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Samstag, 24.03.2018 Perspektiven

Kein Respekt, nirgends

Uwe Tellkamp wird kollektiv verurteilt. Der Sieg der Empörten ist eine Niederlage für die offene Gesellschaft, meint unser Gastautor Franz Sommerfeld.

Von Franz Sommerfeld

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Uwe Tellkamp ist bekannt als Autor des Dresden-Romans „Der Turm“. Jetzt tobt um ihn ein Meinungsstreit.
Uwe Tellkamp ist bekannt als Autor des Dresden-Romans „Der Turm“. Jetzt tobt um ihn ein Meinungsstreit.

© dpa

  • Uwe Tellkamp ist bekannt als Autor des Dresden-Romans „Der Turm“. Jetzt tobt um ihn ein Meinungsstreit.
    Uwe Tellkamp ist bekannt als Autor des Dresden-Romans „Der Turm“. Jetzt tobt um ihn ein Meinungsstreit.
  • Franz Sommerfeld, geboren 1949 in Leer (Ostfriesland), war Mitbegründer der Wochenzeitung Der Freitag. In den Neunzigern war er bei der Berliner Zeitung Reporter, ab 1997 stellvertretender Chefredakteur. 1999 wurde er Chefredakteur der Mitteldeutschen Zeitung, 2000 Chefredakteur des Kölner Stadt-Anzeigers. Zuletzt war er im Vorstand der Mediengruppe M. DuMont Schauberg.
    Franz Sommerfeld, geboren 1949 in Leer (Ostfriesland), war Mitbegründer der Wochenzeitung Der Freitag. In den Neunzigern war er bei der Berliner Zeitung Reporter, ab 1997 stellvertretender Chefredakteur. 1999 wurde er Chefredakteur der Mitteldeutschen Zeitung, 2000 Chefredakteur des Kölner Stadt-Anzeigers. Zuletzt war er im Vorstand der Mediengruppe M. DuMont Schauberg.

Die unermüdlichen Verteidiger der freien Gesellschaft haben einen großen Sieg errungen. Der Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp hat seine umstrittenen Behauptungen weder wiederholt noch verteidigt. Seine geplante Lesereise hat er abgesagt, nachdem er über Tage einem feuilletonistischen Trommelfeuer der Empörung ausgesetzt war, das vom Vorwurf sozialer Kälte und Unerbittlichkeit bis zur Unterstellung reichte, Tellkamp betreibe das Spiel der Neonazis. In der Süddeutschen Zeitung wurde gar behauptet, er vertrete gar keine politische Meinung, sondern sei in einem Wahnsystem verfangen. Jeder Osteuropäer erinnert sich daran, dass ein solcher Vorwurf zu sowjetischen Zeiten zur Einweisung genügt hätte. Auch wenn sie zumindest hierzulande überwunden sind, bleibt die Erinnerung und wird bei manchen ein leises Schaudern auslösen.

Anlass des Empörungssturms war die von Tellkamp während eines Streitgesprächs mit dem Dresdner Schriftsteller Durs Grünbein erhobene Warnung vor zu starker Zuwanderung. Der Schriftsteller hatte die fehlende Behandlung der Flüchtlingskrise im Parlament und eine tendenziöse Berichterstattung kritisiert und behauptet, dass es Mut brauche, eine vom vorgegebenen Meinungskorridor abweichende Auffassung auszusprechen. Über all das ist zu streiten, erst recht über seine Behauptung, 95 Prozent der Flüchtlinge wollten nur ins deutsche Sozialsystem. Statt einer Diskussion gab es eine weitgehend kollektive Verurteilung, die Tellkamp fürs Erste zum Schweigen brachte, sicher nicht auf Dauer.

Natürlich ist es die freie Entscheidung von Tellkamp, zu schweigen und die Lesungen abzusagen. Der Mainzer Historiker Andreas Rödder charakterisiert diese „Freiheit“ als eine „technische“: „Es heißt immer, in Deutschland könne man alles sagen. Das stimmt, allerdings nur in einem technischen Sinne. Eine offene Debatte erfordert mehr als das, nämlich Respekt für die Meinung des anderen, auch und gerade, wenn sie mir nicht gefällt.“ Diesen Respekt erhielt Tellkamp nicht. Darum ist der Sieg der empörten Feuilletonisten eine Niederlage der offenen Gesellschaft, weil er ihre Offenheit einschränkt. Beide Seiten setzen auf Grenzen: Die einen wollen Flüchtlingsströme begrenzen, die anderen wollen gefährliche Ideen ausgrenzen. Bei beiden ist Angst zu spüren. Die einen fürchten zu viele Fremde, die anderen den weltweiten Vormarsch autoritärer Bewegungen und Regime.

Spätestens mit der Übernahme der Oppositionsführung durch die AfD ist im Bundestag nicht länger zu übersehen, dass das weithin geltende Einverständnis von einer offenen, liberalen und europäisch orientierten Gesellschaft bröckelt. In wachsendem Maße beteiligen sich rechte und rechtsradikale Intellektuelle an der bislang von Linken und Linksliberalen dominierten öffentlichen Debatte. Was Franzosen und Italiener gewohnt sind, erschreckt viele Nachkriegsdeutsche, vornehmlich im Westen. Ihnen gilt der deutsche Osten, Gaucks Dunkeldeutschland, als Einfallstor des Autoritären. So wird Tellkamp zur Inkarnation all dessen, was man am Osten schon immer fürchtete. Da die Mauer nicht wieder zu errichten ist, bleibt nur die geistige Abgrenzung. Sie fällt leicht, weil das westdeutsche Interesse für den Osten auch ein Vierteljahrhundert nach der deutschen Vereinigung begrenzt bleibt. Eine Ausnahme ist der Schriftsteller und Publizist Navid Kermani, der für sein neues Buch durch Osteuropa gereist ist, um das Fremde zu verstehen, einer der wenigen Neugierigen.

