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Mittwoch, 02.03.2016

Kampf um die Robotron-Kunst

Der Abriss an der St. Petersburger Straße hat begonnen. Mit ihm verschwindet auch Kunst am Bau. Oder doch nicht?

Von Lars Kühl

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Der Bagger hat kein Kunstverständnis. In rasantem Tempo werden die „Wellenverblender“ aus Meißner Keramik am ersten Robotron-Haus abgerissen.
Der Bagger hat kein Kunstverständnis. In rasantem Tempo werden die „Wellenverblender“ aus Meißner Keramik am ersten Robotron-Haus abgerissen.

© Robert Michael

  • Der Bagger hat kein Kunstverständnis. In rasantem Tempo werden die „Wellenverblender“ aus Meißner Keramik am ersten Robotron-Haus abgerissen.
    Der Bagger hat kein Kunstverständnis. In rasantem Tempo werden die „Wellenverblender“ aus Meißner Keramik am ersten Robotron-Haus abgerissen.
  •  Für eine Zerstörung hätte Marco Dziallas vom Netzwerk „ostmodern“ kein Verständnis.
    Für eine Zerstörung hätte Marco Dziallas vom Netzwerk „ostmodern“ kein Verständnis.
  • Ein Blick in das Buch „Dresden – Kunst im Stadtraum“ von Antje Kirsch hat das Bleiglas-Mosaik zum Vorschein gebracht. In der Realität ist das Kunstwerk verborgen, wenn es überhaupt noch steht.
    Ein Blick in das Buch „Dresden – Kunst im Stadtraum“ von Antje Kirsch hat das Bleiglas-Mosaik zum Vorschein gebracht. In der Realität ist das Kunstwerk verborgen, wenn es überhaupt noch steht.

Riesige Greifer langen kräftig zu. Ziehen und zerren, angetrieben von Maschinenkraft, bis die Meißner Keramik bricht und aus der Verankerung gerissen wird. Spaziergänger staunen, Autofahrer stoppen. Sie machen ein Foto von dem Stück Dresden, das Augenblicke später Geschichte ist. Das Robotron-Haus zwischen St. Petersburger und Zinzendorfstraße fällt. Am Dienstag waren eine Seiten- und die halbe Rückwand bereits offen. Keine Fenster mehr, keine Fassade, der Blick ist frei auf die Zwischendecken und Raummauern.

Marco Dziallas schaut skeptisch. Denn hier wird nicht nur ein jahrelang leer stehender Bürokomplex abgerissen, sondern auch „Kunst am Bau“. Dazu zählen die weißen, wellenförmigen Verblender aus Meißner Keramik. Deren Struktur fällt erst beim genauen Hinsehen auf, am besten, wenn die Sonne scheint und Schatten wirft. Oder die vier Giebelwände mit ihren Ornamentverzierungen, von den Dresdner Künstlern Karl-Heinz Adler und Friedrich Kracht aus Formsteinen entwickelt. Diese gestalterische Qualität gehe jetzt für immer verloren, beklagt Dziallas, weil der Investor Immovation aus Kassel anstelle des DDR-Komplexes einen Wohnpark bauen will.

Dass es in Dresden immer noch an Wohnraum mangelt, ist Dziallas bewusst. Aber der 40-Jährige fragt sich nicht selten: „Wieso verschwendet man Ressourcen? Man kann doch auch für bestehende Objekte eine neue Nutzung finden.“

Das alte Robotron-Haus zählen er und seine Mitstreiter dazu. Nach einer Sanierung hätte beispielsweise das Technische Rathaus einziehen können. Dziallas ist im Netzwerk „ostmodern“ organisiert. Das fordert jetzt den Bauherrn auf, beim Abriss Rücksicht zu nehmen. Denn neben der Fassaden- und Wandgestaltung hütet der Robotron-Block noch ein Geheimnis.

Im mittleren der drei Verbindungsflügel gibt es ein Treppenhaus. Durch die Absperrungen ist es von außen nicht zu erkennen. Auf beiden Seiten zieht sich jeweils ein riesiges Kunstwerk von unten nach oben. Über die gesamte Haushöhe von sieben Etagen. Entworfen vom leitenden Architekten des Robotron-Areals Axel Magdeburg, ausgeführt von den Künstlern Gerhard Papstein und Günter Gera. Farbige Bleiglasfenster formen zwei durchgehende Mosaike.

Ob sie überhaupt noch da sind, weiß Dziallas nicht, seit Jahren ist das Gebäude gesperrt. Alle Versuche von „ostmodern“, einen Blick ins Innere zu werfen, scheiterten. Selbst die Idee, den Komplex mit Drohnen zu erkunden, wurde wieder verworfen. Das Netzwerk hofft, dass es noch nicht zu spät ist. Es ruft Immovation auf, die Bleiglasfenster zu bewahren und somit zum Retter dieses Kulturschatzes zu werden. Die großflächigen Gestaltungen seien herausragende Werke, in Dresden und über die Stadtgrenzen hinaus gebe es kaum Vergleichbares. Eine Demontage und die Einbeziehung in die künftige Bebauung seien möglich, erklärt Dziallas. Andere Städte hätten es vorgemacht.

