erweiterte Suche
Samstag, 26.03.2016

Kein Grund, sich zu verkriechen

Vielen Menschen ohne Arbeit fehlt der Antrieb. Doch es gibt ein Projekt, wofür es sich lohnt, aus dem Haus zu gehen.

Von Nadja Laske

Simone (l.) und Gudrun treffen sich gern im Projekt Auftrieb zum Frühstück. Hier finden sie freundliche Menschen und ihr Tag bekommt eine Struktur.
Simone (l.) und Gudrun treffen sich gern im Projekt Auftrieb zum Frühstück. Hier finden sie freundliche Menschen und ihr Tag bekommt eine Struktur.

© Sven Ellger

Gudrun sitzt an der Kaffeequelle. Die ergießt sich zwischen Gouda und Weißkrautsalat in ein halbes Dutzend Tassen. Voll gefüllt wandern sie zurück auf den Tisch, an den auch Hartmut und Angelika ihre Stühle gerückt haben.

Von der Stirnseite strahlt Simone in die Runde: „Wer kommt mit zum Nordic Walking?!“ fragt sie mit leicht forderndem Ton. Stummes Kauen. Erst mal keiner. „Na, das werden wir noch sehen“, denkt Simone und beißt in ihr Brötchen. Selbst begeisterte Walkerin, nimmt sie gern Einsteiger mit auf Tour. Seit etwa drei Jahren kommt sie hierher. Ðraußen an dem kleinen Laden im Herzen Pieschens steht „Auftrieb“. Den bekommt die 57-Jährige tatsächlich. Sie und die anderen sogenannten Langzeitarbeitslosen.

Angelika kennt den Treff seit gefühlter Ewigkeit. Zehn Jahre gibt es ihn inzwischen. Hartmut war lange nicht da, jetzt sitzt er wieder beim Frühstück mit all den anderen, die weder Freunde noch Familie sind. Eher Leidensgenossen und auf diese Weise irgendwie doch Verwandte. Gudrun ist neu hier. „Meine Fallmanagerin hat mich hergebracht. Das war meine Rettung“, sagt sie. Seitdem gehe es ihr richtig gut, auch ihre Psychologin sei begeistert. „Zuvor bin ich kaum noch rausgegangen, habe mich ganz zurückgezogen.“

Gudrun faltet die schmalen Hände über ihrem Teller. Kürzlich hat sie ihren Partner verloren, mit ihm war sie 23 Jahre lang zusammen. Nun ist er tot. Krebs. Mit 55 Jahren. Gudrun weint. „Es ist schwer für mich. Aber zu wissen, dass ich hier so freundliche Menschen treffe, hilft mir.“ Ihre Arbeit als Sekretärin hat sie geliebt, und als sie arbeitslos wurde, dachte sie, es sei nur für kurze Zeit.

Sprachen zu lernen, das liegt ihr, und mit einer Weiterbildung in Englisch wird sich schon ein neuer Job finden. Nicht aber mit Knochenschwund. Die Osteoporose machte Gudrun seit zehn Jahren schwach und zerbrechlich. Jetzt ist sie 57 Jahre alt, wach im Kopf, aber körperlich für den Arbeitsmarkt untauglich. „Beim Husten habe ich mir schon zwei Rippen gebrochen“, erzählt sie. Acht Stunden am Tag als Sekretärin am Schreibtisch zu sitzen, das haben ihr die Ärzte verboten. „Aber seit ich seelisch nicht mehr ganz so niedergeschlagen bin, überlege ich, was ich tun könnte, um mich nützlich zu machen.“

Die Krux mit dem Katzenschwanz

Hartmut braucht nicht mehr zu überlegen. Er weiß, was er will. Aber er kann nicht. Vor Gericht streitet sich sein Anwalt mit der Rentenkasse. Seit drei Jahren. Sie soll ihm nach langer Krankheit, Rehakur und Alkoholsucht eine Wiedereingliederung ins Berufsleben bezahlen. Doch dafür sei Hartmut, der den Schlosserberuf körperlich nicht mehr durchstehen würde, zu gesund, heißt es. Das Jobcenter übernimmt die Verantwortung für den 47-Jährigen nicht, solange er in den Zuständigkeitsbereich der Rentenkasse fällt. Die Folge: Keine Wiedereingliederung, keine Jobvermittlung, keine Umschulung.

Früher war Hartmut Automechaniker für Lastkraftwagen. Dreischichtsystem. „Ich bin mit meinem Chef nicht klargekommen, fühlte mich von ihm extrem unter Druck gesetzt. Dann bin ich krank geworden“ Das Unternehmen habe ihn 2010 „freigestellt“. Zwei Jahre später begann er, ehrenamtlich in einem Schulhort zu arbeiten. Die Grundschüler kamen gern in seine Holzwerkstatt. Dort gab es auch Metall, Pappe, Kork, Filz. „In meinem ganzen früheren Arbeitsleben ist mir nie so viel Dankbarkeit entgegengebracht worden wie von den Kindern“, sagt Hartmut. Von Jugend an haben ihn Maschinen interessiert, vom Hilfsschlosser arbeitete er sich hinauf in anspruchsvollere Aufgabenfelder. Etwas anderes kam ihm nie in den Sinn. Jetzt fallen ihm gleich zwei Berufe ein, die ihn reizen: Als Pädagoge würde er gern arbeiten. Zweieinhalb Jahre hat er sich darin erprobt, konnte sehen: Es liegt mir, und die Kinder mögen mich. Oder als Diätkoch. „Mit dem Thema bin ich während meiner Kur in Berührung gekommen.“

Doch trotz Mangels an Lehrern und Erziehern sieht Hartmut seine Chancen nicht rosig. „Ich bin seit mehr als vier Jahren trocken, aber für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen komme ich wohl trotzdem nicht infrage.“ Unterdessen bewirbt er sich, erst jüngst um eine Stelle als Haustechniker. Ob es klappt, weiß Hartmut noch nicht. Er hofft. Auch darauf, dass das Gericht irgendwann in seinem Sinn entscheidet, und die Katze endlich ihren eigenen Schwanz loslässt. Solange gibt auch ihm der Arbeitslosen-Treff Auftrieb. Dort findet er Abwechslung und Zuspruch. Wie er Online-Bewerbungen erstellt, hat er ebenfalls gelernt.

Bewerben will sich Angelika nirgends mehr. Viele Jahre war sie Verkäuferin, jetzt ist sie Hausfrau. Arbeitslosengeld oder Hartz IV bezieht sie nicht. „Mein Mann verdient genug, wir haben was wir brauchen und führen ein ruhiges Leben“, sagt die 47-Jährige. Wird es allzu ruhig, sucht sie sich Aufgaben. Regelmäßig putzt sie die Flure einer Schule und nachts auch die Turnhalle. Oder sie kommt zu Auftrieb in die Rehefelder Straße. Da gibt es immer etwas zu tun.

Gudrun zum Beispiel hat zu zeichnen begonnen. Für den Kurs verlässt sie genauso regelmäßig das Haus, wie für das gemeinsame Frühstück an jedem Dienstag. Ihr Tag hat wieder Struktur bekommen und ihre Seele Mut und Selbstvertrauen. Eine Idee geht ihr durch den Kopf: Vielleicht, überlegt sie, könnte sie alten Menschen im Seniorenheim vorlesen. „Das wird bestimmt gebraucht.“

Projekt Auftrieb, DRK, Rehefelder Straße 16, Montag bis Freitag, 9 bis 13 Uhr, Mittwoch von 9 bis 11 Uhr offene Hartz-IV-Beratung, 7952999, www.drk-dresden.de