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Ist Frau Özuguz selbst schuld?

Der kritische Leser fragt sich, wieso Herr Gauland zur Aussage kommt, die Integrationsministerin Özuguz „in Anatolien entsorgen“ zu wollen. In den Zeitungen wird nichts erklärt, ich musste im Internet suchen. Ich fand ihre Formulierungen dann sehr eigenartig. Mit diesem Wissen relativiert sich doch der Satz Gaulands ein wenig!. MfG, Ingrid Grosse

15.09.2017

Sehr geehrte Frau Grosse,

zugegeben, im Internet findet sich ein gesuchtes Stichwort schneller als in einer dicken Zeitung. Dennoch muss ich zur Ehrenrettung der Redaktion darauf hinweisen, dass sowohl Herrn Gaulands Zitate als auch die von Frau Özuguz bereits im ersten SZ-Bericht vollständig dokumentiert worden sind. Wenn Sie noch mal nachlesen wollen: 29. August, Seite 2. Es passiert jedem Mal, etwas in der Zeitung zu überlesen.

Wie ist nun die Aussage von Frau Özuguz zu bewerten? Zur Erinnerung: Die Ministerin hatte in einem Interview erklärt, dass eine spezifische deutsche Kultur jenseits der Sprache nicht zu identifizieren sei. Ich stimme Ihnen zu, Frau Grosse, sehr eigenartiger Satz. Als würde es keine deutsche Kultur neben der Sprache geben. Sie hat dann später erklärt, dass sich das auf die unselige Leitkulturdebatte bezogen hatte. Die Erklärung macht ihren Satz verständlicher, richtiger wird er damit nicht.

Insofern hat Herr Gauland natürlich das Recht, eine solche Aussage zu kritisieren. Auch scharf zu kritisieren, wenn ihm danach ist. Aber, Frau Grosse, ganz deutlich: Auch eine schiefe Argumentation kann Gaulands Spruch nicht relativieren. Was er da abgelassen hat, war rassistisch und menschenverachtend. Da verbietet sich jede Toleranz. Da ist auch der Verweis nicht angebracht, der jetzt ab und an in der Leserpost zu finden ist: Es haben sich doch auch schon andere Politiker Entgleisungen geleistet. Sicher, die Medien, die gesamte kritische Öffentlichkeit sollte dies auch jedes Mal deutlich verurteilen. Allerdings handelt es sich bei Gaulands Spruch schon um einen Tabubruch neuer Qualität. Insider streiten noch darüber, ob ihm das nur rausgerutscht ist oder er das sogar ganz bewusst in den Saal gerufen hat, um seine Anhänger in Wallung zu bringen. Ersteres wäre übel, Letzteres einfach nur ekelhaft.

In den USA ist eine solche „Diskussionskultur“ dank Trump bereits Alltag, hier zum Glück noch nicht. Wir können alle ein bisschen dazu beitragen, dass das auch so bleibt.

Ihr Olaf Kittel

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