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Mittwoch, 28.12.2011

„Ich wäre unglaublich gern Deutscher“

Der britische Schauspieler Rupert Everett über adelige Vorfahren, unsichtbare Schwule und die Erfindung des Vibrators.

Er ist der personifizierte Dandy. Ist unverschämt charmant, lässig und gepflegt, geistreich und schlagfertig und sieht auch noch gut aus. Und er ist Hollywoods Vorzeige-Schwuler. Spätestens der Kinohit „Die Hochzeit meines besten Freundes“, wo er den schwulen Freund von Julia Roberts spielte, bescherte Rupert Everett den endgültigen Durchbruch und einen sicheren Platz im Olymp der Komödienstars. Jetzt ist der 52-Jährige wieder in einer leichtherzigen, liebenswürdigen Komödie zu sehen. In „In guten Händen“ geht es um die Erfindung des Vibrators.

Mr. Everett, verstehen Sie die Frauen?

Überhaupt nicht.

Wirklich? Man dachte, Sie wären gerade gut darin.

Wissen Sie, ich verstehe nicht einmal mich selbst. Erst heute Morgen, als ich während meiner Meditation aus dem Fenster schaute, wurde mir mal wieder klar, wie wenig Ahnung ich eigentlich von mir selbst habe. Und Frauen verstehe ich erst recht nicht. Oder eben nur so, wie jeder andere Mann auch. Ich habe eine Cartoon-Version von einer Frau im Kopf. Frauen dagegen folgen scheinbar dem inneren Zwang, Männer zu analysieren.

Dem Klischee nach haben doch aber Schwule und Frauen einen besonderen Draht zueinander. Da ist nichts dran?

Ein paar Übereinstimmungen gibt es da schon. Weil ich ein über fünfzigjähriger schwuler Mann bin, kann ich mir ungefähr vorstellen, wie es einer fünfzigjährigen Frau geht. Zumindest in Sachen Selbstbewusstsein. Denn eines haben Frauen und Schwule gemein: Ab einem bestimmten Alter werden sie weniger wahrgenommen.

Gilt das für Schwule im gleichen Maße wie für Frauen?

Klar, auch die Schwulenszene ist doch ein Jugend-Markt. (lacht) Es dreht sich überall alles um die Jugend. Wenn man älter wird, ist das wie bei einem Fernseher, wo der Farb- und Helligkeitsregler runtergedreht wird. Das geht schon in Ordnung, man muss sich nur daran gewöhnen.

Das klingt ja, als hätten Sie Angst, mit dem Alter langsam unsichtbar zu werden.

Oh ja, absolut. Ich bin schon verblasst. Aber die Farbe kommt noch mal zurück, da bin ich mir sicher. Aber es stimmt, als homosexueller Mann wird man mit wachsendem Alter unsichtbar. Vielleicht geht das Frauen auch so. Jedenfalls finde ich die heutige Vorstellung von Sexualität ziemlich lächerlich.

Warum?

Das ist doch alles Schauspielerei. Das Tolle an meinem Beruf ist, dass man genau beurteilen kann, wenn andere spielen. Und genau das tun sie dauernd, wenn es um Beziehungen, Sex und Leidenschaft geht.

Wie werden denn in „In guten Händen“ Sexualität und Befriedigung thematisiert?

Er spielt 1880, als die Frauenbewegung ihren Anfang nimmt, nachdem die Frau zwei Millionen Jahre in der Küche verbracht hat. Es geht darum, dass bis dahin niemand an den weiblichen Orgasmus geglaubt hat. Männer haben nie darüber nachgedacht. In dieser Geschichte geht es um eine Frau, die sich das nimmt, auf das sie genauso ein Anrecht hat wie der Mann.

War also die Erfindung des Vibrators, die sexuelle Revolution vor der sexuellen Revolution?

Ja, es ist quasi das Echo vor der Explosion der eigentlichen sexuellen Revolution.

Sie spielen in dem Film den adligen Lord Edmund St. John-Smythe. In Ihrer Familie finden sich auch adlige Vorfahren, sogar aus Deutschland, oder?

Ja, das stimmt. Aber ich kenne sie nicht. Vermutlich lebt von denen auch keiner mehr. Schade eigentlich, denn ich wäre unglaublich gern Deutscher.

Sie wollten sich doch mal ein Haus hier kaufen. Was ist daraus geworden?

Das war in Mecklenburg. Freunde von mir wollten sich dort ein Haus kaufen, ich wäre dann in das kleine Haus nahe dem Haupthaus eingezogen. Aber sie haben es dann doch nicht gemacht.

Wie sieht Ihre Beziehung zu Deutschland aus?

Ich bin zum ersten Mal 1989 nach Berlin gekommen, zufälligerweise genau als die Mauer fiel. Seitdem bin ich regelmäßig hier, denn Berlin gehört weltweit ohne Frage zu meinen Lieblingsstädten. Und ich bereite gerade einen Film über das Leben von Oscar Wilde vor, über die Zeit nach seinem Gefängnisaufenthalt. Die Produzenten kommen aus Deutschland.

Wie würden Sie den Geist Berlins beschreiben?

London und Paris sind durch den Kapitalismus zu Hochzeitstorten verkommen, in ihrer Mitte leben lauter Reiche, die Armen leben außerhalb. Diese Städte sind voll von teuren Läden, die Stimmung ist brutal. Berlin war nie eine so erfolgreiche Stadt im modernen Sinn. An so einem Ort floriert die Kunst, weil das Leben nicht zu teuer ist.

Trifft das heute noch zu?

Noch ja, aber das könnte sich ändern. Ich mag den Bürgermeister von Berlin, aber ich befürchte, er möchte die Stadt an den Rest Europas anpassen. Das wäre furchtbar. Berlin hat etwas Wertvolles; dort lässt es sich wunderbar leben.

Worum genau geht es denn in dem Oscar-Wilde-Film?

Er dreht sich um die letzten drei Jahre in seinem Leben, als er in Paris lebte. Mit besonderem Augenmerk auf die letzten zehn Tage seines Lebens. Ich liebe diese Geschichte. Da gibt es durchaus Parallelen zu „In guten Händen“ und dem Beginn der Frauenbewegung. Denn auch Homosexualität war damals ja niemandem ein Begriff. Vor Oscar Wilde gab es dieses Wort nicht, das vergisst man leicht. Heute halten wir es für normal, dass jeder darüber redet, aber im 19. Jahrhundert war das nicht der Fall. Menschen wie ich führten damals ein geheimes Parallelleben.

Und Wilde hat das verändert?

Oscar Wilde wurde wegen seiner Homosexualität ins Gefängnis gesteckt, ging für die letzten drei Jahre seines Lebens nach Frankreich und wurde von der Gesellschaft als schreckliches Monster gebrandmarkt. Wann immer man ihm in der Straße begegnete, zogen die Menschen hektisch ihre Kinder an sich. Es ist unglaublich, wie er behandelt wurde. Aber in seinem Umgang damit liegen auch die Anfänge der Schwulenbewegung.

Bewundern Sie Wilde?

Ich bewundere ihn nicht, denn er hat sich auch ein wenig zum Narren gemacht. Er war geblendet von seiner Borniertheit. Aber das ist nur menschlich, wir alle sind manchmal geblendet von Borniertheit und Ruhm. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.

Das Interview führte Mariam Schaghaghi.