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Samstag, 03.11.2007

Israel empört über Video des Rabin-Mörders

Im Verhör zeigt Jigal Amir keine Reue. Dennoch will die Familie des Attentäters eine Begnadigung.

Von Thorsten Schmitz, SZ-Korrespondent in Jerusalem

Der Polizeioffizier stellt sich mit Namen und Dienstgrad vor und sagt: „Sie sitzen hier, weil Sie angeklagt sind, soeben Premierminister Itzchak Rabin getötet zu haben.“ Der junge Mann nickt. An den Händen trägt er Handschellen, auf dem Kopf eine Kippa, mit der religiöse Juden ihre Ehrfurcht vor Gott bekunden.

Der Polizeioffizier fragt den 25-jährigen Jigal Amir, weshalb er Rabin umgebracht habe. „Ich wollte Rabin seit dem Friedensvertrag von Oslo umbringen“, sagt der Mörder. Zum Abschluss des ersten Verhörs von Jigal Amir nach dem Mord fragt der Polizeioffizier: „Bereuen Sie Ihre Tat?“ “Um Himmels willen, nein!“, sagt Amir.

Aufzeichnung vom Verhör

Die Videoaufzeichnung vom ersten Verhör Amirs nach seinen Todesschüssen vom 4. November 1995 auf Rabin hatte in Israel für große Aufregung gesorgt. Vor der Veröffentlichung war es Rabins Tochter vorgespielt worden, Dalia Rabin-Pelosof. Sie sei in Tränen ausgebrochen, sagt sie. Die Eiseskälte, mit der Amir darin den Mord an ihrem Vater rechtfertige, „hat mich fassungslos gemacht“.

Wie jedes Jahr in den Tagen vor dem 4. November, wenn sich Hunderttausende Israelis zum Gedenken an ihren ermordeten Premierminister auf dem Rabinplatz versammeln und traurigen Liedern zuhören, nutzen die Anhänger des Mörders die mediale Aufmerksamkeit für ihre eigene Propagandaschlacht. Auf der Jigal-Amir-Internetseite fordern sie die Freilassung des Mörders. Sie brachten selbst ein Propagandavideo in Umlauf. Der Kurzfilm wurde bislang an 150000 Haushalte in Israel versandt. 15 Minuten lang sieht man darin Amir als Kind und als Soldat, seine Familienangehörigen und seine Unterstützer aus dem extrem rechten Lager. Amirs Ehefrau, Larissa Trimbobler, wird in dem Propagandastreifen gezeigt. Was die aus Russland stammende Doktorin der Philosophie zu sagen hat, ist nicht neu: Amir müsse begnadigt werden, schließlich habe er einen Palästinenserstaat verhindert.

Die orthodoxe Trimbobler hat soeben einen Sohn zur Welt gebracht. Dass Jigal Amir als Gefangener überhaupt eine Frau kennenlernen und heiraten konnte, hat er dem israelischen Grundrecht von Gefangenen auf Besuche zu verdanken. Jigal Amir hatte sich darum bemüht, eine Erlaubnis auf Freigang zu bekommen. Er wollte der Beschneidungszeremonie seines Sohnes beiwohnen, dem wichtigsten Ritual im Leben eines jüdischen Jungen. Doch das Gericht lehnte den Antrag ab – genau an jenem Tag, an dem Parlamentspräsidentin Dalia Itzik während einer Gedenkzeremonie ihre Beherrschung verlor und Amirs Familie zu Ausgestoßenen erklärte: „Sie haben keinen Platz in der israelischen Gesellschaft. Ihr Gott ist nicht unser Gott.“

Amirs Gattin hat nun provozierend die Beschneidungszeremonie und das anschließende Fest auf den Sonnabend gelegt – auf den Zeitpunkt, wenn Hunderttausende Israelis auf dem Rabinplatz in Tel Aviv auf der jährlichen Gedenkveranstaltung um dem Premierminister trauern werden.