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Dienstag, 21.03.2017

„Ich war nie ein Draufgänger“

Der Schweizer Extremkletterer Stephan Siegrist schätzt sächsische Kletterer nicht nur wegen ihrer Philosophie.

Von Jochen Mayer

Extremer Biwakplatz für Stephan Siegrist. Der Ruheplatz lag bei einer Winterbesteigung in Patagonien direkt unter dem Gipfelpilz des Cerro Stanhardt. Für Stephan Siegrist das vielleicht schönste Biwak seines Lebens. Mit Thomas Senf und Ralf Weber gelang die Besteigung im Alpinstil.
Extremer Biwakplatz für Stephan Siegrist. Der Ruheplatz lag bei einer Winterbesteigung in Patagonien direkt unter dem Gipfelpilz des Cerro Stanhardt. Für Stephan Siegrist das vielleicht schönste Biwak seines Lebens. Mit Thomas Senf und Ralf Weber gelang die Besteigung im Alpinstil.

© visual impact/Thomas Senf

Achttausendern geht Stephan Siegrist aus dem Weg. Der Schweizer sucht lieber in abgelegenen Ecken der Erde nach besonderen Kletter-Schwierigkeiten. Am Sonnabend kommt der Extremkletterer in die Heidenauer Yoyo-Kletterhalle. Unter dem Motto „Dresden klettert. Schlag Stephan Siegrist!“ stellt er sich zu einer Trainings-Session – und sprach zuvor im Telefoninterview mit der Sächsischen Zeitung.

Stephan Siegrist, erreiche ich Sie vor dem Haus sitzend und Gipfel im Blick?

Schön wär‘s. Ich bin im Büro, Vorträge vorbereiten. Ich arbeite im Winter auch als Berg- und Tourenführer. Am liebsten ist mir aber, wenn mein Office hinter der Baumgrenze beginnt.

Ihr neues Buch heißt „Leben im Sturm“. Ist das Ihr Lebensmotto?

Mein Motto ist es nicht, aber das Leben macht es mit einem. Manchmal Sturm, dann wieder tolles Wetter. Meine vergangenen 20 Jahre bestanden aus genau solchen Wetterwechseln.

Ihr Verlag sagt zum Buch, dass Sie sich darin fragen, was im Leben wirklich wichtig ist. Haben Sie eine Antwort?

Die Familie ist mir wichtig, aber auch, dass ich draußen sein kann und ich mein Hobby ausleben darf, was gleichzeitig auch mein Beruf ist. Das ist spannend und macht mir immer noch viel Spaß.

Sie haben einen sechsjährigen Sohn. Verändert er Ihr Leben?

Ich möchte mir Zeit nehmen für den Kleinen und bin vielleicht 30 Prozent weniger in den Bergen. Es sind nun weniger große Touren, und ich habe mein Training umgestellt. Jetzt gehe ich auch mal in die Kletterhalle oder in den Boulderraum.

Sie schwörten mal auf Ihr Bauchgefühl. Verändert sich das mit den Jahren?

Vielleicht. Ich profitiere von Erfahrungen, die ich in den vergangenen Jahren gemacht habe. Ich war nie ein Draufgänger, versuche immer, möglichst sicher unterwegs zu sein. Natürlich gibt es objektive Gefahren, bei denen es jeden erwischen kann.

Aber wenn Sie als Basejumper unterwegs sind, kann es knifflig werden.

Ja, schon. Da gehe ich mit Respekt ran. Und es sind weniger Sprünge geworden, schon wegen der fehlenden Zeit. Ich habe gute Freunde durch das Springen verloren. Das gibt einem schon zu denken. Unser Gehirn ist nicht für diese Sportart und diese Geschwindigkeiten gebaut. Wenn etwas schiefgeht, braucht man viel Glück, um da gut rauszukommen.

Springt irgendwann Ihr Sohn mit?

Darüber verschwende ich keine Gedanken. Der soll mal was Gescheites machen. (lacht)

Sie kommen nach Heidenau und schrauben eine Route. Wie wird die?

Das werden wir sehen, das schaue ich mir vor Ort an und rede mit den Hallenbetreibern. Die Route muss ja kletterbar sein.

Wie sehen Sie überhaupt das Klettern in der Halle?

