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Dienstag, 09.05.2017

Im Rockerhimmel

Mit einem ungewöhnlichen Ständchen haben sich Kollegen von Stern-Combo-Schlagzeuger Norbert Jäger verabschiedet.

Von Peter Anderson

Große Anteilnahme an der Feierstunde und Urnenbeisetzung von Stern-Combo-Meißen-Percussionist Norbert Jäger.
Große Anteilnahme an der Feierstunde und Urnenbeisetzung von Stern-Combo-Meißen-Percussionist Norbert Jäger.

© Claudia Hübschmann

Meißen. Da hängt er, sein unverwechselbarer Gong. Zum letzten Mal soll er heute geschlagen werden, nicht länger von, sondern für den Musikanten Norbert Jäger. Unter diesen Satz hat die langjährige Partnerin des Stern-Combo-Schlagzeugers Karla Kotzsch am Montagnachmittag die Abschiedsfeier über den Höhen von Meißen gestellt.

Fast bis auf den letzten Platz ist die Halle neben dem Krematorium gefüllt. Die Nummernschilder der Autos verweisen auf teils lange Anfahrten. Hier wird einer betrauert, der an jüngster deutscher Musikgeschichte mitgeschrieben hat, sagt der Trauerredner. „So ist der Mensch im Suchen und im Wagen, und das wird von ihm in ferne Zeit getragen. So war er schon vor vielen Tausend Jahren unermüdlich, um das Neue zu erfahren.“ Als erstes Lied haben Jägers Kollegen von der Stern Combo „Der weite Weg“ vom 1979 erschienenen gleichnamigen Album gewählt.

Ein weiter, manchmal beschwerlicher, und doch freudvoller Weg war es auch, den Norbert Jäger zu gehen hatte, bis er vom Musikmachen leben konnte. Mit zwei Geschwistern musste seine Mutter den 1945 Geborenen durch die Nachkriegsjahre bringen. Der Vater war vermisst. Da blieb anfangs kaum Muße für Liebhaberei. Geld musste verdient werden. Norbert Jäger lernte Schlosser, einen soliden Beruf und vielleicht wurden bei dieser Lehre nicht zuletzt die Grundlagen für den ihm später nachgesagten Perfektionismus gelegt.

Abschiednehmen heißt vor allem erinnern. Und so kann es nicht verwundern, dass an diesem Nachmittag – und sicher weiter am Abend – immer wieder Geschichten erzählt werden, die schon oft erzählt wurden. Die Anekdote vom gekonnten Klavierspiel Norbert Jägers, welches durch geöffnete Fenster tönte und Sänger Martin Schreier anlockte, ist eine davon. Oder die Schnurre, wie die Stern Combo zu ihrem angestaubten Namen kam, als beim ersten Konzert im Luftbad Spaar einfach das Equipment einer Vorgängerband genutzt wurde. Und die hieß eben Stern Combo, hatte sich allerdings aufgelöst.

In den Sitzreihen wird wissend und zustimmend genickt. Eine gemischte Trauergemeinde hat sich eingefunden. Combo-Mitgründer Bernd Fiedler und seine Frau Renate Fiedler sind gekommen, ebenso der Maler Jochen Rohde und Meißens Oberbürgermeister Olaf Raschke. Musikerin Angela Ullrich hat sich zusammen mit Veranstalter Harald Seidel auf den Weg gemacht.

Wort wechselt mit Musik. Die exotischen Klänge einer indischen Sitar füllen den Raum aus. Sich steigernd wie ein Derwisch-Tanz gesellen sich die Percussion-Instrumente von Norbert Jäger hinzu. Die Reduktion des Musikers auf die Stern Combo Meißen würde ein falsches Bild ergeben. „So ist der Mensch im Suchen und im Wagen ....“ Der Meißner hat gern unbekannte Wege ausprobiert. Die DDR-Weltmusikband Yatra bot ihm Möglichkeiten, neue Töne zu wagen. Ein Studienaufenthalt über vier Wochen in Indien war ein weiteres Resultat. Unerhörte Eindrücke kamen auf ihn zu, von denen er lange zehrte.

Bei einem Besuch in seiner kleinen Wohnung an der Dresdner Straße vor ein paar Jahren las er neu gedichtete Märchen, sprach über Pläne für Hörbücher. Tatsächlich kam es für ein vom ostdeutschen Musik-Urgestein H. C. Schmidt gesprochenes Stalingrad-Stück zu einer Zusammenarbeit. Letzterem bleibt es auch vorbehalten, den letzten Gong zu schlagen. Verbunden mit den feinen Tönen einer kleinen Glocke. Neue Töne im Rockerhimmel.