Montag, 26.11.2012
Keine Angst vorm Jäger, Wolf
Michael Weber ist Landwirt, Jäger und Forstbesitzer. Er wirbt für einen entspannterenUmgang mit dem Wolf – und einen Blick über den Jäger-Tellerrand hinaus.
Michael Weber in seinem Wald auf Herwigsdorfer Flur. Die Verbissspuren, die das Rehwild hinterlassen hat, sind deutlich zu sehen. Foto: Matthias Weber
Wenn Michael Weber in seinem Wald steht, kann man sie fast sehen, die Wurzeln, die er hier geschlagen hat. Der 41-Jährige Herwigsdorfer liebt die rund zwölf Hektar Wald, die seine Familie nun schon seit mindestens sieben Generationen bewirtschaftet. Das Geyersche Gut nennen die Alteingesessenen im Dorf noch heute Webers Besitz rund um die Hirschberg-Quellkuppe, den die Familie nach der Enteignung zu DDR-Zeiten wieder zurückerhalten hat.
Seitdem kümmert sich Weber, der hauptberuflich ohnehin in der Forstwirtschaft arbeitet, intensiv selbst um den Wald – und stößt immer wieder an Grenzen. „Wie mit einem Rasenmäher abgemäht“, seufzt der Waldbesitzer und weist auf spillrige Zweiglein, die aus dem Boden lugen. Das Rehwild verbeiße einfach alles. All das, was schmecke – Ahorn, Eiche, Esche oder Ulme – habe keine Chance, sich natürlich zu verjüngen, sagt Weber. Deshalb hat der Mann, der selbst sowohl Jäger, Forstwirt als auch ausgebildeter Landwirt ist, auch keine Angst vor einer Ausbreitung des Wolfes. Im Gegenteil: Er hätte kein Problem damit, wenn der Wolf hierherkommen und als natürlicher Feind die Rehbestände in Schach halten würde, sagt er.
Dass er da vor allem mit vielen Jägern über Kreuz liegt, weiß Michael Weber nur zu gut. „Es geht ein Riss durch die Jägerschaft“, sagt er. Viele Jäger sehen den Wolf als Konkurrenten und machen sich Sorgen um ihre Wildbestände. Bei immensen Wolfsschäden wie im Norden des Landkreises, kann er das auch verstehen. Aber die aktuelle Diskussion um das Muffelwild, das in den Königshainer Bergen durch den Wolf deutlich dezimiert worden ist, sieht er anders: „Das Muffelwild ist hier nicht heimisch, es wurde in den 1950er Jahren vom Menschen angesiedelt“, sagt er. Es gehöre nicht hierher.
Widerspruch vom Ober-Jäger
Mit solchen Worten erntet Weber beim Präsidenten des Sächsischen Landesjagdverbandes, Knut Falkenberg, harsche Kritik. Falkenberg wohnt im selben Ort wie Weber – ihre jeweiligen Ansichten kennen die beiden. Für Knut Falkenberg ist das Muffelwild hier sehr wohl heimisch. Vor der letzten Eiszeit habe es hier gelebt, sagt er. Zudem gehöre das Tier zur Kulturlandschaft, sei ein Stück Heimat und ziehe auch Touristen an.
Der Wolf ist für Falkenberg bereits ein vorhandener Konkurrent für die Jäger. Von den 400 Stück Muffelwild, die 2010 noch in den Königshainer Bergen gezählt worden seien, haben man jetzt noch knapp 150 gezählt, verweist Falkenberg auf die Zahlen. Für ihn passt der Wolf einfach nicht mehr in die Kulturlandschaft, die der Mensch hier in den Jahrhunderten geschaffen hat. Er störe das Gleichgewicht, vermehre und verbreite sich rasch. Das mache es schwierig, mit dieser hochgradig geschützten Art umzugehen. Zumal der Wolf dem Menschen auch Rückschläge erteilt, wo über Jahre mühsam mit viel Geld Arten wieder aufgepäppelt wurden – wie beim Fischotter. „Artenschutz ist für uns Jäger nicht teilbar“, insistiert Knut Falkenberg.
Doch gerade hier liegt für Michael Weber das Problem. Denn in seinen Augen ist dies zu kurzsichtig: „Ich wünschte mir, die Jäger hätten dabei auch etwas mehr die Forstwirtschaft im Blick“, sagt er. Denn ein zu hoher Rehbestand – wie er ihn seiner Ansicht nach in seinem Wald hat – schade eben vielen Baumarten: „Zu viel Rehwild dezimiert wichtige Baumarten“, sagt er.
Selbst jagen kann Weber in seinem Wald übrigens nicht – das ist gesetzlich erst bei einem Waldbesitz ab 75 Hektar am Stück erlaubt. Michael Weber ist deshalb Mitglied in der Jagdgenossenschaft, sein Wald ist an andere Jäger zur Pacht vergeben. Er kann zwar selbst Ziele setzen, aber es sei eben doch etwas anderes als wenn man es selbst regeln würde.
Wie gut das funktionieren kann, sieht Weber bei seinem Waldnachbarn: Die Evangelische Brüder-Unität (EBU) ist ein großer Waldbesitzer und damit auch berechtigt, selbst zu jagen. „Wir tun das intensiv und halten damit den Schaden durch Rehe im Baumbestand in Grenzen“, sagt der EBU-Förster Matthias Clemens. Eine Strecke von zehn Rehen auf hundert Hektar pro Jahr sei eine Größe, die sich gut eingespielt habe, sagt Clemens. Auch er ist pro Wolf eingestellt, weil er aus anderen europäischen Ländern von guten Erfahrungen gehört hat: „Der Wolf soll leben, wo er hingehört, auch wenn er nicht überall leben muss“, sagt Clemens mit Blick auf die Probleme von Schafhaltern.
Sichtungen im Raum Löbau
Dass sich der Wolf sehr stark in der hiesigen Gegend ausbreitet, glaubt der Herrnhuter Clemens ohnehin nicht: „Dazu sind hier viel zu viele Menschen im Wald“, sagt er. Gesehen worden soll der graue Jäger aber auch hier schon sein: Im Raps in Rennersdorf habe man Wölfe gesichtet, sagt Matthias Clemens. Und auch Landesjagd-Chef Knut Falkenberg weiß von Sichtungen rund um Löbau.
Ob der Wolf nun kommt oder nicht – Michael Weber zäunt Waldflecken ein, um künstlich mit einer gesunden Mischung aufzuforsten. Dabei werde doch die natürliche Waldverjüngung per Gesetz sogar angestrebt, seufzt er. Doch es funktioniert eben nicht: Die eine junge Buche, die zufällig diesseits des Zauns ausgeschlagen hat, ist nicht nur durch den Verbiss schief und krumm, sondern auch nur ein Viertel so hoch wie ihre Artgenossen jenseits des Zauns.
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Wenn Michael Weber in seinem Wald steht, kann man sie fast sehen, die Wurzeln, die er hier geschlagen hat. Der 41-Jährige Herwigsdorfer liebt die rund zwölf Hektar Wald, die seine Familie nun schon seit mindestens sieben Generationen bewirtschaftet. Das Geyersche Gut nennen die Alteingesessenen im Dorf noch heute Webers Besitz rund um die Hirschberg-Quellkuppe, den die Familie nach der Enteignung zu DDR-Zeiten wieder zurückerhalten hat.(...)
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