Sonntag, 18.11.2012
Jubel über 88,5 Prozent: Claudia Roths Trauerzeit ist vorbei
Wechselbad der Gefühle für Claudia Roth - nach ihrem Urwahl-Debakel wird die Grünen-Chefin auf dem Parteitag mit ihrem zweitbesten Ergebnis bestätigt. Sie kündigt an, nervig zu bleiben.
Von Basil Wegener und Georg Ismar
Claudia Roth kann aufatmen: Die 57-Jährige bleibt für weitere zwei Jahre Bundesvorsitzende der Grünen. Foto: dapd
Hannover. Jetzt kann Claudia Roth nur noch warten. Sie dreht einen silbernen Schraubverschluss mit den Fingerspitzen im Kreis herum, lässt sich ein Glas Wasser einschenken und steht auf. Das Wahlergebnis wird verkündet. Nach all dem Jubel während ihrer kämpferischen Bewerbungsrede ist es schon fast eine Überraschung, dass sie die 91,5 Prozent ihrer ersten Wahl vor elf Jahren nicht erreicht. Aber 88,5 Prozent sind für grüne Verhältnisse auch sehr stark und ihr zweitbestes Resultat.
Zwei Tage war sie vor einer Woche abgetaucht, gleich nachdem Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke Roth ihr desaströses 26-Prozent-Ergebnis bei der Urwahl mitgeteilt hatte. Auf Facebook hatte sie zunächst nur einen dürren Glückwunsch hinterlassen an das Spitzenduo Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin. Am Montag erklärte sie ganz in Schwarz, doch noch einmal als Parteichefin zu kandidieren.
Jetzt inszeniert Roth ihr Comeback nach nur einer knappen Woche. Nicht Schwarz wie in den vergangenen Tagen trägt sie, sondern Hellgrau und Grün. Sie erwähnt nochmal den Candystorm, den sie erhalten hatte - eine neue Bezeichnung für viel Zuspruch im Internet. Auch einen inneren Sturm habe sie erlebt - „aber die Trauerzeit ist vorbei“. Schließlich würde ein solches Debakel in anderen Parteien unweigerlich zum Rücktritt führen. Sie fragt die Delegierten, ob das Vertrauen noch da sei? Donnernder Applaus.
Zum Beweis der Einigkeit bei den Führungsgrünen umarmen Göring-Eckardt und Trittin nun die wieder Aufgerichtete, dann auch Renate Künast, die ihre Niederlage bei der Urwahl wegen eines besseren Ergebnisses etwas einfacher weggesteckt hatte. Dass auch Roths Co-Vorsitzender Cem Özdemir mit 83,3 Prozent im Amt bestätigt wird, gerät ob des Aufatmens über Roths Ergebnis fast zur Randnotiz.
Die Masse der rund 60.000 einfachen Mitglieder tickt anders als die Delegierten - das ist eine Erklärung für die höchst unterschiedlichen Ergebnisse für Roth. Dass die Kirchenfrau Göring-Eckardt statt der kämpferischen Parteilinken Roth gewählt wurde, ließ die Schwarz-Grün-Debatte erst so richtig hochkochen. Doch es war auch eine Abstimmung über die Ausstrahlung - die 46-jährige Gewinnerin ist ein neues Gesicht in erster Reihe, erscheint eher leise und lässig. Roth kennt man als markige Angreiferin.
Die 57-Jährige geht vor den Delegierten auch auf diesen heiklen Punkt ein, spielt mit ihrem Image. „Kämpfen kann ich, liebe Freundinnen und Freunde, und das Nerven, das gewöhn ich mir auch nicht ab.“ Sie habe eben Ecken und Kanten. „Verhärten tu ich mich schon gar nicht.“
Es ist aber nur eine Frist. Denn wohl schon in einem Jahr dürfte der Vorstand neu gewählt werden müssen. Es dürften dann mehr als die maximalen zwei Bundestagsmitglieder unter den sechs Vorständlern sein - mehr als zwei Vorstandsmitglieder mit Abgeordnetenmandat verbietet die Satzung der Grünen jedoch. Vielleicht wird Claudia Roth ja Entwicklungsministerin, wenn es mit Rot-Grün klappt.
Die in Hannover gefassten Sozialbeschlüsse unterstreichen die Nähe zur SPD - nach den wortreichen Absagen an Schwarz-Grün wurden auch programmatisch die Hürden zur Union nicht abgebaut. Zur Abstimmung standen zahlreiche eher linke Anträge, die die frühere rot-grünen Agenda 2010-Beschlüsse zum Teil stark revidieren wollten. Die Parteispitze schaffte es, dass es nicht zu links wurde.
Die Parteilinke verlor dabei sämtliche Voten, war aber trotzdem nicht unzufrieden. Denn die gemäß des Vorstandskurses gefassten Beschlüsse sind schon recht links - mit höheren Hartz-Sätzen, höheren Steuern für Wohlhabende und weniger Sanktionen für Langzeitarbeitslose. „Ja, wir wollen umverteilen“, betont die Arbeitsmarktexpertin Brigitte Pothmer. „Umverteilung ist eine Glücksstrategie.“ (dpa)
Empfehlung - Jubel über 88,5 Prozent: Claudia Roths Trauerzeit ist vorbei
Hannover. Jetzt kann Claudia Roth nur noch warten. Sie dreht einen silbernen Schraubverschluss mit den Fingerspitzen im Kreis herum, lässt sich ein Glas Wasser einschenken und steht auf. Das Wahlergebnis wird verkündet. Nach all dem Jubel während ihrer kämpferischen Bewerbungsrede ist es schon fast eine Überraschung, dass sie die 91,5 Prozent ihrer ersten Wahl vor elf Jahren nicht erreicht. Aber 88,5 Prozent sind für grüne Verhältnisse auch sehr stark und ihr zweitbestes Resultat.(...)
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