erweiterte Suche
Mittwoch, 14.01.2009

Kampfplatz der Worte

Laurent Cantets „Die Klasse“ ist ein ungewöhnlicher und brillanter Lehrer-Schüler-Film.

Von Oliver Reinhard

Schulfilme sind wie Behindertenfilme: Fast alle enden trotz aller schlimmen Dingen, Problemem und Katastrophen mit einer Hoffnung, einem Ausweg, einer Möglichkeit. Also, streng gemessen an der Realität, mit einer Lüge. Auch Peter Weirs „Der Club der toten Dichter“, „Dangerous Minds“ von John Smith und Dennis Gansels „Die Welle“. Selbst Nicolas Philiberts preisgekrönte Dorfschul-Doku „Sein und Haben“ huldigt einer Pädagogik von gestern, die in den Bildungszentren von heute null Chance hätte. Aber so schön versöhnlich schmeckt.

Neues Kapitel. Nun aber blättert Philiberts Landsmann Laurent Cantet mit „Die Klasse“ ein neues Kapitel Schulfilmgeschichte auf. Er ist das sperrige Gegenstück zur rückwärtsgewandten Land-Utopie von „Sein und Haben“ und spielt in einem so genannten Pariser Problembezirk, einem mulitikulturellen sozialen Brennpunkt. Die meisten Schüler sind Migranten, die Perspektiven mau, Disziplin ist ein Problem, die Motivation entsprechend. Sie heißen Esmeralda, Wey oder Souleymane, kommen aus Portugal, China oder Afrika, sie bringen kein Verständnis mehr auf für Sprache als wichtiges Kulturgut und sind für viele Lehrer eine Katastrophe.

Brücken und Barrieren. Auch für Französischlehrer François, der trotzdem versucht, ihnen die Sprache und über sie soziale Werte nahezubringen. Das ist mühsam. Schließlich können Sprache und Werte nicht nur Brücken schlagen, vielmehr auch Barrieren aufbauen. Immer, wenn François ein Fortschritt gelingt, muss er einen Rückstoß einstecken. Bis er sich im Konflikt mit einem Problemfall zwischen Idealismus und Pragmatismus, zwischen Nachgiebigkeit und Härte entscheiden muss. Im Einwandererland Frankreich wurde „Die Klasse“ ein großer Erfolg, weil er die diffizile Situation an den Schulen und in der ganzen Gesellschaft maß-stabsgetreu und ohne jede Beschönigung widerspiegelt. Aber das allein war nicht der Grund, dass der Film in Cannes als Überraschungssieger die goldene Festivalpalme holte. Was ihn vor allem auszeichnet, sind die ungewöhnliche Inszenierung des Themas, die künstlerisch erstaunlich umgesetzte Wirklichkeitsnähe, seine Figuren, seine Schauspieler.

Improvisationen. „Die Klasse“ sieht aus und wirkt ungekünstelt wie eine Dokumentation, ohne eine zu sein. Den Lehrer spielt François Bégaudeau, der einst selber unterrichtete und die Romanvorlage geschrieben hat. „Seine“ Laiendarsteller gehen zwar tatsächlich auf jene Schule, die Drehort war. Doch spielen sie sich nicht selbst. Sie entwickelten ihre Rollen in langen Improvisationsübungen mit Regisseur Laurent Cantet und François Bégaudeau. Der ist als Lehrer das Zentrum der Handlung. Bis zu drei Kameras verfolgen ihn ab und an durch die Schule, fangen ihn aber zumeist im Klassenzimmer ein, in dessen Enge sich das Gros der Handlung abspielt: „Entre les Murs“ – zwischen den Mauern – heißt der Film im Original. Das ist durchaus nicht nur wörtlich gemeint. Denn obwohl die Gesellschaft zunehmend von ihnen fordert, auch noch elterliche und therapeutische Pflichten zu übernehmen: Kein Lehrer, weder in Frankreich noch in Deutschland oder sonstwo, allenfalls ausgenommen solche Mini-Dorfschullehrer wie in „Sein und Haben“, kann sich wie in „Dangerous Minds“ auch um die sozialen oder familiären Hintergründe und Probleme seiner Schüler kümmern. Es zählt, was in der Klasse geschieht, die oft zum Kampfplatz wird und nur selten zum Paradies.

Kleines Filmwunder. Freilich wird jeder Zuschauer wie ein beisitzender Referendar in diesen Konflikten Partei ergreifen, seine Lieblingsschüler ebenso finden wie solche, die er am liebsten zum Mond schösse. Aber auch dabei schreibt das Drehbuch nichts vor, nicht den Schauspielern, nicht den Zuschauern. Weil keines existierte. Ein paar bestimmte Szenen waren als Orientierungspunkte für die Geschichte festgeschrieben, mehr Korsage gab es nicht. Alles entstand beim Machen. Und endet im Kino als kleines Filmwunder. Das besteht vor allem in der ungemein lebendigen Verbalkonfrontation zwischen François und seinen Schülern, die sich wie ein Ping-Pong mit Worten und Argumenten auf engem Raum hin- und herbewegt - und doch die Außenwelt ins Klassenzimmer zieht, sie gewissermaßen reflektiert. „Schule funktioniert wie eine Lupe“, sagt Laurent Cantet. „Sie ist ein Mikrokosmos der Gesellschaft oder vielmehr: Eine Fabrik der Gesellschaft.“

Alltag und Albtraum. Zum Urteil über das, was sie produziert, lässt sich „Die Klasse“ nicht hinreißen. Aber da der Film eine Situation zeigt, die in Frankreich längst Alltag ist und in Deutschland für viele ein heraufdämmernder Albtraum, darf man ihn respektive die Publikumsreaktionen durchaus als Gradmesser für hiesige Befindlichkeiten verstehen. Den einen mag ein Schul-Alltag mit Esmeralda, Wey und Souleymane als endgültiger Abgesang auf alteuropäische Bildungssysteme und abendländische Kultur erscheinen. Für Andere tragen Esmeralda, Wey und Souleymane auf ihre Weise dazu bei, dass sich Kultur jeden Tag aufs Neue erfindet. Mit dem Preis, dass einer von ihnen gehen muss, weil er die Regeln der Gemeinschaft nicht akzeptieren will. Oder kann. Recht so? Falsch so? „Die Klasse“ verweigert auch hier die Antwort. Setzen – Eins mit Sternchen!