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Montag, 02.10.2017

Kampf um die Bilder

Katalonien stimmt über die Unabhängigkeit von Spanien ab. Die Polizei schießt mit Gummigeschossen.

Von Martin Dahms, SZ-Korrespondent in Barcelona

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Die Einheiten der Guardia Civil gehen hart gegen Menschen vor, die vor einem zum Wahllokal umfunktionierten Sportcenter warten, um ihre Stimme beim Referendum abzugeben.
Die Einheiten der Guardia Civil gehen hart gegen Menschen vor, die vor einem zum Wahllokal umfunktionierten Sportcenter warten, um ihre Stimme beim Referendum abzugeben.

© dpa

Alte und Rollstuhlfahrer zuerst. Die Inszenierung ist wichtig, hier werden Bilder für den Rest der Welt produziert. Also steht María Rosa Coromina ganz vorne in der langen Schlange vor dem Centre de Cultura Contemporània de Barcelona (CCCB), das heute als Wahllokal fungiert. „90 Jahre und sehr gut in Schuss“, sagt die reizende Dame. Es ist 9 Uhr am Sonntagmorgen. „Ich bin schon seit halb sieben hier. Ich will die erste sein, denn ich kenne eine Vergangenheit, in der niemand wählen durfte.“ Wie wird sie abstimmen? „Das sage ich niemandem, wie ich abstimmen werde. Aber ich werde mit Ja stimmen.“ Die Leute ringsum lachen.

Es herrscht fröhliche Stimmung vor dem CCCB an diesem Morgen. Die spanische Regierung wollte dieses Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens verhindern, und jetzt sieht alles danach aus, dass es dennoch stattfinden wird. „Wer hat gesagt, dass es leicht werden würde?“, meint Xavi Capmany, ein Wahlhelfer von Òmnium Cultural, einer der großen Bürgerinitiativen, die seit Jahren für die Unabhängigkeit Kataloniens streiten. Aber jetzt kann er mit verhaltenem Stolz berichten, dass in einem Nebenraum gerade die Tische für die Abstimmung aufgestellt werden, und daneben die Urnen. Sie wurden von der Organisationsabteilung der Generalitat. Sie ist die katalanische Regionalregierung, die dieses Referendum vor Monaten ankündigte und seit dem 6. September unbeirrt von allen Verboten des spanischen Verfassungsgerichts vorantrieb.

Morgens um sechs hatte es zu regnen begonnen, „den Regen hat Ministerpräsident Mariano Rajoy bestellt“, sagt jemand in der Menge von vielleicht 200 Leuten vor der Sekundarschule Miquel Tarradell im Altstadtviertel El Raval. Um sechs sollten eigentlich die Mossos vorbeikommen, Beamte der katalanischen Regionalpolizei, um dieses Wahllokal wie alle anderen gut 2 300 Wahllokale in Katalonien auf Anordnung des Oberen Katalanischen Gerichtshofes zu schließen. Um die Schließung zu verhindern, hatten Nachbarn die Schule am Freitagabend besetzt, so wie mehr als 100 andere Schulen.

Die Mossos kommen um halb sieben in einem Streifenwagen vorbei, sie steigen aus, ziehen sich Westen über, während sie von den immer noch schweigenden Demonstranten beobachtet werden. Sie stehen einfach da in der Dunkelheit unter ihren Regenschirmen, als kompakte Masse, und lassen die Mossos nicht durch. Die bemühen sich auch nicht sehr, zur Eingangstür der Schule durchzukommen. Später sagt einer der Polizisten, ein großer, freundlicher Kerl: „Wir sind hier, um die öffentliche Ordnung sicherzustellen.“ Eigentlich war ihr Auftrag ein anderer. Aber sie denken gar nicht daran, irgendetwas zu tun, um dieses Referendum zu verhindern.

Auch vor dem CCCB stehen vier Mossos, friedlich ins Gespräch vertieft, weit weg von der Schlange derer, die wählen wollen. An solchen Bildern von Schlangen Abstimmungswilliger ist den Separatisten gelegen. Die Abstimmung hat noch immer nicht begonnen, jemand bittet um „Geduld, Geduld, Geduld“. Es gibt Probleme mit dem Computerprogramm, mit dessen Hilfe sichergestellt werden soll, dass niemand doppelt abstimmt, und dass niemand abstimmt, der nicht in Katalonien gemeldet ist. Die Menschen üben sich in der erbetenen Geduld. Jemand erzählt, dass in anderen Wahllokalen gerade die spanische Nationalpolizei eingreife.

