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Sonntag, 01.10.2017 Schwarzbachs Woche

Immer schön Ruhe bewahren

Warum nach der Wahl zwischen bekannten lokalen Vertretern Streit aufkommt und Tiefenau voller Visionen ist. Ein unbändiger Rückblick.

Von Kevin Schwarzbach

Kevin Schwarzbach
Kevin Schwarzbach

© SZ-Archiv

Riesa. Der Wahlkampf ist vorbei, das Gezanke fängt aber offenbar erst an, liebe Leserinnen und Leser. Eine Woche nach der Bundestagswahl ist keineswegs Ruhe eingekehrt, in allen Ecken funkt und brodelt es. Die allzeit präsente Frauke Petry verlässt die AfD, nachdem ihre Mitgliedschaft in dieser ihr zu einem Bundestagsmandat verhalf. Der zuletzt wie abgetaucht wirkende sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich kündigt an, in der Mannschaftsaufstellung künftig wieder etwas weiter rechts außen stürmen zu wollen, und im Wahlkreis Meißen streiten sich FDP und CDU um die Erlaubnis für eine Party.

Da sage noch einer, Politik sei uninteressant. Der Schlagabtausch fiel in unserem Wahlkreis doch herrlich unterhaltsam aus. Nun gut, so richtig zur Sache ging es erst nach der Wahl, aber das kennen wir ja auch ein wenig von Martin Schulz, der aus seinem Schmusekurs auch erst am Wahlabend aufschreckte und plötzlich die Kanzlerin ungewohnt harsch attackierte. Vertrauen wir doch hier dem alten Sprichwort: besser spät als nie. Womöglich auch die klügste Taktik, könnte es die Wähler doch verschrecken, wenn kurz vor der Wahl noch einmal die Fetzen fliegen. Lieber erst die Stimmverteilung abwarten und dann aber richtig loslegen.

Der Radebeuler Ex-FDP-Staatssekretär Jan Mücke jedenfalls fand die Dankeschön-Veranstaltung der hiesigen CDU in der Schwerterbrauerei zumindest ziemlich „abgehoben“ und bescheinigte der Partei, dass ihr der Bezug zur Realität „völlig verloren gegangen“ sei. Das hätten wir vielleicht noch unter der Kategorie Provinzposse abheften können, wäre Mücke ein politisch unbeschriebenes Blatt und der Direktkandidat des Wahlkreises Meißen kein geringerer als Noch-Innenminister Thomas de Maizière. Das rief gleich noch den Riesaer CDU-Landtagsabgeordneten und Sächsischen Ausländerbeauftragten Geert Mackenroth auf den Plan.

Der Mais poppte schon munter im Topf, während Mackenroth ausführte, dass ein Dankeschön für all die fleißigen Helfer durchaus angebracht sei. Rechtzeitig zu Mückes Antwort war das Popcorn dann fertig: „Immer auf dem hohen Ross und trotz krachender Niederlage noch belehrend unterwegs.“ Während ich noch auf de Maizières Konter wartete, dass Mücke sich nach seinen knapp zweieinhalb Prozent der Erststimmen bei der Bundestagswahl 2013 ja mit krachenden Niederlagen auskennen müsse und ob er ihm denn noch etwas im Umgang damit beibringen könne, wurde das Popcorn kalt. Und eigentlich mag ich ja auch gar keinen aufgepoppten Mais.

Nur unwesentlich besser ist das Verhältnis zu einem hierzulande beinahe heiligen Getränk. Doch da es in Riesa bekanntlich den engagierten Braumeister namens Spies gibt, muss ich allein aus Lokalpatriotismus selbstverständlich zum Bier stehen. Und womöglich gibt es bald noch mehr lokale Erzeugnisse, auf die man als vorbildlicher Bürger stolz sein muss ... äh darf.

Zumindest feierte der niederländische Investor Henry de Jong jüngst im Wülknitzer Gemeinderat den Kauf des ehemaligen Schloss- und Rittergutsgeländes in Tiefenau mit einem „Schloss Tiefenau Schlosspils“. Gebraut wurde das Bier, dessen Etikett neben dem Schriftzug ein Wappen mit stilisiertem Golfer, Pferdekopf, Hotelbett und Besteck ziert, jedoch in der Klosterbrauerei Neuzelle im Nachbarbundesland Brandenburg. Wenn es nach de Jong geht, soll dies sich in Zukunft allerdings ändern. Im Gemeinderat kündigte der studierte Historiker an, in Tiefenau ein eigenes Bier brauen zu wollen. Damit soll auch an vergangene Zeiten angeknüpft werden, schließlich habe es ein historisches Braurecht gegeben.

Puh, da hat aber jemand etwas vor. Im Träumen war man in Wülknitz jedoch noch nie verlegen, wenn es um das Projekt Ferienressort ging. Da können sich selbst visionäre Nachbarn wie Riesa noch eine Scheibe von abschneiden. Nur dass es uns hier an einem Investor für einen solchen Traum wie ein Ferienressort mit Golfplatz und Pferden fehlt. Doch immerhin haben wir in Riesa das Bier bereits zu bieten. Vielleicht lässt sich da etwas aushandeln, was uns auch vom willigen Investor profitieren lässt.

Diese Woche kann wohl kaum unbändiger werden.