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Samstag, 14.03.2015

Ich tue euch nichts

Frauen haben noch immer einen schweren Stand in muslimischen Familien. Eine Betrachtung – gerichtet an Väter, Brüder und Ehemänner.

Von Sibel Kekilli

Toleranz bedeutet, sich gegenseitig den Freiraum zu lassen, den jeder Mensch braucht, um selbstbestimmt leben zu können, sagt Sibel Kekilli. In ihren Filmrollen spielt sie diese Maxime nicht nur. Das Drama „Die Fremde“ (Szenenfoto) steht exemplarisch dafür. Als junge Frau bricht sie hier aus ihrer unglücklichen Ehe in Istanbul aus.
Toleranz bedeutet, sich gegenseitig den Freiraum zu lassen, den jeder Mensch braucht, um selbstbestimmt leben zu können, sagt Sibel Kekilli. In ihren Filmrollen spielt sie diese Maxime nicht nur. Das Drama „Die Fremde“ (Szenenfoto) steht exemplarisch dafür. Als junge Frau bricht sie hier aus ihrer unglücklichen Ehe in Istanbul aus.

© Majestic Filmverleih

Ich liebe meine Kultur. Auf dem Weg zu meiner Freiheit habe ich sie zu einem sehr großen Teil verloren. Für diesen Weg habe ich viel bezahlt. Er war lang, schmerzhaft und selbstzerstörend. Doch meine Vision war immer die Freiheit, um deren Willen ich mich sogar ab und zu verrannt habe. Trotzdem, ich war und bin nach wie vor bereit, das alles auf mich zu nehmen. Meinen eigenen Weg zu gehen kostet mich noch immer sehr viel Mut und Kraft. Jeden Tag.

Diese Kultur, in die ich hineingeboren wurde, ist voller Schätze, voller Wunder. Und – sie kann gnadenlos sein. Tagtäglich versuche ich, trotz Anfeindungen und Vorurteilen, erhobenen Hauptes durchs Leben zu gehen. Ich habe kein Kapitalverbrechen begangen, trotzdem werden Menschen wie ich von einigen schlimmer behandelt als Mörder.

Den Männern dieser Kultur möchte ich heute sagen: Ich respektiere eure Kultur, euren Glauben. Lebt so, wie ihr es für richtig haltet. Toleranz bedeutet, sich gegenseitig den Freiraum zu lassen, den jeder Mensch braucht, um selbstbestimmt leben zu können.

Das heißt, ich möchte so frei leben, wie ich es für richtig halte. Ohne dass ihr mich massiv einschränkt oder mir sogar mit dem Tode droht. Denn Angst und Drohung haben nichts mit Liebe, Verständnis oder gar Freiheit zu tun. Wollt ihr, dass ich aus Angst bei euch bleibe, hörig, gefangen und unglücklich, so wie viele Mädchen und Frauen, deren Angst größer ist als ihr Mut und ihre Kraft, um sich aus diesen Zwängen selbst zu befreien?

Warum vertreibt ihr mich? Warum muss ich weg, wenn ich nicht den mit Regeln vollgepflasterten Weg gehe, den ihr mir aussucht? Warum wollt ihr mir ein Korsett aus starren Regeln und Pflichten überstreifen und immer fester schnüren, wenn ich so doch nicht mehr atmen kann? Wieso könnt ihr Freiheit nicht einfach als Wert für alle anerkennen? Ihr müsst mich und meine Wünsche ja nicht unbedingt verstehen, sondern respektieren. Ich bin ein Individuum. Warum nur ist euch die Außenwirkung in der Gesellschaft wichtiger als das glückliche Leben eurer Tochter, Schwester oder Frau?

Wie würde es euch gefallen, wenn ihr so leben müsstet, wie ihr es von euren Frauen verlangt? Mit Zwängen, Vorschriften, unterdrückten Gefühlen, Notlügen und Ängsten? Was ist denn so bedrohlich an einer freien Frau?

Warum wird sie von der eigenen Familie und der muslimischen Gesellschaft klein gehalten? Warum habt ihr Angst vor einer selbstbewussten Frau?

Warum versteht ihr nicht, dass Freiheit nichts Bedrohliches hat, dass sie einem nichts tut, sondern nur eine Chance auf Selbstentfaltung bedeutet? Wie könnt ihr Toleranz erwarten, wenn ihr selbst nicht zu tolerieren imstande seid?

Ich tue euch nichts. Nur, je mehr ihr mich in die Enge treibt, desto mehr versuche ich mich zu wehren. Oder ich gehe kümmerlich ein, weil mir die Kraft fehlt, mich gegen euch und eine ganze Kultur zu stellen.

Denn die muslimische Kultur kann gnadenlos sein. Wenn ein Mensch einmal Außenseiter ist, ist er es für immer. Ja, ich weiß, es geht euch um die Außenwirkung. Was denken die anderen, was reden die anderen?

Ich frage euch, wie muss ich mich als Frau verhalten, damit die anderen mich nicht fallen lassen? Ich verstehe ja euer Dilemma. Wenn ein Familienmitglied anders ist, Träume verfolgt, eigene Wege geht, wird dieser Makel auf die ganze Familie übertragen. Dann bekommt der Bruder eventuell keine Frau zum Heiraten. Weil diese Familie eine gefallene ist.

Der Ausweg, um die vermeintliche Ehre wiederherzustellen, ist, die eigene Tochter zu bedrohen oder gar zu töten? Hat das noch mit Tradition zu tun?

Oder mit Religion? Dieser verschobene Kulturbegriff, gepaart mit traditionellen Vorstellungen, hat eine unglaubliche Zerstörungskraft.

Die Familie ist mächtig, die Tradition ist noch viel mächtiger. Wer den Mut aufbringt, gegen alle Widerstände zu kämpfen und sich loszureißen, hat anschließend nicht nur die Familie, sondern auch den öffentlichen Respekt verloren und lebt fortan schutzlos in der Gesellschaft.

Ist es das wert? Die eigene Identität, die Familie und den Kulturkreis einzutauschen gegen ein freies Leben? Denn genau das bedeutet es. Die bisher gelebte Identität abzustreifen. Schon allein diese Fragestellung ist schizophren. Wer zwischen diesen beiden Welten wandert, unterliegt einem fast unmenschlichen Druck. Er macht einen buckelig, traurig, depressiv. Ich will mich und andere nicht belügen und alles versteckt machen, nur damit die Familie und der Kulturkreis mich hoffentlich irgendwie akzeptiert. Ich möchte ein selbstbestimmtes Leben führen, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen oder gesellschaftlich geächtet zu werden.

Mein Dank gilt heute Terre des Femmes. Danke, dass sie mich eingeladen haben, um hier meine Stimme für die Freiheit zu erheben. Danke, dass es solche Organisationen gibt, die die gleiche Vision verfolgen wie ich, und all diesen Frauen und Mädchen helfen, deren schlichter Wunsch es ist, frei und selbstbestimmt zu leben.

Ich wünsche mir, dass das irgendwann einmal kein hart erkämpftes Privileg oder womöglich Todesurteil ist, sondern Normalität.

Unsere Autorin: Sibel Kekilli (34) ist Schauspielerin. Im Alter von drei Jahren kam sie aus der Türkei nach Deutschland. Sie durfte nicht das Abitur machen und auch nicht studieren – ihre Eltern erlaubten es nicht. Unser Text gibt Sibel Kekillis Rede wieder, die sie aus Anlass des Internationalen Frauentages am 6. März im Schloss Bellevue hielt.