Rund 10 000 Beamte waren aus dem Rest Spaniens nach Katalonien geschickt worden. Zu denen, die daran nichts auszusetzen haben, gehört der 44-jährige Julio Jolín. Mit mehreren Tausend Gleichgesinnten war er am Samstagabend durch die Innenstadt von Barcelona gezogen, um für die Einheit Spaniens und gegen das Referendum zu demonstrieren. Jolín hatte sich eine spanische Flagge um die Schultern gelegt. „Ich werde nicht abstimmen gehen, das Verfassungsgericht hat das Referendum ausdrücklich verboten“, sagte er. „Jetzt ist der Moment, auf die Straße zu gehen und laut für die Einheit Spaniens einzutreten.“ Viele Katalanen denken wie Jolín, aber nur wenige melden sich zu Wort.

Ein fröhlicher, ein festlicher Morgen – bis 20 Nationalpolizisten ein Stück außerhalb der Innenstadt Wahlzettel und Urnen konfiszieren. Die Beamten zielen mit Gummigeschossen auf die Menschen, die ihre Abstimmung retten möchten. Sie wollten passiven Widerstand üben, jetzt rennen sie den Polizisten hinterher, Absperrgitter fliegen durch die Luft. Wenig später sind über der Stadt Hubschrauber zu hören. Im Fernsehen werden Bilder von Polizisten gezeigt, die Menschen eine Treppe herunterschubsen, eine Frau an den Haaren zerren, einen auf dem Boden Sitzenden treten. Die katalanische Regionalregierung zählte bis zum Abend mehr als 761 verletzte Demonstranten, einige davon „gravierend“. Das spanische Innenministerium berichtete von elf verletzten Polizeibeamten.

Die Vizepräsidentin der spanischen Regierung, Soraya Sáenz de Santamaría, lobt die „Professionalität“ der spanischen Polizisten. Es klingt wie ein höhnischer Kommentar auf die Bilder.

Leser-Kommentare

Insgesamt 4 Kommentare

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  1. P. Lehmann

    Da können die Katalanen über das lasche Vorgehen der "Polizei" noch froh sein. In Deutschland sind wir ganz andere Methoden von denen gewohnt.

  2. EinDemokrat

    DDR 1989 - Katalonien 2017: wo ist der Unterschied? Spanien hat schon "Demokratie"! Deshalb darf es beim "Einsatz" der Polizei gegen friedliche Demonstraten auch mehr als 800 Verletzte geben...

  3. Gunter

    Doppelmoral vom Feinsten Die EU unterstützt Unabhängigkeitsbewegungen auf der ganzen Welt, doch auf eigenem Gebiet hält sie sie für illegal, kritisiert die linke bulgar. Tageszeitung Duma: „Das ist Doppelmoral vom feinsten. ... Wenn es darum geht, in Syrien oder im Kosovo für Recht und Gerechtigkeit zu sorgen, ist in Brüssel jedes Mittel recht: ... Das Anzetteln von Konflikten, in denen man die Opposition finanziell unterstützt und bewaffnet und somit den Separatisten Rückendeckung gibt, die Anerkennung neuer Staaten und so weiter. Alles unter dem Vorwand der Einhaltung der Menschenrechte und des Rechts der Völker auf Selbstbestimmung. Wenn es aber im eigenen Haus einmal brennt, ist alles auf einmal illegal.“

  4. Alex

    @3 Gunter: Da haben Sie völlig Recht. Der EU geht der Arsch langsam aber sicher auf Grundeis. Kein Geld mehr aus GB nun auch noch kein Geld mehr aus Katalonien, also aus Spanien, das ja, ohne Katalonien, ein nächstes Armenhaus in Europa werden wird und eher Geld braucht. Es ist sehr angenehm zu sehen, wie sich immer mehr Völker in Europa gegen ihre selbstherrlichen Regierungen wenden, hoffentlich bald verbünden und Europa wieder zu einem neuen Europa der selbst bestimmten freien und stolzen Völker wird, die friedlich, freiheitlich und brüderlich (schwesterlich) neben einander leben.

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