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Samstag, 31.10.2009

"Ich sage Angela Merkel, was ich für richtig halte und was für falsch"

Ministerpräsident Stanislaw Tillich über die Kanzlerin, seinen 16-Stunden-Tag und warum er sich nicht gegen die Schweinegrippe impfen lassen will.

Herr Ministerpräsident, was machen Sie eigentlich am Sonntag?

In den Monaten vor der Landtagswahl hatte ich leider nur sehr wenige freie Sonntage. Ich versuche, den Tag für die Familie zu nutzen. Wir haben Freunde und Verwandte, die wir besuchen, damit die Kontakte nicht abbrechen. Die Freundschaften leiden unter einem politischen Job, wie ich ihn habe.

Unsere Frage zielte eigentlich in eine andere Richtung. War Ihnen sonntags noch nie danach, Ihr Auto zu waschen oder Videos auszuleihen?

Nicht direkt. Die Möglichkeit dazu war ja bisher auch sehr eingeschränkt. Aber ich kenne viele Sachsen, die am Wochenende nach Polen oder Tschechien fahren – nicht nur zum Tanken, sondern auch zum Autowaschen. Ich sehe deshalb den Koalitionsbeschluss von CDU und FDP, mit dem wir das Autowaschen und den Verleih von Videos sonntags zulassen, sehr entspannt.

Sie sind einer der seltenen Menschen im Osten, die offen ihren Glauben leben. Betrübt es Sie da, dass Sie sich in dieser Frage Ärger mit den Kirchen eingehandelt haben?

Ich habe nach meinem Wissen nur zwei Briefe bekommen, in denen gegen diesen Koalitionsbeschluss protestiert wird. Natürlich gab es Proteste der Kirchen, das war ja zu erwarten. Sehr häufig werde ich als Ministerpräsident sonntags von kirchlichen Einrichtungen eingeladen. Da sage ich meist: Schön, dass Ihr für die Sonntagsruhe seid – ich bin es auch.

Sie gehen jeden Sonntag in die Kirche.

Ja. Meistens zur Morgenandacht. Der regelmäßige Gottesdienstbesuch ist für mich als Katholik eine Selbstverständlichkeit. Los geht’s um 7.30 Uhr, um 8.30 Uhr bin ich zurück.

Was bedeutet es für die Gesellschaft, wenn gerade in Ostdeutschland der Einfluss der Kirche immer geringer wird?

Ich habe da eine ganz andere Wahrnehmung. Die Bedeutung der Kirche nimmt zu.

Wie kommen Sie denn darauf?

Viele Menschen machen sich in Zeiten der Globalisierung Gedanken darüber, wo ihre Wurzeln liegen und was der Sinn des Lebens ist. Wir werden das in zwei Jahren beim evangelischen Kirchentag in Dresden erleben. Aber die Kirche muss sich natürlich auch Gedanken machen, dass der Gottesdienstbesuch nicht das alleinige Kriterium für christliches Handeln ist.

Über dem sächsischen Koalitionsvertrag zwischen CDU und FDP steht als Motto Freiheit, Verantwortung, Solidarität. Ist Freiheit am Ende: Sie können sich jetzt sonntags ein Video holen und das Auto waschen.

Na, Freiheit ist schon ein bisschen mehr.

Nämlich?

Freiheit ist etwas sehr Persönliches. Nehmen wir das Beispiel Schule. Dort erleichtern wir den Übergang aufs Gymnasium. Dieser Kompromiss erweitert die persönliche Freiheit des Einzelnen.

Das ist alles?

Nein. Freiheit bedeutet auch, dass sich Leistung lohnen muss. Wer sich anstrengt, der muss auch das Gefühl haben, dass er mit dieser Leistung etwas anfangen kann. Er darf nicht das Gefühl haben, dass ihm das, was ihm das Mehr an Leistung erbracht hat, gleich wieder weggenommen wird. Nur wenn viele bereit sind, mehr zu leisten als der Durchschnitt, kann eine Gesellschaft auch solidarisch sein.

Jetzt reden Sie wie FDP-Chef Guido Westerwelle. Herr Ministerpräsident, sind Sie ein Liberaler oder ein Konservativer?

Ich bin ein Konservativer.

Was unterscheidet einen Konservativen vom Liberalen?

Der Liberale vertraut in der Wirtschaft blind auf den Markt und die Stärke des Marktes. Es bedarf jedoch der Regeln und jemanden, der die Regeln überwacht.

Was ist für Sie heute konservativ?

Konservativ ist heute, wer aus der Tradition die Kraft und die Ideen für die Zukunft schöpft. Das ist meine Definition.

Was bedeutet das für die Tagespolitik?

