erweiterte Suche
Samstag, 19.03.2016

Ist der Chefredakteur ein AfD-Unterstützer?

Diese Frage stellte ich mir, als ich die Berichterstattung zu den Landtagswahlen las. Der Bericht über die AfD und Frau Petry steht in keinem Verhältnis zu den Berichten über die Wahlsieger in den drei Bundesländern. Eine bessere Werbung für die populistische AfD ist kaum vorstellbar. MfG Karin Thiele

Sehr geehrte Frau Thiele,

die Sächsische Zeitung hat tatsächlich sehr ausführlich über die drei Landtagswahlen am Wochenende berichtet, auch über die AfD. Es waren ja die ersten Wahlen, seit das Flüchtlingsthema das alles dominierende ist. Die politischen Folgen wurden deshalb mit großem Interesse erwartet. Für Zeitungen sind solche mit Spannung erwarteten Wahlen Festtage des Journalismus. Sie können dann ihre Stärken voll ausspielen: Über die pure Ergebnisinformation hinaus bereits am Montag umfangreiche Hintergrundberichte, Analysen und Gespräche liefern. Wahlsonntage sind deshalb für viele SZ-Redakteure besonders arbeitsreich und intensiv, sie dauern bis weit in die Nacht.

In diese Wahlausgaben wird nicht nur viel Kraft gesteckt, sie werden auch umfangreich vorbereitet. Dazu gibt es mehrere Planungsrunden, an denen Mitglieder der Chefredaktion, Politikredakteure und Ressortleiter teilnehmen. Erst wenn die unterschiedlichen Sichten ausdiskutiert sind, entsteht ein redaktioneller Plan. Da ist dann festgelegt, welches Thema wie groß in der SZ erscheinen soll.

Diesmal war absehbar, dass die AfD in allen drei Ländern erfolgreich sein wird und das Informationsinteresse am Montag darüber besonders groß ist. Viele Leser wollen dann wissen, wie es dazu kam und welche Folgen das hat. Deshalb entsandte die SZ einen Redakteur nach Berlin, der sich nur diesem Thema widmete und räumte ihm den größten Platz ein. Er schilderte den Jubel auf der Wahlparty, lieferte Details über die Pläne der Partei sowie vor allem interessante Hintergrundinformationen, wie sich Frauke Petry an der Spitze der Partei verändert hat. Es war eine kritische Bestandsaufnahme.

Für Größe und Umfang von SZ-Artikeln, sehr geehrte Frau Thiele, ist also nicht entscheidend, ob der Chefredakteur ein Thema sympathisch findet, sondern ob es relevant ist und ob die Redaktion in der Lage ist, dazu eine große Geschichte zu erzählen. Das kann ein anrührendes Porträt über einen Flüchtlingshelfer sein oder - wie am Dienstag - die bedrückende Story, wie Ausländerfeinde in Dippoldiswalde das Klima vergiften.

Dabei gehört es zum Selbstverständnis der SZ-Redaktion, dass sie kritische Distanz zu den Gegenständen ihrer Berichterstattung hält. Das trifft natürlich auch auf Parteien zu, und zwar alle. Insofern können Sie sich darauf verlassen: Die SZ und ihr Chefredakteur unterstützen weder die CDU noch die SPD. Und schon gar nicht die rechtspopulistische AfD. Aber sie wird alles tun, um relevante Informationen über sie zu liefern. Auch umfangreich, wenn es nötig ist.

Ihr Olaf Kittel