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Samstag, 28.02.2015

Kein Freiraum im Elbtal mehr

Das Gelände an der Leipziger Straße wurde geräumt und ist jetzt Baustelle. Der Abrissbagger ist schon angerollt.

Von Kathrin Kupka-Hahn und Klemens Deider

Räumung des Freiraums Elbtal

Am Nachmittag bahnte sich bereits ein Bagger seinen Weg durch das Gelände.
Am Nachmittag bahnte sich bereits ein Bagger seinen Weg durch das Gelände.

© Norbert Millauer

Trommelnd auf den Barrikaden: Laut und friedlich protestierten am Freitagmorgen etwa 200 Menschen gegen die Räumung des Grundstückes an der Leipziger Straße 33. Dort arbeiteten Künstler und Kreative jahrelang im Verein Freiraum Elbtal. Einige der Demonstranten hatten sich auf dem Gelände verbarrikadiert. Polizisten durchstreiften später das Areal. Darauf möchte Investorin Regine Töberich ihr Luxuswohnprojekt Marina Garden errichten. Mittags rückte auch ein Bagger an. Die Räumung des Grundstückes war schon seit Monaten bekannt. Für Freitagmorgen hatte sich der Gerichtsvollzieher angekündigt. Doch weit kam er nicht.

Räumung des Freiraums Elbtal

Dutzende Protestierende hatten etwas dagegen. Mit Sofas und Sitzblockade versperrten sie seit 8 Uhr den Weg. Die Percussion-Band Rhythm of Resistance unterstützte mit Trommelfeuer. Ein Protestierender hatte sich an das Tor gekettet. Nur wenige Meter weiter am Alexander-Puschkin-Platz hatten Unterstützer des Vereins Freiraum Elbtal zum Protestfrühstück eingeladen.

Die letzten Mitglieder des Vereins hatten das Gelände, das sich zwischen Leipziger Straße und Elbe befindet, bereits am Freitagmorgen verlassen und gegen 8.30 Uhr dem Gerichtsvollzieher formlos übergeben. „Ich hoffe, das wurde als Übergabe anerkannt, denn wir haben ihm nichts Schriftliches überreicht“, sagt Vereinssprecher Tom Herold.

Für viele der Demonstranten zählte es anscheinend nicht als Übergabe, weshalb sie sich auf dem Gelände verbarrikadierten. Sie schichteten alles, was nicht niet- und nagelfest war, übereinander: Holzkisten, Wellblechstücke und Kühlschränke. Einige hatten sogar einen alten blauen Citroen in den Weg geschoben. Meter für Meter räumten sich die Polizisten den Weg durch das Gelände frei. Sie forderten Verbliebene auf, zu gehen. Einige flüchteten auf Dächer der zahlreichen Gebäude auf dem Grundstück. Nachmittags wurden sie mit einer Feuerwehrleiter heruntergeholt.

Da das Tor von der Leipziger Straße versperrt war, schnitten die Polizisten mit dem Bolzenschneider ein Loch in den Zaun, „befreiten“ den Angeketteten und nahmen ihn vorübergehend in Gewahrsam. Während sich die Besetzer auf dem Gelände vor der Polizei Richtung Elbe zurückzogen, rückte von der Leipziger Straße ein Bagger an. Bis zum Nachmittag hatte er mehrere Gebäude auf dem Grundstück abgerissen. Vermutlich sollte so verhindert werden, dass das Areal nach der offiziellen Räumung wieder bezogen wird.

Sichtlich bewegt verfolgten die Mitglieder des Freiraum Elbtals das Geschehen. Stadträtin Jaqueline Muth (Linke), die bis vor Kurzem selbst auf dem Gelände als Künstlerin tätig war, befürchtet, dass das Grundstück in den kommenden Monaten wieder zur Brache verfällt. Die Räumung hält sie, wie viele ihrer Mitstreiter auch, momentan für überflüssig. „Schließlich können noch Jahre vergehen, bis hier gebaut wird. Eigentümer und Investor wollen hier ein Exempel statuieren“, so Muth.

Anwalt André Leist, Vertreter der Grumbt-Erbengemeinschaft, die bisher Eigentümer des Freiraum-Geländes war, zeigte sich von dem massiven Protest sichtlich überrascht. „Ich finde das echt schade“, sagte er. Leist hatte ebenso wie der anwesende Vertreter von Regine Töberich gehofft, dass die Räumung reibungsloser abläuft. Rund 100 Polizisten waren dafür bis 16 Uhr im Einsatz.

Wie es mit dem Verein Freiraum Elbtal weitergeht, ist unklar. Die Kreativen hoffen darauf, an die Elbe zurückkehren zu können. Laut aktuellem Stadtratsbeschluss könnten sie das, und zwar im geplanten Puschkin-Park.