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Integration einmal anders herum

Dominik Locker hat ein Jahr in Klosterbuch gearbeitet. Als Student in spe profitiert er vom Netzwerk des Vereins Be-greifen.

29.09.2017
Von Heike Heisig

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Veysel (links) und Fatma Kiran haben Dominik Locker schnell und problemlos eine Unterkunft und einen Nebenjob bei Verwandtschaft in Rostock besorgt. Der 20-Jährige beginnt dort ein Studium. Zuletzt war er Bufdi in Klosterbuch.

© Dietmar Thomas

Leisnig/Klosterbuch. Wer mit dem Studium einen neuen Lebensabschnitt beginnt, auf den stürzen viele Fragen ein. Wo wohne ich in der neuen Stadt? Kann ich schnell Anschluss finden? Muss ich mir etwas dazu verdienen, und wo finde ich schnell einen Nebenjob? Auf all diese Fragen hat der 20-jährige Dominik Locker an einem einzigen Abend Antworten gefunden, und zwar auf dem Fachwerkhof in Klosterbuch.

Locker wohnt eigentlich in Rotenfurth, einem kleinen Dorf bei Freiberg. Über viele Jahre hinweg ist er im Sommer im Besiedlungszug in Planwagen durch Sachsen gezogen. Dabei hat er die Familie Pohl kennengelernt. Beim Verein Be-greifen, dem Elsbeth Pohl-Roux vorsteht, begann er daher im August 2016 seinen Bundesfreiwilligendienst (Bufdi). Seitdem hat er einige soziale Projekte kennengelernt, die der Verein initiiert – und natürlich auch die jungen Flüchtlinge, um die sich Be-greifen kümmert. In dieser Runde fühlen sich hin und wieder Fatma und Veysel Kiran wohl.

Bei einer gemeinsamen Mahlzeit auf dem Fachwerkhof wurde über die Pläne gesprochen, die Dominik Locker nun hat. Dass er nach Rostock geht, um dort zu studieren, ließ die aus der Türkei stammende Fatma Kiran aufhorchen. „Ich fragte gleich, ob er schon weiß, wo er wohnt“, erzählt sie. Dabei leuchten ihre Augen, denn sie hatte schon eine Idee, wie sie dem jungen Mann helfen kann.

Nach einem Anruf und einem Besuch in Rostock ist für Dominik klar: Er kann bei einem Neffen von Veysel Kiran wohnen. Der Kurde hat selbst eine größere Familie, seine Kinder studieren. Ein Zimmer ist für den Mittelsachsen also frei. Außerdem kann er im Lebensmittellager mithelfen, das Kirans Verwandtschaft führt. Somit wäre neben der Unterkunft auch für einen Zusatzverdienst von Dominik Locker gesorgt.

Er selbst und seine Mutter sind darüber genauso glücklich wie die Kirans, die helfen konnten, und Familie Pohl. „Wir kümmern uns schon so lange um Flüchtlinge und versuchen, sie durch Ausbildung und Arbeit zu integrieren. Ich finde es prima, dass von der anderen Seite etwas zurückkommt, sich so ein Kreis schließt“, sagt Elsbeth Pohl. Sie stellt dieses Beispiel bewusst heraus, um zu zeigen, dass Integration keine Einbahnstraße ist und sie auch von Menschen anderer Kulturen praktiziert wird. „Und es zeigt, dass es etwas bringt, miteinander zu reden und offen zu sein für andere“, sagt die Klosterbucherin.

Das ist auch Dominik. Er will sich bei seiner Gastfamilie nicht nur integrieren, sondern auch deren Sprache – kurdisch – lernen. Für neue Sprachen ist er offen. Das könne ihn nur weiterbringen, vielleicht auch beruflich. Im Oktober beginnt der 20-Jährige in Rostock ein interdisziplinäres Studium. Jura, Politikwissenschaften, Soziologie und Philosophie stehen dann hauptsächlich auf seinem Stundenplan. Mit einem Abschluss in der Tasche kann er unter anderem als Rechtsberater in Firmen und zu Organisationen gehen oder als Politikberater tätig werden. Aber soweit ist es noch längst nicht.

Nächste Woche zieht Dominik erst einmal um. Die letzten Tage hat er freiwillig in Klosterbuch verbracht, um der örtlichen Naturschutzbundgruppe um Vicky Behnisch bei einem Gemeinschaftsprojekt mit dem Be-greifen-Verein zu helfen. Entstehen soll eine Vogelbeobachtungsstation. Ein gutes Stück Arbeit ist auch mithilfe des bisherigen Bufdis geschafft. Vicky Behnisch ist begeistert davon und von der Entwicklung Dominiks binnen eines Jahres. „Es ist schön zu sehen, wie selbstständig er geworden ist“, findet sie.

An ihrer beruflichen Integration arbeiten auch die Kirans. Sie leben seit anderthalb Jahren in Leisnig, waren beide im Willkommensbündnis engagiert. Fatma Kiran möchte gern im ehemaligen Fisch- und Gemüseladen an der Chemnitzer Straße einen Imbiss eröffnen. Der Technische Ausschuss hat schon längst zugestimmt. „Es ist aber noch viel Bürokratie zu erledigen“, sagt Fatma Kiran. Bis sie für die Leisniger kochen kann, verwöhnt sie ab und an die Projektteilnehmer des Fachwerkhofes mit ihren Kochkünsten.