Schön, wenn sich viele Leute bewegen und zum Klettersport finden. Und es ist wunderbar, wenn sie drin bleiben. Dann ist es draußen nicht so voll. Im Ernst: Es bietet auch mir gute Trainingsmöglichkeiten.

Und was sagen Sie zum olympischen Klettern bei Sommerspielen?

Ich hoffe, dass der Wettkampfcharakter nicht alles überlagert, dass es nur noch um das Trainieren geht. Klettern hat für mich auch noch viel mit Natur und Gemeinschaft zu tun. Für mich sind Erlebnisse mit Freunden und im Team ganz wichtig.

Was halten Sie von den Kletterern in der Sächsischen Schweiz?

Einer meiner besten Freunde kommt aus Leipzig. Thomas Senf fotografiert oft, wenn ich unterwegs bin. Das Elbsandsteingebirge ist faszinierend. Und die Tradition, die Philosophie ist etwas ganz Besonderes. Mir gefällt auch, wie sich in der Sächsischen Schweiz die Kletterer pushen und wie sie am Abend beim Bier zusammensitzen.

Sind Sie eigentlich ständig auf der Suche nach unbestiegenen Gipfeln?

Nicht unbedingt, ich suche vor allem Abenteuer in abgelegenen Gebieten, wo keine anderen Expeditionen sind. Kashmir hat noch abgelegene Wände und Gipfel. Davon gibt es nicht mehr so viele auf der Welt.

Sind das nicht gefährliche Orte?

Vergangenes Jahr gab es 300 Kilometer entfernt an der pakistanischen Grenze Konflikte. Im Gebirge war davon nichts zu spüren. Die Leute sind sehr freundlich, und ich fand immer wieder neue unbestiegene Gipfel um die 6 000 Meter hoch.

Ist das dann eine Erfüllung, auf einem unbestiegenen Gipfel zu stehen?

Es sind schöne Berge, technisch anspruchsvolle Gipfel. Da muss man sich überlegen, wie man hochkommt. Genussklettern ist das nicht, wir waren oft gut gefordert. Das macht den Reiz aus, ich kann mich dabei ausreizen und ans Limit gehen.

Wie gefährlich kann das werden?

Es gibt Situationen, in die man lieber nicht geraten will. Das ist vor allem dann, wenn einem klar wird, dass jetzt vom Gestein nichts ausbrechen darf, der Fuß nicht abrutschen sollte. Wer die Abgeschiedenheit sucht, muss auch damit leben, dass Rettungsaktionen dort schwer möglich sind. Das ist mir schon bewusst.

Es gibt viele Spielwiesen in der Natur. Haben Sie für sich neue entdeckt?

Das Bergsteigen steht für mich immer noch im Vordergrund. Zum Trainieren fahre ich auch gern Mountainbike in den Alpen. Das schont zudem die Knie.

Zieht es Sie immer noch zum Eiger?

Da war ich diesen Winter mit Thomas Huber in der Route Metanoia. Eine Tour, die 25 Jahre auf eine Zweitbegehung wartete. Die Nordwand habe ich 38 Mal gemacht und war um die 90 Mal auf dem Gipfel.

Was treibt Sie immer wieder hin?

Die Nordwand ist interessant, teils gewaltig und steil. Sie bietet verschiedenste Möglichkeiten, sich zu testen im steilen Eis und Fels. Der Eiger steht vor meiner Haustür.

Sie haben auch eine Filmpremiere für Sachsen. Um was geht es da?

Um unbestiegene Kashmir-Gipfel. Und um einen Engländer, der vor 26 Jahren dort einen schlimmen Unfall hatte mit zerschmettertem Bein. Wir fanden Ausrüstung von ihm am Einstieg – und besuchten den Briten. Der Film handelt vom „Tupendeo“, dem göttlichen Berg, wie Einheimische sagen, und von zwei Geschichten.

„Dresden klettert“ mit Stephan Siegrist in der Heidenauer Yoyo-Kletterhalle, Weststr. 32, Sa., 10 - 18 Uhr.

„Tupendeo“ mit Stephan Siegrist, Fr., 20.30 Uhr: Globetrotter, Dresden. Sa., 20 Uhr: Yoyo-Kletterhalle Heidenau.