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Donnerstag, 07.12.2017

„Ich vermisse meinen Sohn so sehr“

Beim Münchner NSU-Prozess sagen die Eltern eines Mordopfers aus. Sie machen dem Gericht schwere Vorwürfe.

Von Christoph Trost, München

Ayse und Ismail Yozgat (r.), die Eltern eines NSU-Mordopfers – hier in Wiesbaden nach einer Sitzung des NSU-Ausschusses – werfen dem Gericht in München mangelnden Aufklärungswillen vor.
Ayse und Ismail Yozgat (r.), die Eltern eines NSU-Mordopfers – hier in Wiesbaden nach einer Sitzung des NSU-Ausschusses – werfen dem Gericht in München mangelnden Aufklärungswillen vor.

© dpa/Frank Rumpenhorst

Dass dies besondere Minuten werden würden im Münchner NSU-Prozess, das ist sofort zu spüren. Mucksmäuschenstill ist es im Gerichtssaal, als Ayse Yozgat ans Mikrofon tritt. „Im Namen Allahs“, beginnt sie und kommt sofort zur Sache. Sie spricht die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe, die gegenüber auf der Anklagebank sitzt, direkt an – auf Türkisch, ein Dolmetscher übersetzt. „Können Sie einschlafen, wenn Sie Ihren Kopf auf das Kissen legen?“, fragt sie. „Ich kann auch nach elf Jahren nicht einschlafen. Denn ich vermisse meinen Sohn so sehr.“

Ihr Sohn Halit Yozgat wurde am 6. April 2006 in seinem Internetcafé in Kassel erschossen. Der junge Mann war das neunte Mordopfer des „Nationalsozialistischen Untergrunds“. Er wurde nur 21 Jahre alt.

Mehr als elf Jahre später dürfen seine Eltern auf der Zielgeraden des NSU-Prozesses ihre Plädoyers halten und sagen, was ihnen auf der Seele liegt. Ayse und Ismail Yozgat – die schon zu Beginn des Prozesses als Zeugen ausgesagt hatten – nutzen diese Gelegenheit zu einer Anklage.

„Sie waren meine letzte Hoffnung und mein Vertrauen“, ruft Ayse Yozgat den Richtern zu. Aber der Prozess bleibe ohne Ergebnis. „Sie haben wie Bienen gearbeitet, aber keinen Honig produziert.“ Auch die Richter hätten Kinder, aber sie wünsche keiner Mutter, so etwas erleiden zu müssen. Dann ist Ismail Yozgat an der Reihe. „Mein einziger, 21-jähriger Sohn starb in meinen Armen“, sagt er und beklagt sich dann wie zuvor seine Frau über einen mangelnden Aufklärungswillen des Gerichts.

Der Mord an Halit Yozgat wirft bis heute Fragezeichen auf. Zum Zeitpunkt der Ermordung des 21-Jährigen war auch Verfassungsschützer Andreas Temme am Tatort. Der surfte nach eigenen Angaben in einem Nebenraum privat im Internet, von der Tat habe er nichts bemerkt. Er habe den sterbenden Halit Yozgat nicht einmal beim Hinausgehen hinter dem Tresen liegen gesehen. Temme stand sogar unter Mordverdacht, die Ermittlungen wurden aber später eingestellt. Das Oberlandesgericht bewertete Temmes Angaben als glaubwürdig.

Damit kann, damit will sich Ismail Yozgat nicht abfinden. Er hat sich sein eigenes Urteil gebildet: „Temme hat unseren Sohn ermordet oder ließ unseren Sohn ermorden“, sagt er. Immer wieder, klagt Yozgat, habe er eine Ortsbegehung verlangt, um zu zeigen, dass Temme lüge, dass dieser den Mord mitbekommen haben müsse. Vergeblich. Temme sei vom damaligen hessischen Innenminister Volker Bouffier – heute ist der CDU-Mann Ministerpräsident – gedeckt worden. Yozgat habe Bouffier um ein Gespräch gebeten, doch der habe abgelehnt. Da bricht Yozgat die Stimme: Wie das sein könne, dass einem Mann, der seinen einzigen Sohn verloren habe, so ein Wunsch verweigert werde.

Yozgat spricht auch Kanzlerin Angela Merkel an. Die habe versprochen, dass alles aufgeklärt werde. Das aber sei bis heute nicht passiert. Und: Ein Urteil ohne Ortsbegehung will er nicht anerkennen.

In diesen denkwürdigen, emotionalen Minuten wird deutlich: Die Familie Yozgat hat ihre persönliche Hoffnung aufgegeben. „Herzlichen Glückwunsch“, sagt Ayse Yozgat zu Beate Zschäpe. Früher sei die von ihren beiden „Uwes“, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, versorgt worden, jetzt sorge der Staat für sie – im Gefängnis. Doch Frau Yozgat hofft vor allem etwas anderes: „Ich wünsche den Schuldigen hier, bei Allah, dass sie Menschen werden und dass sie ihre Straftaten zugeben.“ (dpa)