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Mittwoch, 13.09.2017

Keine Bewertung möglich

Vermeintlicher Wolfsriss in Weißig: Laut Gutachten des Landratsamtes reichen die Überreste des Kälbchens nicht aus.

Von Catharina Karlshaus

War der Wolf schuld am Tod eines Weißiger Kälbchens? Ein Gutachten des Landratsamtes lässt weiter Zweifel an der Einschätzung der Jäger.
War der Wolf schuld am Tod eines Weißiger Kälbchens? Ein Gutachten des Landratsamtes lässt weiter Zweifel an der Einschätzung der Jäger.

© Bernd Thissen/dpa

Großenhain. Evamaria Langkabel bleibt dabei. Bevor sie nicht den offiziellen Untersuchungsbericht in ihren Händen hält, will die Vorstandsvorsitzende der Agrargenossenschaft Weißig am Raschütz e. G. nichts öffentlich sagen. Zwar habe sie sich natürlich seit dem Auffinden des toten Kälbchens bei Oelsnitz vor gut zwei Wochen ihre ganz eigenen Gedanken gemacht. In der Zeitung lesen will Evamaria Langkabel diese aber nicht. Nicht, bevor sie selbst schwarz auf weiß vor sich liegen hat, was das sächsische Wolfsbüro in Rietschen am Dienstag im Briefkasten vorfand.

Während dessen Leiterin Vanessa Ludwig Ende vergangener Woche noch keine Kenntnis vom Vorfall hatte, habe sich das Landratsamt Meißen – die Abteilung Untere Naturschutzbehörde betreut das Wolfsmanagement im Kreis – inzwischen bei ihr gemeldet. Wie auch schon die SZ am Mittwoch berichtete, habe man demnach nicht weit entfernt der Charolais-Herde die spärlichen Überreste eines Kälbchen entdeckt. Lediglich einzelne bleiche Knochen wären am westlichen Rand von Oelsnitz durch den Mitarbeiter der Unteren Naturschutzbehörde sichergestellt worden. „Nach Aussage des Gutachters fanden sich weder Schleifspuren, noch Fellreste, Huf- oder Blutspuren“, erklärt Behördensprecherin Dr. Kerstin Thöns.

Zu wenige Spuren also, um eine eindeutige Bewertung der Todesursache abgeben zu können. Es lägen zudem keine Anhaltspunkte vor, dass das frisch geborene Tier tatsächlich durch einen Wolf ums Leben gekommen ist. Denn zwar, so Vanessa Ludwig, könne ein Wolf auch Knochen durchbeißen und mal ein größeres Stück hinunterschlingen. Das aber wie im Fall des weißen Kälbchens nicht ein einziges Stück übrigbliebe, sei eher untypisch. „Man muss wirklich immer schauen, welche Hinweise es auf eine mögliche Tötung durch den Wolf gibt! Etwa der Biss durch die Kehle eines Tieres oder das Verschleppen “, gibt Vanessa Ludwig zu bedenken.

Angesichts dessen, was die Mitarbeiter des Meißner Landratsamtes vor Ort vorgefunden hätten, sei eher davon auszugehen, dass das Kälbchen schon länger tot gewesen ist. Füchse, Wildschweine, Raben, Krähen oder anderes Getier könnten sich über den Kadaver hergemacht haben. Vielleicht sogar auch ein Wolf. Aber das Tier selbst gerissen? „Nach nur einer Nacht müsste erfahrungsgemäß mehr übrig sein“, weiß Vanessa Ludwig.

Überlegungen von Tierhaltern oder Jägern, der Tod des Kälbchens trage die Handschrift des Wolfes, kann die Projektleiterin indes nachvollziehen. Im Jahr 2016 sei anhand von Fotos immerhin erstmals das Vorhandensein von fünf Wölfen – zwei Elterntiere und drei Welpen – im Raschützwald nachgewiesen worden. Und dass die Rückkehr der Wildtiere nicht ohne Konflikte verlaufe, sei ihr durchaus klar. Für Oelsnitz aber gelte: „Anhand der Faktenlage ist ein Wolfsriss nicht hundertprozentig auszuschließen, da eben keine Bewertung möglich ist. Doch es gibt keine Indizien!“

Etwas, das die Jäger in der Region gänzlich anders bewerten. Schließlich sei alles eine Frage der Auslegung, sagen sie. Jürgen Nitzsche etwa, der sich seit zwei Jahren mit seinem Sohn das gut 1000 Hektar große Revier in Oelsnitz-Niegeroda teilt, bleibt trotz der offiziellen Einschätzung bei seiner Vermutung. „Mein Sohn ist nach dem Anruf von Frau Langkabel gleich vor Ort geeilt und hat mit eigenen Augen die Schleifspur im Gras gesehen“, erinnert Jürgen Nitzsche. 30 bis 40 Kilogramm schwer seien die Kälbchen – selbst für einen noch so durchtrainierten Fuchs zu viel.

Wie der erfahrene Jäger betont, habe er selbst mit dem Herden-Verantwortlichen gesprochen, um sich ein abgerundetes Bild zu machen. Ihm hätte schließlich auffallen müssen, wenn eines seiner Tiere seit Tagen tot herumgelegen hätte. „Wissen Sie, genau das ist das Problem! Am Ende bleibt der Landwirt mit seiner Sorge und dem Schaden allein. Unsere Bedenken werden als Jägerlatein abgetan, aber sachlich miteinander ins Gespräch kommt man nicht.“