Dienstag, 20.11.2012

Immer Kaliber 22

Seit mindestens vier Jahren schießen Unbekannte in Deutschland auf Autotransporter. Ein Querschläger tötete fast einen Menschen. Nun hat das BKA eine Taskforce eingerichtet.

Von Stefan Becker

Löcher im Lack: Autotransporter auf deutschen Autobahnen werden immer wieder beschossen. Foto: dpa
Löcher im Lack: Autotransporter auf deutschen Autobahnen werden immer wieder beschossen. Foto: dpa

Keiner hört den Knall, niemand sieht die Kugeln fliegen – doch wenn die Fahrer auf dem Hof des Kunden ankommen, finden sie immer wieder Einschusslöcher in den Karosserien der Neuwagen.

Seit mindestens vier Jahren werden Autotransporter auf deutschen Autobahnen beschossen. Und meistens mit demselben Patronentyp: „Kaliber 22“, wie Sandra Clemens vom Bundeskriminalamt (BKA) sagt. Im September 2009 sei das Phantom des Autobahnschützen zum ersten Mal registriert worden, als gleich drei Brummilenker unabhängig voneinander beim Abladen ihrer Fracht die Löcher im Lack entdeckten. Die Vorfälle wurden von den einzelnen Polizeidienststellen aufgenommen, doch erst ein fast fataler Vorfall ließ die Beamten aufschrecken und das BKA schaltete sich ein. Im November 2009 raste auf der A3 eine Frau anscheinend grundlos in die Leitplanken, und verletzte sich schwer. Im Krankenhaus dann stockte den Notärzten der Atem: Im Hals der Frau fanden sie ein Projektil: Kaliber 22.

Die Polizei deutet die Kugel als fast tödlichen Querschläger. Damit lautet das Delikt nicht mehr gefährliche Sachbeschädigung, sondern versuchter Totschlag. Die Polizei ermittelt jetzt mit vereinten Kräften, das BKA veröffentlicht später ein Fahndungsplakat inklusive Belohnung, an der sich auch die Verbände von Automobilindustrie und Speditionen beteiligen. Doch die 27.000 Euro liegen immer noch auf den Konten, bisher ist die Polizei keinen Schritt weiter, doch die Zahl der entdeckten Vorfälle mittlerweile auf 700 angestiegen.

„Vier Jahre, das sind rund 1.400 Tage, das macht jeden zweiten Tag ein Attentat, das erkannt wird“, rechnet Ingo Hodea vom Verband der Spediteure vor und zählt auf, was die Polizei bereits unternahm: So eskortierten verdeckte Ermittler viele Transportfahrten. Auf der Suche nach dem Motiv seien zudem Fahrer der Speditionen befragt worden. „Die erste Annahme war, dass die Schüsse einem Auto-Fabrikat oder einer Spedition gegolten haben – das war aber ein Irrtum.“

„Fast alle unserer Mitglieder sind gleichermaßen Opfer der Attacken“, sagt Yorick M. Lowin vom Verein der Automobil-Logistiker. „Natürlich ärgern wir uns, wenn die Ware beschädigt wird, die Sorge aber gilt unseren Fahrern, denn sie sind den Attacken schutzlos ausgeliefert.“ Noch gebe es keinen Lieferstau, denn die Fahrer fahren. Aber auf manchen Autobahnen mit einem schlechten Gefühl. Dazu zählen die langen Autobahnen A3 und A61, die von Süddeutschland bis in den Norden führen, sowie die A4 als Tangente in den Westen zu den Überseehäfen nach Belgien und Holland. Dort fielen die gefährlichen Schüsse, bloß niemand weiß, wo genau. „Erst wenn der Kunde seine Ware inspiziert, werden die Treffer entdeckt“, sagt Lowin. Doch könne keiner sagen, wie viele Projektile ihr Ziel verfehlt hätten. Mittlerweile haben die Beamten auch 150 Einschüsse in LKW-Planen entdeckt und auch in Wohnwagen steckten Geschosse.

Als die ersten Attacken bekannt wurden, kursierten die wildesten Spekulationen. Überall wurden Heckenschützen vermutet, auf Brücken lauernd, versteckt in Wäldern – doch die Realität ist noch krimineller. Die Ballistiker des BKA rekonstruierten die Anschläge. Sie vermaßen die Einschusslöcher, berechneten Winkel und Geschwindigkeiten und kamen zu einem verblüffenden Schluss: Der Attentäter schießt aus einem fahrenden Auto. Sehr wahrscheinlich sogar aus einem Laster, weil seine Schussposition erhöht ist. Und er fährt auf der gegenüberliegenden Fahrbahn.

Der Verrückte ballert also auf der dreispurigen A3 quer über vier Fahrbahnen auf einen ihm entgegenkommenden Sattelschlepper. Womit geschossen werde, das sei bislang noch nicht geklärt, sagt Sandra Clemens vom BKA. Das Kaliber 22 passt sowohl in Pistolen als auch in Gewehre.

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