Für mich ist es als Konservativer zum Beispiel wichtig, dass eine Erziehung in erster Linie nicht in der Schule, sondern im Elternhaus stattfindet. Einige in der FDP würden am liebsten sieben Tage lang eine Kinderbetreuung rund um die Uhr organisieren. Wenn wir das machen, laufen wir Gefahr, dass manche Eltern montags ihre Kinder abgeben und am Wochenende gar nicht mehr abholen.

Bei der Kabinettsbildung in Sachsen ist Ihnen mit Frau von Schorlemer als Wissenschaftsministerin ein Überraschungscoup gelungen. Wie sind Sie eigentlich auf Frau von Schorlemer gekommen?

Man schaut, wie man so ein Schlüsselressort am besten besetzen kann. Als klar war, die CDU bekommt den Wissenschaftsbereich, habe ich gesucht.

Wie muss man sich das denn vorstellen: Sie rufen einfach zwei Tage vorher bei Frau Schorlemer an?

Nein. Sie laden sich jemanden zum Gespräch ein und sagen, Sie würden gern mal über ein Thema wie die Studiengebühren reden. Dann merken Sie, wie derjenige tickt. Und ein paar Wochen später beim dritten Gespräch stellt man dann fest, dass man eigentlich viel Übereinstimmung hat.

Sachsen im Jahr 2020 – wie soll das Land dann aussehen?

Es ist jetzt 20 Jahre her, dass das Internet erfunden wurde. In elf Jahren wird die Welt ganz anders aussehen. Das Internet wird die Welt dermaßen verändern, wie wir es uns noch gar nicht richtig vorstellen können. Dann wird auch Sachsen ganz anders aussehen.

Wie denn?

Wir müssen uns zum Beispiel Gedanken machen: Wenn ich heute als Freistaat oder Gemeinde ein öffentliches Gebäude errichte, wird das in 15 oder 20 Jahren die Ansprüche der Arbeitswelt von Morgen noch erfüllen? Im internationalen Vergleich bin ich, was Sachsen anbelangt, ziemlich positiv gestimmt. Raten Sie mal, warum ich kürzlich den stellvertretenden chinesischen Staatspräsidenten, den Vertreter eines Milliarden-Volkes, zu Besuch hatte.

Sie erzählen es uns.

Er sagte klipp und klar, unser Bildungssystem sei exzellent, wir hätten eine innovative Wirtschaft, wir hätten die Umweltprobleme gelöst und besäßen außerdem eine große Kulturtradition.

Müssen wir denn Chinesen ins Land holen?

Warum nicht? Ich bin dagegen, dass wir den Arbeitsmarkt abschotten. Uns fehlen doch schon heute Fachkräfte.

Bleiben wir mal in Deutschland. Was würden Sie einem jungen Menschen aus dem Westen sagen, damit er hierherkommt?

Bei uns ist Platz. Bei uns sind die Mieten billig, bei uns gibt es innovative Unternehmen. Es gibt exzellente Hochschulen und Schulen. Er hat die Chance, bei einem Unternehmen zu arbeiten, das heute zehn Millionen und in zehn Jahren eine Milliarde Euro Umsatz macht.

Wann denken Sie, dass Sachsen beim Bruttoinlandsprodukt den Bundesdurchschnitt erreicht?

Wir liegen derzeit bei 82 Prozent. Für einen solchen Wert können die Leute sich aber nichts kaufen. Die meisten wollen einen Arbeitsplatz, der zukunftssicher ist.

Wir versuchen es nochmal: Wagen Sie doch eine Prognose.

Für die Kernregionen wie Dresden, Chemnitz, Leipzig und Zwickau gehe ich davon aus, dass wir 2019 den Gleichstand mit dem Westen erreicht haben, wenn der Solidarpakt II ausläuft. Für die anderen Regionen will ich keine Prognose abgeben.

Warum kommen die Westdeutschen nicht schon jetzt hierher?

Die gehen nach Düsseldorf oder nach Stuttgart, warten drei Jahre auf einen Kitaplatz, tun das aber deshalb, weil es dort einen sicheren Arbeitsplatz gibt. Der ist nicht unbedingt besser bezahlt, denn die bessere Bezahlung geht durch die höheren Kosten für Kinderbetreuung und Mieten drauf. Ich bin aber zuversichtlich, dass es uns gelingt, die Attraktivität Sachsens zu erhöhen.

Wie passen denn die Pleiten von Qimonda und Quelle in dieses Bild?

Trotz Qimonda und Quelle: Die Masse der Arbeitsplätze in Sachsen hat eine Stabilität erreicht, die wir vor fünf oder sechs Jahren noch nicht hatten. Daraus entwickelt sich meine Zuversicht, dass wir im Jahr 2020 Unternehmen haben, die auf dem Weltmarkt richtig mitspielen.

