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Donnerstag, 26.04.2018

Jetzt sollen auch die Jungs zum Impfen

Die Spritze gegen Gebärmutterhalskrebs wirkt zwar, wird aber nicht genug angenommen. Das soll Folgen haben.

Von Bernhard Veith

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Bislang nur ein Thema für Frauen: die Gebärmutter.
Bislang nur ein Thema für Frauen: die Gebärmutter.

© 123rf.com

Jährlich erkranken in Deutschland durchschnittlich mehr als 4 500 Frauen an
Gebärmutterhalskrebs. Noch 1980 starben über 3 000 Frauen daran. Als Ursache entdeckte man die humanen Papillomviren (HPV), die bei sexueller Betätigung über den Penis übertragen werden. Doch auch eine Frau kann den Keim auf einen Mann übertragen, wenn sie irgendwann angesteckt wurde. Schätzungen zufolge infizieren sich über 70 Prozent aller Menschen im Laufe ihres Lebens mit HPV-Viren. Dabei unterscheidet man über 150 Virusstämme, die meist harmlos sind. Zwei Stämme
können aber den Gebärmutterhalskrebs auslösen.

Das Heimtückische daran ist, dass es sehr viele Jahre dauern kann, bis sich der Krebs bemerkbar macht. Die Keime setzen sich in der Scheide fest, wo sie sich in Ruhe entwickeln können, manchmal bis zum Krebs. Mehrere Faktoren begünstigen diese Entwicklung, so zum Beispiel Rauchen, zusätzliche übertragbare Erreger wie Chlamydien, ein früher Beginn der sexuellen Aktivität, viele Geburten oder ein stark geschwächtes Immunsystem. Medikamentös kann der Krebs zwar geringfügig eingedämmt, aber nicht geheilt werden. Auch Operationen sind oft nur Lösungen auf Zeit.

Insofern war die Entwicklung eines Impfstoffs gegen HPV-Viren revolutionär. Er kann vorhandene Viren zwar nicht bekämpfen, aber verhindern, dass sie sich in der Scheide einnisten. Deshalb wurde vor elf Jahren die Impfung junger Mädchen von der Ständigen Impfkommission des Robert-Koch-Institutes (STIKO) empfohlen. Sie sollten noch vor der ersten sexuellen Aktivität geimpft werden. Aus gutem Grund: Sind alle Mädchen geimpft, entsteht ein „Herdenschutz“. So wären automatisch auch alle Jungen geschützt.

Nur 43 Prozent sind geimpft

Tatsächlich ging die Erkrankung deutlich zurück. Im vergangenen Jahr starben weniger als 1 300 Frauen an Gebärmutterhalskrebs. Doch warum gibt es immer noch Infektionen? An den Impfstoffen, von denen es nun zwei gibt, kann es nicht liegen, denn andere Länder erzielten damit spektakulärere Ergebnisse.

„Für den „Herdenschutz benötigt man eine Impfquote von 85 Prozent“, sagt Professor Dr. Kurt Miller, Direktor der Klinik für Urologie an der Charité. „Die aber wurde in Deutschland mit gerade mal 43 Prozent nie erreicht.“ Anders herum: 57 Prozent aller jungen Mädchen sind zurzeit gegen HPV-Viren ungeschützt. Forscher zweifeln nicht daran, dass jedes Jahr über 1 000 Krebstote verhindert werden könnten, wenn der Herdenschutz funktioniert.

Insofern gibt es jetzt die Idee, dass auch Jungen als Überträger der Viren geimpft werden sollen – auch vor dem Hintergrund, dass mittlerweile über 150 HPV-Virenstämme neu entdeckt wurden, die andere gesundheitliche Schäden mit sich bringen können. Dabei geht es um „harmlosere“ Erkrankungen wie Feigwarzen, aber auch um Penis-, Anal- und Mund/Zungen-Krebs. Und das betrifft beide Geschlechter.

