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Mittwoch, 23.08.2017

Ist blass das neue Braun?

Wer sich in die Sonne legt, muss eigentlich verrückt sein. Jedes Jahr wird Bräune für uncool und Blässe zum Trend erklärt. Aber ist das wirklich so? Ein Berliner Hautarzt sagt: Schön wär’s.

Von Alexandra Stahl

Eine Besucherin des Wave Gothic Festivals in Leipzig zeigt schwarzes Leder auf bleicher Haut (Symbolfoto).
Eine Besucherin des Wave Gothic Festivals in Leipzig zeigt schwarzes Leder auf bleicher Haut (Symbolfoto).

© dpa

Berlin. Was haben Dieter Bohlen, Donatella Versace und Daniela Katzenberger gemeinsam? Alle drei sehen immer nach Sommer aus - jedenfalls mit Blick auf ihre Bräune.

Dabei ist eine Gesichtsfarbe, die auf Sonnenbäder und Solarium schließen lässt, heute doch eigentlich verpönt. Sollte man jedenfalls meinen, wenn man Zeitungen, Magazine oder Internet-Blogs liest. Und ganz sicher, wenn man auf seinen Hautarzt hört. Bräune müsse eigentlich als Hautkrankheit betrachtet werden, sagte der Münchner Hautarzt Christoph Liebich der Deutschen Presse-Agentur schon zu Beginn des Sommers.

Wer außer sangriaseligen Briten im Spanien-Urlaub legt sich im Jahr 2017 also noch in die pralle Sonne? „Immer noch viel zu viele“, antwortet der Berliner Dermatologe Christian Kors. Das Bewusstsein, dass Sonnenbaden schädlich ist, sei zwar gestiegen, aber es sei immer noch mangelhaft. „Wenn ich Patienten zum Lichtschutz berate, kommt immer: „Aber dann werde ich ja gar nicht mehr braun?““, erzählt Kors.

Braun werden wollen die Leute also immer noch. Jeder kennt es ja, das Geplänkel nach dem Urlaub: „Du hast ja richtig Farbe gekriegt!“, rufen Freunde, Nachbarn und Kollegen dem Menschen mit gebräuntem Teint entgegen, so als hätte er etwas geleistet. Aber wer am Mittelmeer eingecremt mit Lichtschutzfaktor 50 in den Schatten flüchtet, muss sich danach fragen lassen: „Warst Du wirklich auf Sizilien? Du bist ja gar nicht braun geworden!“ Es klingt ein bisschen nach Versagen.

Dabei ist die Sonne doch so out? Zumindest schreiben das seit Jahren immer wieder große Zeitungen. Schon 2010 stand in der „Welt“: „Niemand (außer Jennifer Lopez) will aussehen, als sei er gerade von der Dolce&Gabbana-Yacht gefallen oder hätte die Zeit gehabt, wochenlang in der Sonne zu liegen.“ Der „Spiegel“ veröffentlichte vor zwei Jahren „Ein Hoch auf die Blässe“, und dieses Jahr widmet sich die „SZ“ auf einer ganzen Seite der Sonne: „Jahr für Jahr schwindet die Zahl der unbeirrbaren Lichtgestalten, die glauben, dass man sich ihr mit Haut und Haar hingeben muss.“

Auch Hollywood-Stars warnen regelmäßig vor der gelben Gefahr: Fast jeder dürfte wohl das Foto von Hugh Jackman („X-Men“) mit Pflaster auf der Nase kennen. Der australische Schauspieler hat sich schon mehrfach wegen Hautkrebs behandeln lassen, sagt immer wieder: Tragt Sonnenschutz. Schauspielerin Juliane Moore („A Single Man“) erklärt, sie benutze UV-Schutz auch an Regentagen. In Modezeitschriften ist der Schneewittchen-Teint von Megan Fox oder Jessica Chastain Trend.

Die Sonne - der Gegner? Manch einer mag noch die Bilder der verbrannten Kronprinzessin Mette-Marit in Erinnerung haben. Die hellhäutige Norwegerin saß bei einem Interview vor einem Scheinwerfer, der Sonnenlicht reflektierte, und hatte danach starke Verbrennungen im Gesicht. Das war 2002.

Heute findet sich in dem Frauenmagazin „Freundin“ ein Pro und Contra zum Sonnenbaden, und in dem Berliner Blog „Mit Vergnügen“ heißt es in einem Anti-Sommer-Text fatalistisch: „Du hast die Wahl zwischen Hautkrebs durch Sonnenbrand oder Brustkrebs durch die Inhaltsstoffe der Sonnencreme.“

Ist blass also das neue Braun? Der Dermatologe Kors sagt dazu: „Schön wär’s.“ Denn die Zahlen sprechen für sich: Weltweit gebe es jedes Jahr zwei bis drei Millionen neue Fälle von hellem Hautkrebs, schreibt die Deutsche Krebsgesellschaft unter Berufung auf die Weltgesundheitsorganisation WHO. Jede UV-Belichtung verursache Erbgutschäden in den Zellen, sagt Kors. „Die Haut verzeiht extrem viel, aber sie vergisst keinen einzigen UV-Strahl.“

Dass zu viel Sonne und keine oder die falsche Sonnencreme schädlich sind, ist nicht neu - und doch hat man das Gefühl, dass das früher weniger Thema war. „Für Hautprobleme aller Art gab es abends die gute Flüssig-Nivea, so wie es für das leicht verbrannte Grillhähnchen die Zitrone gab. Am nächsten Morgen ging es wieder raus ins Freie“, beschreibt die „SZ“ die Sommer vor Jahrzehnten.

Kann sich irgendjemand einen bleichen Burt Reynolds vorstellen? Braun sein, das war lange ein Statussymbol. Auch der Dermatologe Kors erinnert an die Nachkriegsgeneration, die plötzlich Sommerurlaub machen konnte. „Alle sind nach Italien gefahren, Bräune zeigte auch, dass man sich das leisten kann.“ Später gingen die Leute gar ins Sonnenstudio, Solarium zählte in den Neunzigern fast als Hobby. Heute steht das Wort „Assi-Toaster“ im Duden. Die hässlichen Assoziationen sind im Kopf: Falten, Lederhaut, Krebs. Und auch: Donald Trump.

Die „SZ“ sieht nun in den Deutschen, „die immer alles perfekt machen wollen“, schon Sonnenschutzweltmeister. Der Berliner Hautarzt Kors kann da nur abwinken. Die Vorzeigenation sei Australien. „Für die Menschen dort ist es selbstverständlich, jeden Tag mit UV-Schutz und UV-Schutzkleidung rauszugehen. Dem hinken wir hinterher, weil immer alle denken: In Australien, die kriegen viel mehr ab.“ (dpa)

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