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Donnerstag, 21.05.2015

Ist die Schließung der Umweltschule überzogen?

Viele Eltern und Leser fragen sich, ob die Bildungsagentur bei staatlichen Schulen genauso prüft. Politiker hingegen fordern eine Lösung - und der Rechtsanwalt des Schulträgers geht in die Offensive.

Von Kathrin Kupka-Hahn

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Die Natur- und Umweltschule hat ihren Sitz im Erdgeschoss dieses Gebäudes am Manfred-von-Ardenne-Ring 20. Der Unterricht im Freien findet im Wald hinter dem Haus statt. Dort befinden sich mehrere Lernplätze – mit und ohne Dach.
Die Natur- und Umweltschule hat ihren Sitz im Erdgeschoss dieses Gebäudes am Manfred-von-Ardenne-Ring 20. Der Unterricht im Freien findet im Wald hinter dem Haus statt. Dort befinden sich mehrere Lernplätze – mit und ohne Dach.

© Sven Ellger

Das drohende Aus der Natur- und Umweltschule hat in der Stadt eine heftige Debatte ausgelöst. Derweil kämpft Rechtsanwalt Martin Sträßer um deren Erhalt. Er vertritt den Träger der Schule, den Verbund Sozialpädagogischer Projekte (VSP). Gegen die Aussagen von Anja Stephan, der Leiterin der Bildungsagentur, will Sträßer nun rechtlich vorgehen. Sie hatte bei einem Pressegespräch geäußert, dass an der Natur- und Umweltschule das Kindeswohl gefährdet sei. Für den Juristen ist das eine fatale Aussage. Denn schlimmstenfalls könne bei einer solchen Gefährdung das Jugendamt den Eltern die Kinder wegnehmen, sagt er.

Parallel dazu wird Sträßer in den kommenden Tagen einen Eilantrag stellen, damit der Betrieb an der Natur- und Umweltschule im August weitergehen kann. Der Jurist rechnet damit, dass eine Entscheidung dazu bei der Gerichtsverhandlung am 4. Juni fällt. Der Träger der Schule hatte gegen die vorläufige Genehmigung durch die Bildungsagentur geklagt und fordert eine dauerhafte ein. Zudem ist der Anwalt von der Vorgehensweise der Bildungsagentur entsetzt. „So ein Fall ist mir noch nicht untergekommen“, sagt er. Seit 1990 vertritt Sträßer Schulen in Freier Trägerschaft in mehreren Bundesländern, darunter auch die Freie Alternativschule in Dresden.

„Staat entscheidet mal so mal so“

Auch viele Dresdner können die Entscheidung der Sächsischen Bildungsagentur nicht nachvollziehen. Trotz der Mängelliste. Einige halten diese sogar für vorgeschoben. Andere wiederum zeigen Verständnis für das harte Durchgreifen der Behörde. Umso wichtiger ist es für Grünen-Stadträtin Ulrike Caspary, die auch bildungspolitische Sprecherin ihrer Fraktion ist, dass eine Lösung in dem Konflikt gefunden wird. „Wir fordern die Sächsische Bildungsagentur auf, sich mit der Natur- und Umweltschule an einen Tisch zu setzen, um die Weiterführung des Schulbetriebes zu gewährleisten. Gleichzeitig fordern wir die Schule auf, sich an diesen Gesprächen konstruktiv zu beteiligen“, so die Politikerin. Für Dresden sei es wichtig, dass es Schulen gibt, die Natur und Umwelt sowie die Bildung für eine nachhaltige Entwicklung im Fokus haben. Deshalb unterstützen die Grünen freie Schulen und ihre alternativen Unterrichtskonzepte.

Stadtrat Thomas Blümel von der SPD hält die Reaktion der Bildungsagentur, die Schule schließen zu wollen, für überzogen. Er war selbst jahrelang Elternvertreter und kennt den Träger der Schule VSP. „In seinen Einrichtungen war die Qualität immer gut. Es würde mich wundern, wenn das jetzt anders wäre“, sagt er. Zudem würde in Dresden jeder Grundschulplatz gebraucht, denn die anderen, staatlichen Schulen sind randvoll. Den Vorwurf, dass unqualifizierte Kräfte an der Natur- und Umweltschule lehren, kann er nicht nachvollziehen. „Warum entscheidet der Staat mal so und mal so?“, fragt Blümel. In Kitas sollen schließlich ja auch Assistenzkräfte zur Betreuung und Bildung der Kinder eingesetzt werden. Die weiteren Vorwürfe der Bildungsagentur sieht der Stadtrat als sehr rufschädigend. Deshalb erachtet er es als besonders wichtig, dass Behörde und Umweltschule miteinander reden. Stadträtin Annekatrin Klepsch von den Linken findet es sehr fragwürdig, wie die Sächsische Bildungsagentur durch ihre Vorgehensweise Tatsachen schafft. „Es ist zu klären, ob die SBA die gleichen Maßstäbe an alle Freien Schulen bei der Zulassung anlegt“, sagt sie.

