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Montag, 29.02.2016

„Ich habe meine Kinder getötet“

Ein Mädchen und ein Junge sterben bei einem Unfall auf der B 6 bei Fischbach. Jetzt steht ihr Vater wegen Mordes in Görlitz vor Gericht.

Von Jana Ulbrich

Prozess nach schwerem Unfall

Shaip B. wurde am Montag in Handschellen in den Gerichtssaal gebracht.
Shaip B. wurde am Montag in Handschellen in den Gerichtssaal gebracht.

© Danilo Dittrich

Es ist Sonntag- Nachmittag, der 27. September 2015. Ein Vater lädt seine beiden Kinder zu McDonald’s ein. Der kleine Ramush, fünf Jahre alt, und seine vierjährige Schwester Laura sind glücklich. Sie schlagen sich die Bäuche voll, sie spielen, toben, haben Spaß. Sie können ja nicht ahnen, was nur wenig später geschehen wird. Shaip B. weiß es schon. Er hat in der Wohnung einen Abschiedsbrief hinterlassen. Es soll ein Abschiedsessen sein hier bei McDonald’s in Dresden. Er hat es so geplant, wird der 47-Jährige später den Ärzten im Krankenhaus und den Polizisten bei der Vernehmung sagen. Er setzt seine Kinder ins Auto, schnallt sie ordentlich in ihren Kindersitzen fest, den Sohn auf dem Beifahrersitz, die Tochter hinten rechts. Er fährt von Dresden aus auf die B 6 in Richtung Bischofswerda. Er weiß, dass es dort viele Straßenbäume gibt. Zwischen Rossendorf und Fischbach trifft er die verheerende Entscheidung: Jetzt!

Prozess nach schwerem Unfall

Auf gerader Strecke gibt er Vollgas, beschleunigt seinen 218-PS starken BMW X5 auf 150, vielleicht sogar 170 km/h und steuert geradewegs auf die Bäume am rechten Straßenrand zu. Gegen zwei Bäume prallt das Fahrzeug nacheinander. Übrig bleibt ein Trümmerfeld, die Teile liegen über 100 Meter weit verstreut. Die gesamte rechte Seite des Fahrzeugs wird weggerissen. Ramush und Laura haben keine Chance. Die Kinder erleiden schwerste Verletzungen. Sie sind beide sofort tot. Ihr Vater kommt wie durch ein Wunder mit einer Platzwunde am Kopf, zwei gebrochenen Rippen und ein paar Schürfwunden davon. Das allerdings hatte er nicht geplant.

Jetzt sitzt der 47-Jährige auf der Anklagebank vor dem Görlitzer Landgericht, zusammengesunken, blass, in grauer Gefängniskleidung. Ein hagerer, gebrochener Mann mit starren Gesichtszügen. Seit der Tat sitzt er in Untersuchungshaft. Oberstaatsanwältin Kerstin Nowotny wirft ihm zweifachen Mord vor. Er habe heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen gehandelt, ist sie überzeugt.

Shaip B. sitzt schweigend. Als ein Gutachter im Gerichtssaal die grausamen Bilder vom Unfall zeigt, verkrampfen sich seine Züge, als ob er Schmerzen hätte. „Ja, es stimmt, dass ich meine beiden Kinder getötet habe“, so hat er es in die Erklärung geschrieben, die sein Verteidiger, Michael Sturm, zu Beginn der Verhandlung verliest. „Aber ich war in einem Zustand der Verwirrung. Ich war nicht ich.“ Er habe sich selbst töten und die Kinder mitnehmen wollen, lässt er erklären. Und dass es ihm unendlich leid tue.

Der gewaltsame Tod der beiden Kinder ist das tragische Ende eines Familiendramas, das sich schon länger abgezeichnet hatte. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt davon, dass Shaip B. seine Kinder umgebracht hat, um seine Frau zu bestrafen. Schon länger sei die Ehe in einer schweren Krise gewesen. Einige Tage vor jenem verhängnisvollen Sonntagnachmittag hatte sich Madlen B. endgültig von ihrem Mann getrennt und war mit den Kindern in ein Frauenhaus gezogen. Jeglichen Kontakt hatte die Dresdnerin abgelehnt. Aber sie hatte mit ihm vereinbart, dass er die Kinder an diesem Wochenende zu sich nehmen könnte. Madlen B. tritt im Prozess als Nebenklägerin auf. Sie selbst ist am ersten Verhandlungstag nicht anwesend. „Sie verkraftet das alles nur schwer“, sagt ihr Anwalt Hansjörg Elbs. „Es geht ihr den Umständen entsprechend sehr schlecht.“

Auch Shaip B. selbst hat in den Vernehmungen und Gesprächen mit Ärzten und Gutachtern zugegeben, dass es ihm vor allem um eine Strafe für die aus seiner Sicht abtrünnige Frau gegangen sei. Eine Ehefrau tut so etwas nicht, heißt seine Überzeugung. Sie darf ihren Mann nicht verlassen und ihre Familie zerstören.

Vielleicht hängt diese Einstellung mit der Mentalität des Angeklagten zusammen. Shaip B. lebt zwar schon seit Anfang der 1990er Jahre in Deutschland und ist seit über 20 Jahren mit der Dresdnerin verheiratet, er stammt aber aus dem Kosovo. Er sehe die Kinder lieber bei Gott, als bei dieser Frau, die nun lebenslang leiden soll, hat er in späteren Gesprächen erklärt.

Im Gerichtssaal schweigt der Angeklagte. Sein Verteidiger hält den Mordvorwurf nicht für begründet. Michael Sturm will auf Totschlag im minderschweren Fall plädieren. Sein Mandant habe sich in einem emotionalen Ausnahmezustand befunden, erklärt er. Er habe auch die Absicht gehabt, sich selbst zu töten, einen erweiterten Suizid zu begehen. Das bestätigen auch die Zeugen, die am ersten Verhandlungstag gehört werden. „Lasst mich sterben“, habe B. am Unfallort gerufen und immer wieder den Kopf auf die Straße geschlagen. Es sei „sehr dumm“ von ihm gewesen, dass er selbst im Auto angeschnallt war, sagt er in den Vernehmungen.

Am Mittwoch wird die Verhandlung am Görlitzer Landgericht fortgesetzt. Dann soll auch Madlen B. als Zeugin gehört werden. Das Urteil wird nächste Woche erwartet. Auf Mord steht lebenslange Haft.