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Montag, 29.12.2008

Ihre Liebe kennt keine Grenzen

Eine polnische Mutter lässt ihr Kind aus Deutschland entführen, weil ihr das Jugendamt verbietet, hier auf Polnisch mit ihm zu reden.

Von Knut Krohn

Es geschieht mitten in der Fußgängerzone in der Innenstadt von Düsseldorf: Zwei Männer packen den kleinen Moritz und zerren das schreiende Kind in ihren Wagen. Der Stiefmutter sprühen sie Tränengas in die Augen. Dann brausen sie in einem silbergrauen VWGolf davon. Sie bringen das Kind nach Polen – zu seiner leiblichen Mutter.

Das war Mitte Oktober dieses Jahres. Ein jahrelanger Streit ums Sorgerecht findet in dieser Entführung seinen vorläufigen Höhepunkt. Die Mutter Beata Pokrzeptowicz sagt, sie habe Moritz „aus Liebe“ entführen lassen. Vor sechs Jahren ließ sie sich von ihrem deutschen Mann scheiden. Nach kurzem Streit einigten sich die Eltern darauf, dass Moritz beim Vater wohnen sollte.

Dennoch brachte die Mutter damals das Kind ohne Zustimmung des Vaters nach Polen. Das war nach internationalem Recht Kindesentführung. Ein Gericht in Danzig zwang Beata Pokrzeptowicz, ihren Sohn wieder nach Deutschland zu bringen. Sie selbst wurde zu sechs Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Später wurde ihr auch das Sorgerecht entzogen. Das hieß in diesem Fall, dass sie mit ihrem Sohn nur noch zu festgelegten Zeiten und ausschließlich in Gegenwart eines offiziellen Vertreters zusammentreffen durfte. Dabei musste sie – wenn kein Dolmetscher anwesend war – aus Sicherheitsgründen auf Deutsch mit ihrem Kind reden. Denn nach der ersten Entführung befürchteten die Behörden, dass die Mutter erneut versuchen könnte, ihren Sohn zu verschleppen. Um geheime Absprachen auf Polnisch zu vermeiden, sollte sie mit dem Kind Deutsch sprechen.

Vorwurf der „Germanisierung“

Der Fall Moritz ist längst ein zwischenstaatliches Politikum und belastet das deutsch-polnische Verhältnis. Dabei steht der Vorwurf im Raum, die deutschen Behörden hätten der polnischen Mutter ihr Kind weggenommen und ihr verboten, mit ihm Polnisch zu sprechen. Von „Germanisierung“ ist die Rede. In Polen ist das ein ungeheuerlicher Vorwurf, erinnert er doch an die Zeit der Besatzung durch die deutschen Truppen während des Zweiten Weltkrieges. Damals war „dem slawischen Sklavenvolk“ auf Geheiß des SS-Führers Heinrich Himmler der öffentliche Gebrauch der Sprache in vielen Regionen verboten.

Für einige Medien in Polen ist das ein gefundenes Fressen – wie so oft, wenn es um die deutsch-polnischen Beziehungen geht. Auch die national-konservativen Kreise um die Zwillingsbrüder Kaczynski stürzten sich auf die Geschichte. Für sie ist das Verhalten der Behörden ein Beweis für die Arroganz und Hinterhältigkeit der Jugendämter und der Deutschen im Allgemeinen. Schenkt man den Kaczynskis Glauben – Lech Kaczynski ist immerhin noch Staatspräsident –, dann werden in Deutschland tausende von polnischen Kindern „germanisiert“. Dem widerspricht die deutsche Seite und weist den Vorwurf als völlig absurd zurück. Es wird darauf verwiesen, dass es eine hohe Zahl deutsch-polnischer Ehen gebe, ungefähr 100000 seit dem Jahr 1990. Nur 10000 davon seien inzwischen wieder geschieden worden und damit wesentlich stabiler als Beziehungen zwischen deutschen Eheleuten. Weiter heißt es, dass nur zehn Einzelfälle bekannt seien, bei denen es zwischen den Ex-Partnern Auseinandersetzungen um die Kinder gebe. Die polnische Botschaft in Berlin erklärt, sie habe Kenntnis von 30 strittigen Fällen, von denen acht als problematisch gelten.

Von deutscher Seite wird allerdings zugegeben, dass früher in solchen Angelegenheiten bisweilen wohl nicht mit dem nötigen Fingerspitzengefühl vorgegangen worden sei. Das habe sich in den vergangenen Jahren allerdings geändert, und die zuständigen Behörden seien sensibilisiert. So gebe es inzwischen regelmäßig spezielle Seminare für deutsch-polnische Mediatoren oder Tagungen zum unterschiedlichen Kindschaftsrecht in beiden Staaten.

Die aktuelle polnische Regierung unter dem gemäßigten Premierminister Donald Tusk versucht, die Wogen nicht hochschlagen zu lassen. Tusk zielt auf den politischen Ausgleich und ein freundschaftliches Miteinander mit dem Nachbarn.

Privatsache oder Politik?

Doch niemand glaubt, dass solche Fälle in Zukunft vermieden werden können. Auch der Vater des kleinen Moritz ist überzeugt, dass die Sache in gewisser Weise missbraucht wurde. „Das ist kein deutsch-polnischer Konflikt, sondern eine Privatsache, die offensichtlich politisiert wird“, erklärte er in einem Interview. Beata Pokrzeptowicz ist seit der Entführung ihres Kindes untergetaucht. Ab und zu meldet sie sich öffentlich aus ihrem Versteck zu Wort, etwa im polnischen Fernsehen. Dabei will sie ihre Version der Geschichte deutlich machen: „Ich musste meinen Sohn entführen, obwohl ich bis zu meinem Lebensende sein erschrecktes Gesicht nicht vergessen werde. Dennoch musste ich es tun, um Moritz noch einmal in meinem Leben drücken zu können.“