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Dienstag, 25.04.2017

„Ich habe nun öfter das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun“

Ex-Gefängnis-Chef Thomas Galli schreibt in seinem neuen Buch über gefährliche Häftlinge – und sitzt nun an seinem ersten Krimi.

Thomas Galli, geboren 1973, leitete 2013 bis 2015 die JVA Zeithain und arbeitet jetzt als Rechtsanwalt in seiner Geburtsstadt Augsburg.
Thomas Galli, geboren 1973, leitete 2013 bis 2015 die JVA Zeithain und arbeitet jetzt als Rechtsanwalt in seiner Geburtsstadt Augsburg.

© privat

Zeithain/Augsburg. Nach der Schuld im ersten Buch geht es in Ihrem zweiten Buch nun um die Gefahr, die von Tätern ausgehen kann? Hatten Sie während ihrer Justiz-Laufbahn Angst?

Ich selbst geriet nur einmal persönlich in Gefahr. Die Russenmafia im bayerischen Vollzug, die auch im Buch thematisiert wird, hat uns Führungskräfte unter Druck gesetzt und dabei auch unsere privaten Adressen, Familienmitglieder und so weiter ausfindig gemacht. Wir bekamen dann unter anderem eine Schießausbildung und durften eine Waffe tragen, tatsächlich passiert ist aber nichts. Diese Erfahrung hat mir aber noch einmal bewusst gemacht, welchen Herausforderungen diejenigen gegenüberstehen, die tagtäglich unmittelbar mit den Aggressionen und negativen Emotionen Anderer konfrontiert sind, sei es als Vollzugsbeamte im Strafvollzug, Polizisten, Mitarbeiter im Jobcenter, Sozialhelfer oder anderswo. Das ist etwas ganz anderes, als am Schreibtisch irgendwelche Entscheidungen zu treffen, die andere „ausbaden“ müssen.

Trotzdem meinten Sie, als Sie zuletzt mit einem Fernsehtermin vor den Toren der JVA Zeithain standen, Sie würden all die 400 Gefangenen freilassen. Sie schlagen stattdessen zum Beispiel elektronische Fußfesseln oder eine Art Gefängnisinsel vor. Ist das realistisch?

Ich denke schon, dass kleine und langsame Fortschritte auch in dem sicher hoch emotional besetzten Umgang mit Straffälligen möglich sind. Ich bin zum Beispiel dem ehemaligen sächsischen Justizminister Mackenroth sehr dankbar, dass er mir in einer Fernsehdiskussion zumindest insoweit recht gegeben hat, als dass viel zu viele Menschen in Gefängnissen säßen. Schwarzfahrer zum Beispiel müssten nun wirklich nicht für teures Geld ins Gefängnis. Auch habe ich in allen Gesprächen zu dem Thema mit Politik, Medien, Fachleuten und Bürgern große Übereinstimmung dazu festgestellt, dass das Gefängnis jedenfalls kein geeigneter Ort ist, wenn man Menschen resozialisieren und in die Gesellschaft integrieren will. Ich denke, diese Erkenntnis wird sich langfristig auch in Taten umsetzen. Es wird die große Aufgabe der Justizpolitik in den nächsten Jahren sein, die Rahmenbedingungen des Strafens so zu verändern, dass die Allgemeinheit tatsächlich davon profitiert.

Wie real sind die Geschichten in Ihrem Buch?

Ich habe mich an tatsächlichen Personen und Geschehnissen orientiert, wobei die Geschichten im Buch meist aus mehreren realen Geschichten zusammengesetzt sind und Details verändert worden sind. Wenn es um das Gefühlsleben der Akteure geht, weiß ich vieles aus Gesprächen, Gutachten oder Aktenvermerken. Ich selbst habe beim Schreiben immer eine ganz reale Person vor Augen, wie sie aussieht, wie sie spricht, und was sie getan hat. Den Sicherungsverwahrten Ulf etwa gibt es tatsächlich, er heißt natürlich anders.

Seit Sie Ihren Job als Gefängnisdirektor in Zeithain aufgegeben haben, arbeiten Sie als Rechtsanwalt. Sind Sie jetzt tatsächlich zufriedener mit Ihrer Arbeit?

Ja, ich habe nun öfter das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, und bin mein eigener Herr. Meine Familie und ich haben Sachsen jedoch sehr schätzen gelernt, ich möchte daher perspektivisch auch in Dresden eine Niederlassung meiner Kanzlei aufbauen.

Mittlerweile werden Sie „Erfolgsautor“ genannt. Wird es weitere Bücher von Ihnen geben?

Das Format ist sehr erfolgreich, sodass es da sicher noch Fortsetzungen geben wird. Vorrangig möchte ich aber in diesem Jahr einen Kriminalroman fertigstellen, an dem ich schon seit Längerem sitze, und der – wie sollte es anders sein – im Gefängnis spielt. Im nächsten Jahr dann wird ein Buch erscheinen, das sich damit befasst, wie das Thema „Abschaffung der Gefängnisse“ im – öffentlichen – Diskurs aufgenommen und verarbeitet worden ist. Neben Einblicken in die Welt von Talkshows und Medien – Wie geht es bei Stern TV hinter den Kulissen zu? – und teils skurrilen Erlebnissen rund um Lesungen und so weiter geht es dabei auch um die aktuelle Frage, wie sich Fakten überhaupt ihren Weg ins öffentliche Bewusstsein verschaffen und was sie dort bewirken.

Das Gespräch führte Antje Steglich.

„Die Gefährlichkeit des Täters“ erschien im Februar 2017 im Verlag Das Neue Berlin.