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Dienstag, 03.04.2018

Kamine sind die neuen Diesel

Gemütlich, aber eine Pest für die Luft. Weil sie so viel Feinstaub ausspucken, müssen Kamine nachgerüstet werden.

Von Franziska Klemenz

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Was aus Schornsteinen kommt, landet früher oder später in unseren Lungen, setzt sich dort fest und verkürzt unser Lebensalter. Verkehr bleibt eine schlimmere Belastung, aber auch private Kamine und Öfen belasten unsere Luft extrem mit Feinstaub.
Was aus Schornsteinen kommt, landet früher oder später in unseren Lungen, setzt sich dort fest und verkürzt unser Lebensalter. Verkehr bleibt eine schlimmere Belastung, aber auch private Kamine und Öfen belasten unsere Luft extrem mit Feinstaub.

© Jan Woitas / dpa

  • Was aus Schornsteinen kommt, landet früher oder später in unseren Lungen, setzt sich dort fest und verkürzt unser Lebensalter. Verkehr bleibt eine schlimmere Belastung, aber auch private Kamine und Öfen belasten unsere Luft extrem mit Feinstaub.
    Was aus Schornsteinen kommt, landet früher oder später in unseren Lungen, setzt sich dort fest und verkürzt unser Lebensalter. Verkehr bleibt eine schlimmere Belastung, aber auch private Kamine und Öfen belasten unsere Luft extrem mit Feinstaub.

Knistern heißt Gemütlichkeit, Dieselmotoren Betrug. Nachvollziehbare Assoziationen, vollständig sind sie nicht. In den Wintermonaten sind wir Kaminen besonders dankbar – ganz im Gegensatz zu unseren Lungen. Kamine gehören zu den größten Feinstaub-Produzenten. Laut sächsischem Umweltministerium stammten 2014 15 Prozent der gemessenen PM10-Werte aus „Kleinfeuerungsanlagen“. PM steht für Particulate Matter, Englisch für Feinstaub. Seit 2010 müssen Kamine nach und nach umgerüstet werden.

„Es bestand also dringender Handlungsbedarf, insbesondere auch bei den bestehenden Anlagen“, sagt Bianca Schulz, eine Sprecherin des sächsischen Umweltministeriums. Zu welcher Frist das Bundes-Immissionsschutzgesetz verpflichtet, hängt vom Baujahr ab. Die letzte Frist endete 2017, die nächste 2020. Einige Kaminbesitzer bekommen erst spät mit, dass sie betroffen sind. Wir haben mit Politik, Ofenbauer und Schornsteinfeger gesprochen. Sie beantworteten die wichtigsten Fragen.

Welche Kamine betrifft das Umrüstungs-Gesetz?

Kamine und Kaminöfen, die nach 2000 gebaut wurden, entsprechen in der Regel den Vorgaben, halten die Grenzwerte ein. Betroffen sind vor allem ältere Anlagen, deren Feinstaub-Ausstoß zu hoch ist. Die Übergangsfrist für Kamine, die zwischen 1975 und 1984 zuletzt geprüft wurden, endete am 31. Dezember 2017. Bis zu diesem Datum hätten sie aufgerüstet, von einem Schornsteinfeger abgenommen oder stillgelegt werden müssen. Öfen, die zwischen 1985 und 1994 geprüft würden, haben eine Übergangsfrist bis zum 31. Dezember 2020. Ältere Öfen, die nicht den Vorgaben entsprechen, sind vor allem Kamine und Einsatzöfen. „Ein guter, alter Kachelofen ist meistens von Natur aus so gebaut, dass er keinen Filter nötig hat“, sagt der Radebeuler Ofenbauer Frank Schleinitz. „Alle guten Hersteller haben spätestens seit Bekanntgabe des Gesetzes nur noch Öfen gebaut, die den Vorgaben entsprechen. Das Gesetz bekommen jetzt die Menschen zu spüren, die Billigware im Internet gekauft haben.“

Woher erfahre ich, dass und wie ich meinen Kamin umrüsten muss?

