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Samstag, 27.12.2008

„Kein Profit durch Krieg und Kinderarbeit“

Andrew Murphy investiert das Geld seiner Klienten unter Beachtung sozialer und ökologischer Kriterien.

Von Hannes Koch

Vor dem Bildschirm, an dem sonst Millionen Euro bewegt werden, sitzt ein Mädchen. Es ist neun Jahre alt und spielt ein Computerspiel. Auf dem Schreibtisch steht ihr Bild – da lacht sie in die Kamera. Ihr kleiner roter Rucksack lehnt am Regal, daneben wartet der Rollkoffer. Morgen früh geht es los nach Berlin, mit Papa, übers Wochenende. Andrew Murphy schnippt mit Daumen und Zeigefinger. Man wacht plötzlich auf, wenn man Vater wird. Ein Kind erziehen, sagt er, und gleichzeitig Geld so investieren, dass es seiner Zukunft schadet, das geht nicht.

Andrew Murphy, 1968 geborener Sohn einer deutschen Mutter und eines irischen Vaters, ist einer der beiden Chefs der Investmentfirma Murphy&Spitz in Bonn. 1999, ein Jahr nach der Geburt seiner Tochter Thalia, hat er das Unternehmen gegründet. Ihm vertrauen mehr oder weniger vermögende Mitbürger viel Geld an.

Murphy&Spitz kaufen und verkaufen Aktien in großem Stil, und sie beteiligen sich an Unternehmen. Die Investmentfirma investiert unter Beachtung sozialer und ökologischer Kriterien anders als die meisten konventionellen Institute. Und auch anders als die Deutsche Bank, bei der Murphy seine Laufbahn begann. Dort habe ein schlichtes Ziel über allem gestanden, berichtet Murphy: maximaler Profit.

Als geistige Verarmung bezeichnet der grüne Investor das heute. Man macht sich zu einem amoralischen Wesen. Nun will Murphy Wahlfreiheit herstellen. Die Anleger sollen sich entscheiden können. Deutsche Bank oder Murphy&Spitz. Dort der schiere Profit, hier Gewinn plus zweite Ernte – finanzieller und moralischer Mehrwert gleichzeitig. Die Investment-Spezialisten aus Bonn versprechen, die Welt besser zu machen, indem sie das Geld der Anleger an die richtigen Stellen lenken. An den Aktiendepots und Fonds der Bonner Investoren sind etwa 2000 Privatanleger beteiligt, gemeinsam gehören ihnen Anteile von rund 40 Gesellschaften – darunter die Solarfirmen Phoenix und Repower, Schmack Biogas und die Medizintechnik-Unternehmen AAP Implantate und Drägerwerk. Über 60Millionen Euro Kapital verfügt die Anlegergemeinschaft.

Zu den Auswahlkriterien von Murphy&Spitz gehört, dass Firmen, deren Aktien gekauft werden, nichts mit dem Militär zu tun haben dürfen. Sie sollen nicht an der Atomwirtschaft beteiligt sein, nicht mit Tieren experimentieren, keine Kinderarbeit praktizieren und die Menschenrechte achten. „Das heißt, dass wir uns bei Unternehmen, die in China produzieren oder sich von dort beliefern lassen, nicht engagieren“, sagt Murphy.

Murphy: Wir sind Profiteure

Angesichts der Finanzkrise bleibt Murphy gelassen. Zwar haben auch er und seine Anleger Wertverluste zu verschmerzen, doch er sagt: „Wir gehören zu den Profiteuren.“ Mehr Menschen investieren ihr Geld bei Murphy&Spitz, und auch die Summe des angelegten Kapitals steigt. Selbst im Krisenjahr 2008 beträgt der Zuwachs rund 30 Prozent.

Diese Entwicklung entspricht den Erfahrungen, die auch andere Anbieter ethischer Investments wie die Umweltbank in Nürnberg oder die GLS-Bank in Bochum machen. Ökologische und soziale Geldanlage ist bislang noch eine Nische, aber sie wächst stark. Vor allem zwei Gründe scheinen für den Wechsel der Anleger eine Rolle zu spielen: das Bedürfnis nach relativer Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit.

Viele Privatinvestoren haben die Nase voll von risikoreicher Spekulation an den globalen Finanzmärkten. Statt in fantastische Wertpapiere stecken sie ihr Geld lieber in reale Firmen, die moderne und aussichtsreiche Produkte wie Solaranlagen und umweltfreundliche Fahrzeuge herstellen. Die Klientel spricht Murphy gezielt an. Anlegern, aber auch Tochter Thalia, verspricht er, mit ihrem Geld verantwortungsbewusst umzugehen.

Mehr zum Thema lesen sie bei Hannes Koch: Soziale Kapitalisten Vorbilder für eine gerechte Wirtschaft, Rotbuch 2007, 192 S., 19,80 Euro