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Samstag, 15.07.2017

Junge Flüchtlinge fürs Land begeistern

Auf dem Archehof Klosterbuch läuft gerade ein Projekt des Landkreises. Die Betreiber zeigen Perspektiven in Deutschland auf.

Von Heike Heisig

Narsir (rechts) und Mustapha haben keine Berührungsängste mit der Archehofkuh der vom Aussterben bedrohten Rasse Allgäuer Braunvieh. Die beiden Jugendlichen gehören zu einer Gruppe Flüchtlinge, die in Klosterbuch das Landleben kennengelernt hat. Anliegen ist, ihnen eine Perspektive aufzuzeigen, wenn sie in Deutschland lernen und bleiben dürfen.
Narsir (rechts) und Mustapha haben keine Berührungsängste mit der Archehofkuh der vom Aussterben bedrohten Rasse Allgäuer Braunvieh. Die beiden Jugendlichen gehören zu einer Gruppe Flüchtlinge, die in Klosterbuch das Landleben kennengelernt hat. Anliegen ist, ihnen eine Perspektive aufzuzeigen, wenn sie in Deutschland lernen und bleiben dürfen.

© Dietmar Thomas

Leisnig. Narsir ist 16 Jahre jung. Seit einem Jahr lebt der Jugendliche aus Somalia in Deutschland. Die zurückliegende Woche hat er auf dem Fachwerk- und Archehof der Familie Pohl in Klosterbuch verbracht. Ansonsten wohnt er in Großweitzschen. Er versteht und spricht relativ gut Deutsch und überrascht seine Gastgeber gleich am ersten Tag – und danach noch einige weitere Male. Denn Narsir stellt sich beim Melken der hofeigenen Kuh prima an und ein paar Tage später staunen die Projektleiter, wie sicher der 16-Jährige einen traditionellen Pflug über den Acker befördert. „Er stellt unsere Fähigkeiten in den Schatten“, gibt Vicky Behnisch zu, die zu den Betreuern gehört.

Auf dem Archehof in Klosterbuch setzen die Mitarbeiter um Jürgen und Elsbeth Pohl ein Projekt für Mittelsachsen um. Es läuft unter der Überschrift „Fremde werden Freunde – Leben auf dem Land im Landkreis Mittelsachsen“. Das sagt eigentlich schon alles über das Ziel aus, das mit dem sächsischen Sozialministerium und dem Landesamt für Umwelt, Geologie und Landwirtschaft abgestimmt ist. „Wir wollen den jungen Leuten eine Perspektive für ein Leben in Deutschland aufzeigen“, erklärt Elsbeth Pohl-Roux. Nicht alle, aber einige Teilnehmer des ersten Durchgangs in dieser Woche kommen aus ländlichen Gebieten. Dürfen sie nach Schul- und Berufsausbildung in der Bundesrepublik bleiben, könnten sie hier in Mittelsachsen auf dem Land sesshaft werden. Daher stellen ihnen die Pohls und ihre Mitarbeiter das Landleben und das Arbeiten hier vor.

Gefunden haben sie Partner wie eine Biogärtnerei, einen Gartenbau- und einen Betrieb, der Landwirtschaftstechnik vertreibt. Die Beschäftigten dort lassen die 16- bis 18-Jährigen einmal auf einem modernen Traktor Platz nehmen. Ganz praktisch wird es auf dem Archehof – aber nicht nur auf dem Feld. Die Jugendlichen kochen gemeinsam. Die gemolkene Milch wird zu Käse verarbeitet, mit Ayran steht ein Nationalgetränk aus arabischen Ländern auf dem Tisch. Die jungen Leute lernen Waldheim und Bürgermeister Steffen Ernst (FDP), Leisnig und die Burg Mildenstein kennen. Sie spielen Fußball, wandern, trommeln und reden viel. Manchmal kommt auch die Sprache auf sensible Themen, wie Vicky Behnisch beobachtet hat. Eines ist für viele junge Ausländer die Familie. „Manche haben gar keine Eltern mehr und wenn doch, dann häufig keinen Kontakt“, berichtet Vicky Behnisch.

Auch beim Malen an einem Nachmittag in Klosterbuch können die jungen Flüchtlinge ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Sie gehen ernsthaft zu Werke, scherzen zwischendurch aber auch immer mal wieder. Insgesamt meint Elsbeth Pohl-Roux, dass ihnen die Woche Landleben gut getan hat. „Das haben wir auch schon bei unseren zunächst sechs und jetzt noch vier Pflegesöhnen beobachtet“, sagt sie. „Der Umgang mit den Tieren hilft diesen jungen Menschen.“ In den nächsten Ferienwochen und wahrscheinlich auch noch in ein oder zwei Wochen in den Herbstferien wird das Projekt „Fremde werden Freunde – Leben auf dem Land“ fortgesetzt. Die Teilnehmer jetzt leben in Unterkünften in Rochlitz oder wie Narsir in Großweitzschen. Auch in Zug bei Freiberg befindet sich noch solch eine Einrichtung. Zuhause waren sie vor ihrer Flucht in Somalia, Guinea, Mali, der Elfenbeinküste und Jamaika.