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Dienstag, 08.05.2012

„Irgendjemand musste diesen Zoo ja kaufen“

Benjamin Mee hat sich einen Tierpark in England zugelegt. Nun wurde seine ungewöhnliche Geschichte verfilmt.

Von Patrick Heidmann

Wenn man nach einer fast vierstündigen Zugfahrt ab London-Paddington in der Grafschaft Devon aussteigt, ist man unverkennbar in der Provinz angekommen. Schon Plymouth – immerhin die größte englische Stadt südlich von London – macht am Bahnhof einen reichlich verschlafenen Eindruck. Aber wenn man dann von der Ärmelkanalküste noch ein wenig ins Landesinnere fährt, in Richtung der kargen Moor- und Wiesenlandschaft von Dartmoor, dann kann man sich ziemlich schnell ziemlich weit von all dem Lärm und den Gefahren der Großstadt fühlen. Im winzigen Örtchen Sparkwell herrscht nachts Totenstille. Zumindest wenn nicht gerade die Löwen brüllen.

Die Löwen vom Dartmoor entstammen – anders als der Hund der Baskervilles – nicht einem „Sherlock Holmes“-Roman, sondern leben im Dartmoor Zoological Park. Sie teilen sich dort rund zwölf Hektar mit 76 anderen Tierarten. Und mit der Familie Mee, der die Löwen und all ihre Zoo-Nachbarn verdanken, dass sie überhaupt noch ein Zuhause haben.

Suche nach Alterswohnsitz

Als der Journalist Benjamin Mee vor rund sieben Jahren im Süden Englands nach Immobilien suchte, hielt er eigentlich nur Ausschau nach einem potenziellen Alterswohnsitz für seine frisch verwitwete Mutter. „Meine Frau Katherine und ich lebten mit unseren beiden Kindern damals in Südfrankreich, wo wir uns pudelwohl fühlten“, erzählt Benjamin Mee bei einem Spaziergang durch seinen kleinen, grünen und sehr charmanten Wald-Zoo. „Wir waren überhaupt nicht auf der Suche nach Veränderung.“ Dann aber landete das Angebot für dieses bezaubernde Landhaus in Sparkwell auf seinem Tisch, zu dem eben auch ein reichlich heruntergewirtschafteter Zoo gehörte.

Vom Führen eines Betriebes hatte Mee damals noch weniger Ahnung als von der Aufzucht und Pflege wilder Tiere. In London hatte er zunächst Psychologie mit dem Schwerpunkt Tierintelligenz, anschließend Wissenschaftsjournalismus studiert. Später verfasste er für verschiedene britische Medien Gesundheitskolumnen und Abenteuer-Reportagen. „Irgendjemand musste diesen Zoo ja einfach kaufen. Warum eigentlich nicht wir?“, sagt der offenherzige 47-Jährige. „Sonst wäre hier alles endgültig den Bach herunter gegangen. Die Angestellten hätten auf der Straße gesessen, den meisten Tieren drohte die Einschläferung.“

Über den hürdenreichen Kampf um eine Wiedereröffnung des Zoos im Sommer 2007, zu dem nicht nur kostenintensive Renovierungen, jede Menge behördliche Auflagen und ein ausgebrochener Jaguar, sondern auch der Krebstod seiner Ehefrau gehören, hat Mee ein Buch geschrieben. In Deutschland ist es unter dem Titel „Wir kaufen einen Zoo“ erschienen. Eine darauf basierende Hollywood-Verfilmung mit Matt Damon und Scarlett Johansson läuft dieser Tage in unseren Kinos. Doch für den Briten dauert das größte Abenteuer seines Lebens noch immer an, genau wie für die Kinder Milo und Ella sowie für seine Mutter, die ihr Auto seit ein paar Jahren von Pfauenkot befreien muss, wenn sie zum Bridgespielen in den Nachbarort fahren will.

Wagnis voller Raubkatzen

„Impulsiv und dickköpfig sind sicherlich passende Adjektive, um mich zu beschreiben“, antwortet Mee auf die Frage, welche Eigenschaften man mitbringen muss, um sich auf ein Wagnis voller Raubkatzen, Affen und wilder Vögel einzulassen. „Mutig dagegen trifft die Sache nicht. Ich habe mich nicht blindlings in die Sache gestürzt, sondern war mir wirklich sicher, dass wir das schaffen könnten. Ich habe im Vorfeld viel recherchiert und gerechnet.“ Geschafft haben er, die Familie und seine mittlerweile 20 festen Mitarbeiter in der Tat einiges. Die Gehege der rund 240 Tiere sind für einen Zoo dieser Größe erfreulich weitläufig. In Zusammenarbeit mit lokalen Colleges gönnt man sich mehrere Forschungs- und Weiterbildungsprogramme. Und das Futter kommt größtenteils aus der Nachbarschaft: Supermärkte spenden Obst und Gemüse, während man für die Raubtiere den Dartmoor-Bauern zu fairen Preisen ihre schwächelnden Ponys abkauft.

Rund 100000 Besucher jährlich kommen inzwischen wieder in den Zoo, was ein schöner Erfolg, aber noch lange nicht genug ist. „Seit wir den Betrieb übernommen haben, waren wir noch keinen Tag schuldenfrei“, gesteht Mee; 2010 stand der Dartmoor Zoological Park in der Weltwirtschaftskrise schon kurz vor der Schließung. Der Verkauf der Filmrechte seines Buches brachte Mees Herzensprojekt damals über den Winter, jetzt erhofft er sich einiges vom Kinostart: „Als nicht weit von hier in Cornwall auf einem alten Landgut eine Szene für Tim Burtons ‚Alice im Wunderland‘ gedreht wurde, kamen im Jahr darauf fünfmal mehr Besucher. Ein vergleichbarer Effekt wäre für uns Gold Wert.“ Dafür nimmt der eigenwillige Mee auch in Kauf, dass Regisseur Cameron Crowe den Zoo (und seine vielfach recht authentisch nachgebauten Gehege) nach Kalifornien verlegt und sich überhaupt allerlei Freiheiten herausgenommen hat. „Die Idee und die Botschaft sind die gleichen wie im Buch, das war alles, worauf es mir ankam“, sagt Mee, der nicht nur der Zukunft seines Zoos unverdrossen hoffnungsvoll entgegensieht, sondern sogar schon von Giraffen und anderen möglichen Neuanschaffungen träumt. „Und natürlich ein Foto von mir und Matt Damon, auf dem er das T-Shirt unseres Zoos trägt. Bessere Werbung kann es doch nicht geben!“