Mit einer neuen Impfstoffgeneration, die von der European Medicines Agency ausdrücklich für alle Jugendliche ab neun Jahre zugelassen wurde, kann der Ausbruch weiterer Virus-Stämme verhindert werden. Studien zeigen, dass die Impfung auch bei Jungen und jungen Männern wirksam ist. In Österreich und in der Schweiz wird sie deshalb bereits bei allen Kindern durchgeführt, zum Beispiel in Schulimpfprogrammen.

Sachsen rät zum Impfen

Doch in Deutschland hält sich die Ständige Impfkommission zurück. Und ohne ihre Empfehlung übernehmen die Krankenkassen für Jungen nicht die Impfkosten, wie sie es für Mädchen tun. Die Sächsische Impfkommission dagegen empfiehlt die Impfung schon seit Januar 2013 auch für Jungen und Männer von 9 Jahren bis zum 26. Geburtstag. Die übergeordnete STIKO berät noch. „Wann eine Entscheidung über die Impfung getroffen wird, wissen wir nicht“, sagt eine Sprecherin. Der Prozess sei aufwändig und langwierig.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 6 Kommentare

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  1. Dresdnerin

    Sonst impffreundlich gesinnt, scheint mir der Artikel doch sehr oberflächlich "recherchiert". Mehrere Todesfälle nach dieser Impfung sind bekannt, doch Langzeitstudien der Wirksamkeit werden nicht benannt.

  2. Martin Ender

    @1: In diesem Zusammenhang gibt es mehrere Studien, dass eine Beschneidung der Vorhaut (bei Jungs bzw. Männern) ebenfalls zu einer deutlichen Senkung des Ansteckungsrisikos sowie der im Artikel genannten Erkrankungen führt und dieses eine impffreie Alternative darstellt.

  3. Willy

    Falls jemand alle die von der STIKO empfohlene Impfen haben möchte: es sind über 40! Das kann nicht gesund sein - auch wenn`s bei den Nebenwirkungen (der einzelnen Impfungen) nicht so schlimm aussieht. Meine Empfehlung bzgl. Gebärmutterhalskrebs: Keine häufigen Wechsel der Sexualpartner! Verringert das Risiko um 50, 70, 90 oder sonst wieviel Prozent!

  4. Dresdnerin

    @2 Ja, sie ist gewiss eine nährende Keimzelle und als natürlicher Eigen-Schutz trügerisch, und, außer für das "männlichem Zipfel-Ego", unnötig... , jedoch vor allem ab der kleinkindlichen Hygiene-Erziehung wichtig, und da tun sich Jungen-Mütter/- Väter manchmal auch heutzutage unsicher/ verkrampft und schwer.

  5. Bernhard Veith

    Bei einem allgemeinen Übersichtsbericht muss man die Fakten abwägen. Die Beschneidung als HPV-Prävention geistert seit 50 Jahren herum und wurde durch das Internet verstärkt, aber immer wieder wiederlegt. Der HPV-Virus kann auch ohne Vorhaut übertragen werden. Die Prozentzahl zugunsten der Beschneidung ist eher marginal und wurde deshalb nicht berücksichtigt. Und ich würde keinem Mädchen auferlegen wollen. "Such dir einen Jungen ohne Vorhaut" Nicht die Vorhaut ist das Problem sondern der Virus, der ja bei allen sexuellen Betätigungen übertragen werden kann. Die Mädchen müssen geschützt werden und da ist auch Enthaltsamkeit unsicher, was man bei den unerwünschten Schwangerschaften ja sehen kann. Die Infektionsrate in Ländern mit den neuen Impfmethoden sank um 95%, der Krebs ebenfalls. Die Komplikationsrate liegt übrigens im Promille-Bereich. Das sind die Fakten, die in diesem Bericht transportiert wurden. Die Vorhaut ist nicht unnötig, sonst wäre sie nicht da!

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