Grundsätzlich seien Bürgerinnen und Bürger dazu verpflichtet, sich selbst zu informieren, sagt Bianca Schulz, Sprecherin des Umwelt-Ministeriums. In der Regel würden aber auch die Schornsteinfeger bei ihren Prüfungen darüber informieren, wenn ein Ofen von der gesetzlichen Neuregelung betroffen ist. In Broschüren informiert das Ministerium über die neuen Anforderungen. „Problematisch ist, dass die Menschen die Mitteilung ihres Schornsteinfegers mit einem Rechnungsbetrag sehen, den Betrag überweisen und dann nicht mehr weiter lesen. Daher bekommen einige nicht mit, dass sie umrüsten müssen, und kommen dann völlig panisch im letzten Moment zu uns“, sagt Ofenbauer Frank Schleinitz.

Welche Möglichkeiten habe ich, um meinen Ofen gesetzestreu zu machen?

Dafür gibt es drei Möglichkeiten. Für rund 500 Euro kann man zunächst eine Sondermessung vom Schornsteinfeger machen lassen. Wenn der Schornsteinfeger feststellt, dass der Ofen den Vorgaben entspricht, erteilt er seine Bestätigung, es ist dann keine Umrüstung mehr nötig. Risiko: Wenn er den Vorgaben nicht entspricht, zahlt der Betreiber nicht nur den Filter, sondern hat auch noch die 500 Euro ausgegeben. „Deswegen machen das so viele nicht, sondern lassen sich lieber gleich einen Filter einbauen. Einige wissen gar nicht, ob ihr Ofen in Ordnung gewesen wäre“, sagt Ofenbauer Frank Schleinitz.

Eine Möglichkeit, die auf den ersten Blick kostengünstiger erscheint, ist der Einbau eines einfacheren, beispielsweise elektrischen Feinstaubfilters. Solche Filter sind ab 300 Euro erhältlich, müssen aber regelmäßig gewartet werden. „Nach zwei, drei Wochen sind sie verstopft, der Ofen funktioniert nicht mehr, sie müssen gesäubert werden und man hat regelmäßige Wartungskosten“, sagt Frank Schleinitz.

Die dauerhafte Variante ist ein Einsatz für rund 2 000 Euro. In manchen Fällen lohnt es sich auch, den Ofen gleich ganz auszuwechseln. Der Radebeuler Schornsteinfeger Ulf-Henner Schubert betreut rund 3 000 Grundstücke. „Zu einem Filter würde ich nicht raten. Teuer und wartungsintensiv“, sagt er.

Was halten die Grünen von dem Gesetz – reicht es aus?

„Da Kaminöfen sehr weit verbreitet sind und nach allem was man weiß auch einen erheblichen Beitrag zur Feinstaubbelastung beitragen, ist die bundesrechtliche Regelung auch aus meiner Sicht sinnvoll“, sagt der Grünen-Landtagsabgeordnete Wolfram Günther. „Da das Problem erst in den letzten Jahren in den Fokus gerückt ist, wurde auch rechtzeitig gehandelt. Da die Folgen für die privaten Haushalte im Sinne der Verhältnismäßigkeit im Blick bleiben müssen, kann ich auch nicht erkennen, dass hier noch einschneidendere Regelungen angezeigt wären. Also insgesamt: aus grüner Sicht gibt es hier keine weitergehenden Forderungen.“ Im Vergleich von Kaminöfen und der Feinstaubbelastung durch den Verkehr bemängelt Günther aber ein gewaltiges Ungleichgewicht. Private Öfen in den Blick zu nehmen, sei „durchaus legitim“; „noch viel dringender wäre eine Änderung der Verkehrspolitik. Aus Sicht der privaten Kaminbesitzer ist das nicht nachvollziehbar.“

Was macht Feinstaub überhaupt so gefährlich für uns?

Feinstaub in der Luft soll Lunge und Blutgefäße schädigen. Laut Mediziner sterben jährlich 35 000 Menschen in Deutschland an den Folgen der Feinstaubbelastung. Verkehrsunfälle fordern ein Zehntel davon. Größere Teilchen filtern Haare und der Schleim in unserer Nase aus der Luft heraus, PM10-Partikel gelangen direkt in die Lunge und setzen sich dort fest. Forscher vermuten, dass unser Körper versucht, sich gegen die Teilchen zu wehren. Zu viele Teile überfordern seine Abwehrkräfte aber, chronische Entzündungen und damit ein erhöhtes Krebsrisiko sind die Folge. Laut Erhebungen der Weltgesundheitsorganisation WHO aus dem Jahr 2000 verkürzt das die durchschnittliche Lebenszeit der Deutschen um 10,2 Monate.