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Samstag, 07.04.2018

Immer früher, immer heftiger

Der plötzliche Frühling bringt massive Pollenbelastung – besonders mit einer Art. Viele behandeln aber nur Symptome.

Von Stephanie Wesely

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Schön anzusehen: Eine mit Blütenstaub überzogene Biene auf einer Krokusblüte.
Schön anzusehen: Eine mit Blütenstaub überzogene Biene auf einer Krokusblüte.

© dpa/Nicolas Armer

Endlich Frühling! Der rasante Temperaturanstieg am Wochenende lässt die Natur auf einen Schlag erwachen. „Durch die kalten Wochen im Februar und März hat sich die Blüte verzögert. Nun rechnen wir mit einer kleinen Explosion“, sagt Thomas Dümmel, Meteorologe an der Freien Universität Berlin. Was die meisten freut und ins Freie lockt, ist jedoch für Allergiker ein Grauen. Tränende, rote Augen, triefende Nasen und Atemprobleme machen ihnen zu schaffen.

„Momentan herrscht in Sachsen noch geringer Birkenpollenflug“, sagt Dr. Mario Hopf, Umweltmediziner an der Landesuntersuchungsanstalt (LUA) Sachsen. „Das wird sich mit den nächsten warmen Tagen aber ändern. Wir erwarten einen deutlichen Anstieg.“ Hopf ist verantwortlich für die Pollenfalle auf dem Gelände der LUA in Chemnitz. Drei solche Messstationen gibt es in Sachsen, 41 in Deutschland.

35 Pflanzenbeobachter in Sachsen


Eine Pollenfalle saugt die Luft aus der Umgebung an, Pollen und Staub bleiben auf einer Walze mit Klebestreifen haften. Zweimal wöchentlich wird sie ausgetauscht und der Klebestreifen in Tagesabschnitte getrennt. Angefärbt lässt sich unterm Mikroskop der Pollengehalt der Luft analysieren. „Diese Daten melden wir an den Polleninformationsdienst“, so Hopf. Um die aktuelle Pollenflugvorhersage und den Pollenflugkalender zu erarbeiten, braucht es neben den Messwerten der Pollenfallen auch Daten des Deutschen Wetterdienstes und von Pflanzenbeobachtern, die es bereits in allen Regionen Deutschlands gibt – 35 in Sachsen und rund 400 in Deutschland.

Alle fünf Jahre wird ein Pollenflugkalender erstellt. Für 2018 gibt es einen neuen. Er bildet die Blütezeiten von 16 Pflanzenarten im Zeitraum von 2011 bis 2016 ab. Gegenüber dem letzten zeigt er eine entscheidende Veränderung: Der Birkenpollenflug setzt früher ein und dauert länger. „Das ist ein Beweis für den Klimawandel“, sagt Professor Carsten Schmidt-Weber vom Allergie-Informationsdienst des Helmholtz-Zentrums München.




Umweltmediziner Hopf kann das bestätigen: „Mehr als die Hälfte der Pollen auf den Klebestreifen der Pollenfalle Chemnitz sind von der Birke.“ Kein Wunder also, dass auch die Zahl der Birkenpollenallergiker zunimmt. Mehr als 17 Prozent der Deutschen reagieren bereits auf diese Pollenart, wie eine große Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) ergab. Die Birke liegt damit nahezu gleichauf mit den Gräsern, die bislang als Hauptallergene galten. „Allmählich scheint die Birke den Gräsern den Rang abzulaufen“, sagt Dr. Ulf Pachmann, HNO-Arzt und Allergologe aus Chemnitz. „Wir behandeln immer mehr Patienten, die auf diese Baumpollen reagieren.“

Die meisten Pollenallergiker gibt es laut RKI in den Städten – etwa vier Prozent mehr als auf dem Land. Für den Umweltmediziner nicht ungewöhnlich, denn in Städten finden Bäume und Gräser ideale Lebensbedingungen. „Dort ist es im Schnitt zwei Grad wärmer als auf dem Land.“ Während auf dem Land nachts die Temperaturen sinken und Pollenruhe herrscht, gibt es in der Stadt um diese Zeit nochmals einen Gipfel. Hinzu kommt, dass Birken wegen ihrer Attraktivität und Anspruchslosigkeit beliebte Stadtbäume sind und verstärkt angepflanzt werden. Rasenflächen hingegen werden immer rarer und meist regelmäßig gemäht, was die Pollenbelastung senkt.