Was aus den Bleiglasfenstern wird und ob sie erhalten werden können, wollte die SZ von Immovation wissen. Deren Sprecher Michael Sobeck verweist darauf, dass das Gebäude nicht unter Denkmalschutz steht. Über die Sicherung von wertvollen Teilen würde sich die Abbruchfirma Nestler trotzdem mit dem Denkmalschutzamt verständigen, damit diese im Lapidarium eingelagert werden können.

Von der Stadt gibt es die Bestätigung. Das gesamte Robotron-Areal, nebst der speziell für das Ensemble entwickelten Kunst, hat keinen Schutzstatus. Da es im Privatbesitz ist, gibt es auch keine Handhabe. Trotzdem werden Teile gesichert, exemplarisch. Dazu zählen ein „Wellenverblender“ aus Meißner Keramik, einzelne Elemente der Giebelwände mit Glasstücken sowie zwei Vertikalachsen einer frei stehenden Formsteinwand. Die liegen zurzeit unter einer Schneedecke vorm Gebäude. Die Riesenmosaike fehlen in der Aufzählung. „Das Bergen der über sämtliche Geschosse reichenden Bleiglasfenster wurde geprüft und kann aus technischen Gründen nicht erfolgen“, sagt Stadtsprecherin Diana Petters.

Dziallas hat dafür kein Verständnis. „Nichts ist unmöglich.“ Die Zerstörung der Schmuckfenster bedeute einen schweren Verlust für das Dresdner Gedächtnis, der schlecht zu einer Stadt passt, die sich als „Kunst- und Kulturmetropole“ sieht.

Als die SED-Kreisleitung 1968 beschloss, gegenüber dem Neuen Rathaus für Robotron einen Komplex zu errichten, wurde mehr an die Kunst gedacht. Viel umfangreicher, als letztendlich umgesetzt wurde und heute noch zu finden ist. Beim früher Atrium I genannten Gebäude, wo das Zentrum für Forschung und Technik untergebracht war, verschwindet sie nun zuerst. Auch das Atrium II soll später weichen. Im Moment ist dort unter anderem die Cityherberge untergebracht, mit jahrelangem Mietvertrag. Die Zukunft der ehemaligen Betriebsgaststätte ist dagegen unklar. Einzig das L-förmige Bürohaus am Pirnaischen Platz, in dem früher die Kombinatsleitung saß, soll stehen bleiben. (mit SZ/noa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 4 Kommentare

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  1. wenzel

    ich habe selber im robotrongebäude mitgebaut und kann mich bis heute nicht begeistern. ein trister moderner bau. nichts besonderes, außer unserem know-how bei der anbringung einer großen nebenuhr in der tiefgarage.

  2. Rob

    Der Bau an sich ist sicher kein Schmuckstück - 08/15-Standardarchitektur des DDR-Bauwesens, billig, schnell hochzuziehen und eben deswegen mit ein paar künstlerischen Elementen "aufgehübscht". Auf den Bau kann man also getrost verzichten, die Schmuckstücke gilt es dagegen nach Möglichkeit zu bewahren. Nach Möglichkeit ist aber auch wörtlich zu nehmen. Wenn diese Glasornamente nur von (Verzeihung!) begrenztem künstlerischem Wert sein sollten, ihr beschädigungsfreier Ausbau aufwändig und teuer und eine sinnvolle Nachnutzung aufgrund der Größe des Werkes fraglich, dann muss man sich doch damit abfinden, dass die "Kunst am Bau" in dem Fall mit dem Bau ihr Ende findet. Dass es das heute nicht mehr gäbe, halte ich darüber hinaus für ein Gerücht. Bei öffentlichen Bauten sind künstlerische Elemente gang und gebe. Beispiele dafür findet man zum Beispiel im Landtag oder am Landhaus (die höchst umstrittene Treppe).

  3. Stefan

    Es ist doch ein Grund zur Freude, wenn durch Abriss und Neubau wieder Leben und Urbanität in diesen Teil der Innenstadt einziehen wird. Auch wenn ich keine renditeorientierten Immobilienhaie mag, aber die Stadt muss als attraktiver Lebensraum für Menschen von heute funktionieren. Offenbar gibt es aber Zeitgenossen, die mit ihrem Kampf für Fußgängertunnel und alte Hotel- oder Büroplatten statt dessen lieber ein ödes DDR-Museum möchten. Und ein Kunstwerk, das von außen nicht zu sehen ist, werden auch nur wenige vermissen.

  4. DDer

    Ich bin gespannt, wie "schön" die Neubauten werden - und wann wir sie wieder abreißen.

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