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Samstag, 05.02.2011

„Ich will kämpfen“

Oberbürgermeisterin Helma Orosz ist an Brustkrebs erkrankt. Sie geht offensiv damit um und macht anderen Mut.

Als Erstes drängen sich die Bilder auf. Wo war sie zu sehen? Was hat sie gemacht? Oberbürgermeisterin Helma Orosz hat in den vergangenen Wochen zumindest nach außen hin routiniert das Programm absolviert, das von der Oberbürgermeisterin einer Landeshauptstadt verlangt wird: Sie weiht eine Kita in Striesen ein, bewegt sich stilvoll übers Opernballparkett, schaltet mit dem Innenminister ein Behördentelefon frei und feuert die Dresdner Eislöwen an.

Solche Auftritte wird es in den kommenden Wochen nicht mehr geben. Am Freitag um 10.04 Uhr lässt Orosz von ihren Mitarbeitern eine Erklärung verschicken. Überschrift: „Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz erkrankt.“ Auf dreizehn bewegenden Zeilen teilt die 57-Jährige mit, dass sie Brustkrebs hat: „Ich habe mich entschlossen, offen mit der Krankheit umzugehen.“

Selbst angesichts dieser gesundheitlichen Krise gibt sich Orosz couragiert und optimistisch – auch wenn ihr niemand zweifelnde Worte übel genommen hätte: „Ich kann jedem raten, sich nicht aufzugeben, sondern zu kämpfen. Sich selbst zu bedauern, ist schlechte Medizin.“

Wie immer, wenn die Nachricht über eine schwere Erkrankung von jemandem, den man kennt, die Runde macht, wechseln sich Fassungslosigkeit und Fragen ab. Wie war Orosz in letzter Zeit so drauf? Wie geht es denn nun weiter? Seit wann weiß die Politikerin überhaupt, dass sie krank ist?

Der vorletzte Satz ihrer Erklärung legt nahe, dass die meist energisch auftretende Rathauschefin lange überlegt, sich wahrscheinlich auch quält, bevor sie offensiv mit der Erkrankung umgeht: „Ich hätte immer neue Ausreden finden müssen.“ Im grobmotorischen Dresdner Politikbetrieb wäre vermutlich rasch recht aggressiver Klatsch aufgekommen. Gut möglich, dass Orosz sogar kritisiert worden wäre, hätte sie die Krankheit nicht von sich aus öffentlich gemacht.

Und Orosz macht noch mehr öffentlich. Sie sagt zwar nicht, wo sie sich behandeln lässt. Doch teilt sie mit, dass sie Anfang der kommenden Woche, wohl am Montag, operiert wird. Zu Beginn dieser Woche haben Ärzte den Tumor in ihrer Brust entdeckt, bei einer routinemäßigen Gewebeentnahme.

Mehr gibt Orosz nicht preis. Es ist schon viel. Doch als Frau, die wegen ihres Amtes in der Öffentlichkeit steht, weiß die Rathauschefin, dass unweigerlich Spekulationen einsetzen. Warum hat sie sich untersuchen lassen? Hatte sie Schmerzen? Ist ihr seit Längerem klar, dass etwas mit ihrem Körper nicht stimmt?

Vom Präsidenten der deutschen Krebshilfe und Medizin-Nobelpreisträger Harald zur Hausen stammt der Satz: „Durch eine langfristige Umstellung der Lebensgewohnheiten lassen sich annähernd die Hälfte aller Krebserkrankungen vermeiden.“ Im Umkehrschluss kann das bedeuten: Wer sich durch einen Alltag voller Stress manövriert, gilt als krebsgefährdet.

Die Ursachen von Tumoren lassen sich nicht eindeutig ermitteln. So bleibt offen, ob Hektik und Belastung bei Orosz Auslöser gewesen sind. Fest steht nur: Die zweifache Großmutter rackert bis zu 16 Stunden am Tag und hat kaum ein freies Wochenende.

Sie leitet zähe Sitzungen, repräsentiert Dresden weltweit und kämpft in Brüssel um Fördermittel. Orosz müht sich in einem giftigen Klima voller Zoff und Zank. Im Stadtrat hat ihre Partei, die CDU, keine Mehrheit. Orosz reibt sich an mächtigen Bürgermeistern und verworrenen Strukturen. Als „steinernes Objekt“ hat sie das Rathaus nach ihrem Amtsantritt 2008 bezeichnet – nicht als freundlichen Ort. Innerhalb der Verwaltung gilt die Chefin als isoliert. Sie könne kaum delegieren, ziehe sich zu viel auf den Tisch und vertraue anderen zu wenig. Mehrere enge Mitarbeiter verließen den Geschäftsbereich der Oberbürgermeisterin.

Angesichts der Krankheit von Orosz verblassen diese Konflikte. Die Verwaltungschefin findet ausgesprochen warme Worte für ihr Team: „Ich bin mir sicher, dass meine Stellvertreter und meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter während meiner Abwesenheit die Arbeit im Rathaus sehr gut weiterführen.“ Als Erster reagiert André Schollbach. Der Chef der Linksfraktion, der als härtester Gegner Orosz bereits juristische Niederlagen beibrachte, betont: „In einer derartigen Situation treten die sonst vorhandenen politischen Differenzen in den Hintergrund. Ich wünsche Frau Orosz, dass sie die Kraft hat, diese Krankheit zu besiegen.“ CDU-Chef Lars Rohwer hofft, die Krankheit könne auch „ein Signal im rauen politischen Dresdner Klima sein, künftig rücksichtsvoller miteinander umzugehen“.

Orosz, die als Sachsens Sozialministerin die Krebsfrüherkennung vorangetrieben hat, ist nicht die erste Prominente, die Brustkrebs enttabuisiert. So haben die Theologin Margot Käßmann sowie die Moderatorin und Fußballstar-Gattin Sylvie van der Vaart der Öffentlichkeit über Operationen und Therapien berichtet – nicht zuletzt, um anderen Betroffenen Mut zu machen. Das will Orosz auch. Und noch etwas anderes. „Ich hoffe, dass die OP gut verläuft. Denn ich will so schnell wie möglich wieder ins Rathaus zurückkehren.“