Auch Dieselruß und Feinstaub – insbesondere durch den Straßenverkehr – sorgen für heftigere Allergiesymptome in der Stadt. Untersuchungen des Helmholtz-Zentrums München zufolge haften Dieselruß und Feinstaub an der rauen Oberfläche der Pollen und setzen sie unter Stress. Die Polle sondert daraufhin hochaktive Botenstoffe ab. „Diese können menschliche Entzündungszellen direkt anlocken und das Immunsystem beeinflussen“, so die Wissenschaftler. Dieselfahrverbote brächten deshalb bestimmt auch für Allergiker Entlastung, sagt Professor Schmidt-Weber.

Doch darauf müssen Betroffene nicht warten. Mit der Hyposensibilisierung steht Allergikern eine sehr wirksame Behandlung zur Verfügung. In langsam steigender Dosis wird der Körper an das Allergen gewöhnt. Die Behandlung wird von den Kassen getragen und dauert meist zwei bis drei Jahre. Trotzdem würden nur zehn Prozent der Allergiker auf diese Weise behandelt, kritisiert der Deutsche Allergie- und Asthmabund. „Bei vielen ist es vielleicht die Angst vor der regelmäßigen Spritze“, sagt HNO Arzt Pachmann. „Doch es gibt auch Pollenpräparate, die als Tablette oder in Tropfenform unter die Zunge gegeben werden können.“ Die Spritze sei allerdings der Goldstandard. „Da wissen wir, dass genau die benötigte Konzentration im Körper ankommt.“ Bei Pille und Tropfen sei das nicht in dem Maße möglich. Zudem würde die Einnahme häufiger vergessen. „Der Arzttermin hingegen steht fest.“

Über 80 Prozent Heilungschance

In der Regel wird im Herbst – in der allergenarmen Zeit – mit der Hyposensibilisierung begonnen. Doch auch während der persönlichen Allergiezeit ist eine Behandlung möglich. „Hyposensibilisierungen sind sehr wirksam. Wenn das richtige Allergen gefunden ist, können mehr als 80 Prozent geheilt werden“, so Pachmann.

Zwei von drei Patienten behandeln ihre Allergie aber nur symptomatisch, also mit Augen- und Nasentropfen sowie Antiallergietabletten. Etwa 150 Millionen Euro geben die Deutschen dafür aus, hat der Marktdatenanalyst IMS Health ermittelt.

In diesem Jahr müssen Birkenpollenallergiker aber ganz besonders stark sein, denn es steht ein sogenanntes Birkenmastjahr bevor. „Alle zwei Jahre bildet der Baum besonders viel Blütenstaub“, sagt Mario Hopf. „Das war 2016 schon so, da hatten wir in Spitzenzeiten 2 000 Pollen pro Kubikmeter Luft am Tag. Im letzten Jahr lag der Spitzenwert bei 1 000.“

Um zumindest eine ruhige Nacht zu haben, empfiehlt der Chemnitzer Umweltmediziner Pollengitter für die Fenster. Sie seien dichter als sogenannte Gazefenster gegen Insekten. Auch fürs Auto gibt es geprüfte Pollenfilter, die aber regelmäßig gewartet werden müssen. Da die Pollen auch an Kleidung und Schuhen haften, sollten die Sachen außerhalb des Schlafzimmers abgelegt werden. „Wichtig ist es auch, sich abends die Haare zu waschen, denn dort verfangen sich jede Menge Pollen“, so Hopf. Doch auch Birkenpollengeplagte können hinausgehen – wenn es geregnet hat zum Beispiel. Dann ist die Pollenlast gering. Ab Dienstag wird es wieder nasser.

Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. Fred Fuchs

    Schwachsinn! Möge doch die liebe Pharmaindustrie mal wirksame Behandlungen entwickeln. Drei Hyposensibilisierungen ergaben bei mir null Wirkung, genauso wie bei allen anderen Allergikern, die ich kenne. Man schränkt sich jedes Mal für drei Jahre massiv ein und schafft anschließend doch wieder sein sauer verdientes Geld in die Apotheken dieser Welt. Vielleicht würden die Krankenkassen mehr Druck machen, wenn diese die Antihistaminika bezahlen müssten?! Wobei, die erhöhen lieber die Beiträge. Mit fremden Geld lässt sich bekanntlich hervorragend wirtschaften.

  2. Peter

    Ich empfehle Ihnen einen Arztwechsel. Antihistaminika sind Medikamente, die die Wirkung des Hormons Histamin blockieren und haben nichts mit einer Hyposensibilisierung (auch Desensibilisierung) zu tun. Diese hilft etwa 80% aller Heuschnupfenpatienten, schränkt (bei Tabletteneinnahme) niemanden ein und kostet wenig. Nur eine Hyposensibilisierung bekämpft die tatsächliche Ursache einer Allergie und verringert nicht nur deren Symptome.

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