Der leidenschaftliche Europäer lässt es zu, dass sein europäisches Ideal in Frage gestellt wird. In der Berliner Zeitung bekennt Kermani: „Ich habe verstanden, warum nicht allen Menschen Europa als eine nur brillante Idee erscheint“, sondern „als Bedrohung ihrer Eigenheiten. Als müssten sie für Wohlstand und soziale Segnungen, die Europa verheißt, mit allem bezahlen, was ihnen vertraut ist, was sie für sich beanspruchen und worin sie sich von anderen unterscheiden … Und sie fürchten, dass Europa alles nivelliert, gewachsene Kulturen zerstört.“ Kermanis beispielhafte Stärke liegt darin, dass er diese Werte, die den seinen entgegengesetzt sind, wahr und vor allem ernst nimmt. Er lernt.

Die Ostdeutschen stehen in dieser osteuropäischen Tradition. Sie haben in der DDR schon einmal den Zusammenbruch eines Systems erlebt. Auch wenn es den meisten heute besser geht, mussten sie mit einem völligen Neuanfang zahlen. Ihr Leben wurde auf den Kopf gestellt. Dass sie daher eine Wiederholung fürchten, ist zumindest nachzuvollziehen. Sie trauen der Bundesrepublik nicht zu, so viele Flüchtlinge zu integrieren. Sie haben in den zurückliegenden Jahren immer wieder erlebt, dass ihre Erfahrungen in der vereinten Republik wenig gefragt sind. Nun fürchten sie um das gemeinsame Deutschland. Das mag den düsteren Ton im Auftritt Tellkamps erklären.

Die Ängste, die der weltweite Zeitenbruch auslöst, sind ganz unterschiedlicher Art: Die einen fürchten Flüchtlinge, die anderen Trump und eine autoritäre Zerstörung der offenen Gesellschaften. Vielleicht wäre es ein erster Schritt, einander die Ängste einzugestehen. Der Beginn von Respekt.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 65 Kommentare

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  1. Richtigstellung

    "Anlass des Empörungssturms war die von Tellkamp während eines Streitgesprächs mit dem Dresdner Schriftsteller Durs Grünbein erhobene Warnung vor zu starker Zuwanderung." Mit dieser irreführenden Aussage macht der Autor, Franz Sommerfeld, von der gleichen Vernebelungsrhetorik Gebrauch, wie Tellkamp selbst. Nicht wegen seiner "Meinung" hat sich Tellkamp an den Pranger gestellt, sondern wegen der Äußerung einer Vielzahl von FALSCHEN Fakten; um die alle aufzuzählen, fehlte hier Platz. "Statt einer Diskussion gab es eine weitgehend kollektive Verurteilung, die Tellkamp fürs Erste zum Schweigen brachte" Diese Aussage ist abenteuerlich. Eine Diskussion gab es deswegen nicht, WEIL Tellkamp auf den Vorwurf der fake news-Verbreitung nicht antworten kann, ohne weiter zu lügen oder sich die Falschdarstellung einzugestehen. Es ist wirklich beispiellos wie man sich mit bloßem Schweigen als Opfer inszenieren kann.

  2. Gunter Zeidler

    "WER DIE WAHRHEIT AUSSPRICHT BRAUCHT FLINKE FÜßE", hieß es früher mal. Das war in der Zeit, als die Füße Mutige noch vor den Säbeln der Gendarmen retten konnten. Heute werden Existenzen mit einigen Tastenanschlägen und einem Mausklick, aus dem Ledersessel eines altlinken Chefredakteurs heraus, zerstört. Ich danke UT und drücke ihm die Daumen, daß er es unbeschadet übersteht ...

  3. Gerrit

    guter Kommentar, danke sz

  4. vinzenz

    Sehr schön kommentiert, hochachtung Herr Sommerfeld. Man kann nichts hinzufügen.

  5. Schwejk

    "Eine offene Debatte erfordert mehr als das, nämlich Respekt für die Meinung des anderen, auch und gerade, wenn sie mir nicht gefällt. Diesen Respekt erhielt Tellkamp nicht." Ich kann mich täuschen, aber hat Tellkamp den großen Hype um seinen "Turm", seine Emporhebung zum "großen Dichter" durch Verlag und Medien nicht unwidersprochen genossen -auch und obwohl viele das anders sahen? Da war die Welt noch gut. Jetzt, wo er sich nach merkwürdigen, nicht von intellektuellem Scharfsinn getragenen öffentlichen Reden als der einfache Transporteur tumber falscher Behauptungen (z.B.95%...) offenbarte, findet er die mediale Aufmerksamkeit doof. Hätte er als "Mann des Wortes" seine Ängste nicht offen und weniger denunziatorisch formulieren können? Dann wären sie als Meinung zu akzeptieren gewesen - so sind es Aneinanderreihungen von Zitaten, verbrämt ausgrenzenden Unterstellungen. Dafür keinen Respekt!

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