweit größten Hersteller zuckerhaltiger Getränke am Mittwoch in ein Berliner Hotel eingeladen, um mit ihm über die Folgen des süßen Konsums auf Gesundheit und Gewicht zu debattieren. Doch Coca-Cola blieb fern. Am Weg lag’s nicht: Die deutsche Konzernzentrale sitzt im Gebäude nebenan.

Die Ergebnisse des aktuellen Coca-Cola-Reports von Foodwatch kratzen mächtig am Image des Konzerns: Coca-Cola sei durch sein Werbe- und Marketinggebaren sowie durch die Rezeptur seiner Getränke mit verantwortlich, dass die Menschen immer dicker und kränker werden. Wissenschaftler würden für Unbedenklichkeits-Studien gekauft. Außerdem versuche der Konzern mithilfe von Lobbyverbänden, die Gesundheitsgefahren von Zuckergetränken zu verschleiern – und Werbeverbote und Sondersteuern zu verhindern. „Besonders perfide ist, dass Kinder und Jugendliche gezielt über Youtube-Stars oder Fußball-Sponsoring beeinflusst werden“, sagt Oliver Huizinga, Autor der Studie. Einige Ergebnisse im Überblick.

Wie viel Zucker nehmen wir täglich zu uns?

Nimmt man freien und beispielsweise in Obst enthaltenen Zucker, verzehren Männer in Deutschland im Schnitt 124 Gramm und Frauen 113 Gramm Zucker pro Tag. Mädchen im Alter zwischen sechs und elf kommen auf 110 und Jungen auf 120 Gramm. Höher ist der Konsum bei Jugendlichen: Mädchen zwischen 13 und 17 kommen auf 150 bis 165 und Jungen auf 180 bis 210 Gramm.

Betrachtet man nur die Aufnahme der freien Zucker – also des Zuckers zum Kaffee ebenso wie Zucker aus Honig oder Säften –, dann verzehren Frauen täglich 60 und Männer 80 Gramm davon. Das ist doppelt so viel, wie die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt: Laut WHO sollte kein Mensch mehr als zehn Prozent der täglichen Energiemenge durch sogenannte freie Zucker aufnehmen, besser noch sind maximal fünf Prozent. Für eine erwachsene Frau heißt das: maximal 50, besser nur 25 Gramm Zucker am Tag.

Wie viel davon über zuckerhaltige Getränke?

Deutschland ist mit etwa 84 Liter pro Kopf und Jahr eines der Länder mit dem weltweit höchsten Konsum von zuckerhaltigen Getränken. Mehr Limonaden werden nur in Belgien und den Niederlanden getrunken. „Das sind leere Kalorien ohne Nährstoffe, die kein bisschen sättigen“, sagt Oliver Huizinga. „Und das unterscheidet eben ein süßes Obst-Smoothie von einer Fanta oder einem Energy Drink“.

Am häufigsten greifen hierzulande mit 600 Milliliter pro Tag Männer zwischen 18 und 29 Jahren zu Coca Cola, Sprite & Co. Doch auch der Nachwuchs konsumiert kräftig: Jungen zwischen 12 und 17 Jahren trinken im Schnitt einen halben Liter Limonade pro Tag, Mädchen etwa die Hälfte. Zum Vergleich: Die Amerikanische Herzgesellschaft empfiehlt für Heranwachsende maximal 240 Milliliter – pro Woche.

Welche Folgen hat das?

Dass wir immer dicker und kränker werden. Die WHO spricht bereits von einer „globalen Adipositas-Epidemie“. 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind übergewichtig und sechs Prozent fettleibig – doppelt so viele wie in den 90er-Jahren. Bei den Erwachsenen wiegt jeder Zweite zu viel und ist jeder Vierte adipös. Weltweit hat sich die Zahl der fettleibigen Menschen seit 1975 fast verdreifacht. Und seit etwa einem Jahrzehnt sind weltweit erstmals mehr Menschen fettleibig als untergewichtig.

Die Folgen sind chronische Erkrankungen wie Diabetes, Adipositas, Herz-Kreislauf- und Zahnerkrankungen, aber auch Gicht oder Fettleber. Weltweit stehen etwa 184 000 Todesfälle pro Jahr in Zusammenhang mit dem überhöhten Konsum zuckergesüßter Getränke, in Deutschland etwa 3 000, so die Foodwatch-Studie. „Bereits heute ist Deutschland unter den Top Ten der Länder mit dem höchsten Anteil an Diabetes“, sagt Huizinga. Schon eine einzige Dose am Tag erhöhe das Risiko für
die Entstehung von Übergewicht und Typ-2-Diabetes. „Daraus entsteht millionenfaches physisches und psychisches Leid und ein volkswirtschaftlicher Schaden in Milliardenhöhe“, mahnt Huizinga.