Auch die Leser unserer Zeitung beteiligen sich rege an der Diskussion um die Natur- und Umweltschule. Viele ziehen Vergleiche zu den Schulen ihrer Kinder. Der Nutzer namens Andreas kritisiert bei SZ-Online, dass die Bildungsagentur bei freien Einrichtungen deutlich genauer hinschaut, als bei staatlichen: „Hat die Schule meiner Kinder auch so viele Kontrollbesuche hinter sich? Nötig wär’s!“ Missstände gäbe es dort genügend, schreibt er. Dazu zählen für ihn unter anderem Defekte an der Sportraumausstattung und im Treppenhaus. Diesen Gefahren werde nicht nachgegangen. Leser Peter geht sogar noch weiter in seiner Kritik: „Unser Regelschulsystem ist höchst selektiv. Die SBA bangt zu Recht um ihre zunehmend schlechter laufenden Lehranstalten. So ist es natürlich bequemer, den bösen Peter bei anderen zu suchen und Innovation möglichst zu unterbinden“. Unter dem Synonym Alternative meldet sich eine Pädagogin zu Wort, die mehrere Schulsysteme kennengelernt hat. „Die Kindeswohlgefährdung ist an Regelschulen weitaus höher. Denn leider steht der Leistungsgedanke bei vielen Eltern an erster Stelle, und eben nicht das Wohl des Kindes“, schreibt sie.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 10 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. K. Morner

    Als langjähriger Elternvertreter und Mitglied von Schulkonferenzen sowie Arbeitsgemeinschaften kenne ich die Situation in einigen staatlichen Schulen und auch 2 Schulen in freier Trägerschaft. Bitte glauben sie mir, Probleme gibt es auf beiden Seiten zur Genüge. Jedoch ist wirklich sehr erstaunlich, mit welchen spitzfindigen Sonderregelungen und Bestandsschutz-Programmen schon allein beim Brand- und Lärmschutz staatlicher Schulen jongliert wird. Freie Schulen haben baulich oft die gleichen Probleme. Sie bekommen Auflagen, wärend die staatlichen Schulen unter Zuständen weiterlaufen, die mehr als diskussionswürdig sind (eher schon Gefärdung des Kindswohles). Mein Eindruck ist wirklich, dass mit zweierlei Maß gemessen wird. Und genau da liegt das Problem. Unser Freistaat bricht lieber munter weiter die eigene Verfassung auf dem Rücken der Schüler freier Schulen und deren Eltern sowie Lehrer. Nur wer gleichberechtigt fördert und finanziert, kann auch gleiche Maßstäbe geltend machen.

  2. Waldfreund

    Ich kenne die Schule zwar nicht aus eigener Ansicht, kenne aber mehrere Kinder die sie, bzw Waldkindergärten besuchen. An diesen Kinder fällt auf, mit welch gutem Körpergefühl sie sich bewegen. Wer oft über Stock und Stein rennt bewegt sich sichtbar anders als Menschen die nur auf geraden Flächen unterwegs sind. Auch ihre Kreativität ist bestechend ,schon die 3- jährigen basteln sich Spielzeug zB aus Naturmaterial selber. Die Kenntnisse und der Umgang über und mit der Natur sind erstaunlich, auch schon im Kindergarten. Auch weiß ich, dass diese Kinder, durch die viel frische Luft, besonders stabil gegen Erkältungen sind. Diese Einrichtungen sind genial für Familien die viel Augenmerk darauf leben ihre Kinder in möglichst natürlicher Umwelt aufwachsen zu lassen. Durch den altersgemischten Unterricht lernen die Kinder in ihrem Tempo, angeregt durch die Älteren, soziales helfen übend durch die Jüngeren. Diese Schule wäre meine Wahl, wenn ich noch kleine Kinder hätte.

  3. Maik1

    Das Problem ist der Bestandsschutz. Die staatlichen Schulen gibt es ja in der Regel schon sehr lange. Somit genießen die (alten) Schulgebäude Bestandsschutz und es gibt lange Übergangsfristen. Wenn eine neue Schule gegründet und/oder gebaut wird (egal ob staatlicher oder freier Träger) muss diese natürlich alle derzeit gültigen Anforderungen erfüllen. Und wenn eine freie Schule ein altes Schulgebäude kauft oder anmietet, erlischt der Bestandsschutz in der Regel. Damit müssen dann alle aktuellen Anforderungen erfüllt werden. Für eine freie Schule ist das finanziell natürlich ein hoher Aufwand.

  4. SweetyTweety

    So ist es und so wird es immer bleiben Hr. K. Morner - leider! Kinder sind unsere Zukunft, wird immer gepredigt, doch diesbezüglich tut die Stadt zu wenig! Wie sollen SchülerInnen ordentlich lernen, wenn die Grundlagen/Sicherheit fehlen? Ich bin nur froh, daß unser Kind nicht mehr schulpflichtig ist! Jeder streikt wegen irgendwas - sollen doch die SchülerInnen auf die Strasse gehen und so auf die Mißstände aufmerksam machen!

  5. Bildungsstreik

    Ein Bildungsstreik, welch famose Idee! Das gefällt mir, aber warten sie, leider herrscht bei uns ja die Schulanwesenheitspflicht. Also wenn streiken, dann bitte nur in den 4 Wänden der Schule, sonst kommt die Polizei oder gleich das Jugendamt. Streikrecht für alle? Wahrscheinlich nicht, solange solch antiquierte Gesetze, die erwiesenermaßen gegen das Grundgesetz und die Menschenrechte verstoßen, noch hoch gehalten werden. Aber leider scheint Dtld auch gegen die Erkenntnisse und Vorschläge der Menschenrechtskonvention taub zu sein. Was für ein freies Land! Aber bitte Schüler- geht auf die Straße - für euch, für die, die nach euch kommen! Nur weil ihr nicht wahlberechtigt seid, habt ihr eine Stimme! Lasst sie hören!

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