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Donnerstag, 16.05.2013

Japans Wirtschaft wächst unerwartet stark - Kritiker sehen Strohfeuer

Japan erlebt einen Aufschwung. Die „Abenomics“ genannte Wirtschaftspolitik des neuen Premiers Abe scheint zu wirken. Der Yen hat deutlich abgewertet und kurbelt die Exporte an. Doch Kritiker warnen vor einem Strohfeuer. Angemahnt werden Strukturreformen.

Von Lars Nicolaysen, dpa

Tokio. Japans Wirtschaft ist im ersten Quartal überraschend stark gewachsen. Wie die Regierung am Donnerstag auf vorläufiger Basis bekanntgab, kletterte das Bruttoinlandsprodukt zwischen Januar und März mit einer hochgerechnete Jahresrate von 3,5 Prozent, nach 1 Prozent im Vorquartal. Das ist deutlich stärker als Ökonomen erwartet hatten. Zum Vorquartal wuchs Japan um 0,9 Prozent. Die Regierung sieht sich bestätigt, dass die „Abenomics“ genannte neue Wirtschaftspolitik von Premier Shinzo Abe nun Früchte trage. Er will Japan mit massiven Konjunkturspritzen und einer aggressiven Lockerung der Geldpolitik gesunden. Doch Kritiker befürchten ein Strohfeuer.

Die Schwächung des Yen durch die Geldpolitik des von Abe eingesetzten neuen Zentralbank-Gouverneurs Haruhiko Kuroda ließ die Ausfuhren der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt erstmals seit vier Quartalen anziehen, und zwar um 3,8 Prozent. In jüngster Zeit hat der Yen zum Dollar bereits um 24 Prozent abgewertet. Zu dem Exportanstieg trägt auch die Erholung der US-Wirtschaft bei. Auch die Börse hat in Erwartung einer Konjunkturerholung kräftig angezogen. Vor diesem Hintergrund geben die Japaner wieder mehr Geld aus. Die Konsumausgaben, die in Japan zu 60 Prozent zur Wirtschaftsleistung des Landes beitragen, erhöhten sich im 1. Quartal um 0,9 Prozent.

Die Unternehmen scheinen indes weiter skeptisch zu sein. Zwar erhöhen sie ihre Bonuszahlungen, aber noch nicht die Grundgehälter. Zudem verringerten sie ihre Investitionen in Anlagen im fünften Quartal hintereinander, und zwar um 0,7 Prozent. Dennoch gehen Ökonomen davon aus, dass sich der robuste Wachstumstrend dank der schwachen Währung in den kommenden Quartalen fortsetzen wird. Japan entwickele sich unter den großen Industrieländern dadurch zu einer Wachstumslokomotive. Auch die Regierung in Tokio ist zuversichtlich, dass die Wirtschaft im noch bis März 2014 laufenden Haushaltsjahr wie erwartet um real 2,5 Prozent anziehen wird. Dies erhöht die Aussicht, dass die Verbrauchersteuer wie geplant im April 2014 von 5 auf 8 Prozent erhöht wird. Die Entscheidung dazu soll im Herbst fallen.

Doch birgt die neue Finanz- und Geldpolitik Japans auch erhebliche Risiken. Zum einen treibt der schwache Yen die Einfuhrpreise nach oben und erhöht den Preisdruck. Sollte der Yen zudem weiter abwerten und dadurch die Exporte deutlich anziehen, so die Ökonomen der VP Bank, „dürfte das internationale Misstrauen gegenüber der japanischen Geldpolitik zunehmen“. Der deutliche Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts könne die Debatte um einen „Währungskrieg“ verschärfen. Abgesehen davon sind die Kosten für Japans Schuldendienst gestiegen, was für Japan mit einer Staatsverschuldung von 237 Prozent, der höchsten unter Industriestaaten, gefährlich ist.

Kritiker warnen angesichts der aggressiven Geldpolitik Japans, mit der die Geldbasis zur Überwindung der jahrelangen Deflation mit stetig fallenden Preisen in den kommenden zwei Jahren verdoppelt werden soll, bereits vor dem Entstehen einer neuen Blase. Damit der momentane Aufschwung nicht wie ein Strohfeuer verpufft, braucht das Land nach Einschätzung von Ökonomen längst überfällige Strukturreformen und eine Öffnung der Märkte zur Ankurbelung der Wettbewerbsfähigkeit. Diesen schwierigsten Teil der „Abenomics“ ist die Regierung jedoch bislang schuldig geblieben. Beobachter warnen, dass durch Abes bisherigen schnellen Erfolg die Entschlossenheit nachlassen könnte, harte Entscheidungen zu treffen. Im Juni will Abe Pläne zu Reformen vorlegen. Doch gibt es schon jetzt Widerstände von Lobby-Gruppen. Ob Japans Erholung von Dauer ist, bleibt abzuwarten. (dpa)

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