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Ist dieser Zusammenhang belegt?

„Ja, es gibt durchaus einen Zusammenhang zwischen zu viel Zucker und Erkrankungen“, sagt Birgit Brendel, Ernährungsspezialistin von der Verbraucherzentrale Sachsen. Was das Adipositas-Risiko durch zuckerhaltige Getränke betrifft, bestehe laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung (DGE) für Kinder eine „mögliche“ und für Erwachsene eine „wahrscheinliche“ Evidenz. Das bestätigt auch die Foodwatch-Studie: Zwar haben Übergewicht und Adipositas verschiedene Ursachen. Doch 80 Prozent der unabhängig finanzierten Studien zeigten einen Zusammenhang von Übergewicht und dem Konsum von Zuckergetränken. Zum gegenteiligen Ergebnis komme hingegen das Gros der von der Lebensmittelbranche bezahlten Studien.

Sind kalorienarme Limonaden eine Alternative?

Es ist nicht klar, wie gesund oder ungesund Limonaden sind, die mit nichtkalorischen Süßungsmitteln wie synthetischen und pflanzlichen Süßstoffen gesüßt werden. „Einen wissenschaftlichen Konsens gibt es da nicht“, sagt Huizinga. „Süßstoffe sind zwar nicht nachweislich schädlich, aber sie können beim Konsumenten zu einer Süßgewöhnung führen, wodurch dieser eventuell wieder mehr Süßes zu sich nimmt.“

Und sind Säfte besser?

Säfte enthalten zwar Vitamine und Mineralstoffe, aber auch jede Menge Zucker. Ein Liter Apfelsaft enthält fast so viele Kalorien wie ein Liter Coca-Cola. Und auch ein 250-ml-Glas Apfelsaft kommt auf 25 Gramm Zucker. Als Durstlöscher sind also auch Säfte nicht geeignet. Dennoch kann ein kleines Glas Saft eine der täglich empfohlenen Obstportionen ersetzen. Die besten Durstlöscher sind ungesüßte Getränke wie Wasser oder Tee.

Hilft eine Zuckersteuer?

Ja, sagt Foodwatch – und forderte von der Bundesregierung, endlich eine Herstellerabgabe für überzuckerte Getränke einzuführen. Das bringe Hersteller dazu, ihre Rezepturen zu überarbeiten. Zu dem Ergebnis, dass zusätzliche Steuern auf Softdrinks ein wirksames Mittel gegen die Zunahme chronischer und nichtübertragbarer Krankheiten sein können, kommen auch fünf internationale Studien, die am Mittwoch in der britischen Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht wurden. Sie hatten über 300 internationale Studien ausgewertet.

Eine solche Abgabe für Zuckergetränke und Soft Drinks gibt es unter anderem in Mexiko – dort ist der Verkauf der besteuerten Produkte innerhalb eines Jahres um zwölf Prozent zurückgegangen –, Ungarn, der Stadt Berkeley oder in Frankreich. Und ab kommendem Freitag in Großbritannien. Die ersten Limo-Hersteller auf der Insel haben schon reagiert und ihre Rezepte geändert. Um der Abgabe zu entgehen, hat Coca-Cola in Großbritannien den Zuckergehalt seiner Softdrinks Fanta und Sprite von 6,9 Gramm auf 4,5 beziehungsweise 3,3 Gramm gesenkt. Anders in Deutschland: Hier enthalten Fanta und Sprite noch immer mehr als 9 Gramm Zucker.

Und was sagt Coca-Cola zum Report?

„Übergewicht ist ein komplexes Phänomen. Einfache Antworten lösen das Problem nicht“, sagt Patrick Kammerer, Mitglied der Geschäftsleitung. „Wer sich nur auf ein Lebensmittel und einen Inhaltsstoff konzentriert, verfehlt das Ziel. Es braucht den Willen zu gemeinschaftlichen Lösungen. Wir leisten unseren Beitrag dazu: Wir verändern Rezepte, investieren in neue Getränke und fahren fort, den Zuckergehalt in unserem Sortiment zu reduzieren – bis 2020 um zehn Prozent.“