Können Sie sich vorstellen, im Jahr 2020 immer noch Ministerpräsident des Freistaates Sachsen zu sein?

Ich kann mir das durchaus vorstellen. Mein Ziel ist es, so lange für dieses Land Verantwortung zu tragen, solange die Menschen davon überzeugt sind, dass ich das richtige für sie tue. Es bleibt immer ein Amt auf Zeit. Außerdem muss man Lust auf diesen Job haben.

Welchen Stellenwert hat der Osten jetzt in der schwarz-gelben Koalition in Berlin?

Wir haben für die CDU fünf Prozent mehr Stimmen in Ostdeutschland geholt. Das muss sich auch in der Politik niederschlagen. Sachsen stellt im Bundesrat außerdem die entscheidenden vier Stimmen für die Mehrheit von Schwarz-Gelb.

Wie sehen Sie Ihre persönliche Rolle in der Bundespolitik?

Ich werde mich schon zu Wort melden, wenn es für Sachsen wichtig ist.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zur Kanzlerin beschreiben?

Ich habe ein gutes Verhältnis zu Angela Merkel. Und ein sehr aufgeschlossenes. Ich sage ihr, was ich für richtig und was ich für falsch halte. Das gilt zum Beispiel auch für die Steuerpolitik. Ich sehe zwar die Möglichkeiten für Steuersenkungen, aber doch nicht jetzt und auch nicht 2011. Da haben wir immer noch mit den Folgelasten der Krise zu tun.

Sie duzen die Kanzlerin?

Wir duzen uns, aber ich gehöre nicht zu ihrem Freundeskreis. Ich liebe es, auch ein bisschen unabhängig zu sein.

Kriegen Sie auch ab und zu eine SMS von Frau Merkel?

Natürlich. (grinst)

Eine persönliche Frage. Lassen Sie sich eigentlich gegen die Schweinegrippe impfen?

Ich habe es nicht vor.

Warum nicht?

Ich lass mich überhaupt nicht gegen Grippe impfen. Ich bewege mich lieber ein bisschen mehr und zieh mich wärmer an, um gesund zu bleiben.

Wie halten Sie sich fit?

Ich mache regelmäßig Frühsport im Keller. Ich habe da Hanteln und verschiedene Heimtrainer. Ich versuche auch, mich möglichst gesund zu ernähren. Wenn ich Fleisch esse, dann nur mit Gemüse und ohne Kartoffeln. Ich habe so meine eigene Theorie, was für mich richtig ist. Ich trinke auch wenig Alkohol.

Wie viele Stunden arbeitet ein Ministerpräsident am Tag?

Das ist schwierig zu beantworten. Manche werden vielleicht sagen, das ist ja keine Arbeit, wenn Sie abends eine Rede halten und dann anschließend noch zwei Stunden am Empfang teilnehmen. Aber es bedeutet Konzentration und psychische Inanspruchnahme. Insgesamt komme ich so etwa auf einen 16-Stunden-Tag.

Haben Sie nie überlegt, nach Dresden zu ziehen?

Dass ich heute noch in Panschwitz-Kuckau wohne, ist meine Erdung. Ich kenne meine Nachbarn noch. Der eine ist arbeitslos, der andere Schulleiter. Das ist für mich das Leben. Das möchte ich gerne behalten, solange das irgendwie geht. Das darf auch in der Politik nicht auf der Strecke bleiben.

Bleibt bei einem 16-Stunden-Tag noch Zeit für ein Schwätzchen mit Nachbarn?

Aber natürlich, auch wenn’s früh um halb sieben ist. Das klingt jetzt etwas verrückt. Aber das ist eine Frage der Organisation. Ich schlafe zum Beispiel wenig. Ich gehe kurz vor Mitternacht ins Bett und stehe um dreiviertel sechs auf.

Die Sachsen geben allen, die in Regierungsverantwortung standen, gerne einen Beinamen. Gibt es einen Beinamen, den Sie sich wünschen würden?

Nein, ich will keinen Nicknamen. Aber dass ich der erste Sachse im Amt bin, dafür klopfen mir viele auf die Schulter. Mein Wahlkampfplakat „Der Sachse“ hat den Nerv getroffen. Deswegen wurde ich gewählt. Die Menschen fühlen, sie sind angekommen, es gibt jetzt einen der Ihren, der regiert. Die Sachsen haben Ehrgeiz und wollen erfolgreich sein. In verschiedenen Bereichen sind sie es schon. Dass sie jetzt auch den Ministerpräsidenten stellen, macht sie unheimlich stolz. Und mir gibt es Sicherheit und Rückhalt.

Das Interview führten Uwe Vetterick und Dieter Schütz. Das Gespräch ist der Auftakt für eine Serie über Sachsen im Jahr 2020, die in der kommenden Woche fortgesetzt wird.