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Freitag, 08.12.2017

Hüterin der verlorenen Sachen

Auf dem Dachboden der Stadtverwaltung sind Fundstücke verstaut. Vom Weihnachtsmarkt wird einiges aufgesammelt. Auch Tiere bringen Bürger ins Radebeuler Fundbüro.

Von Beate Erler

Veronika Scheibler hat den Überblick über die Fundsachen in Radebeul. Darunter ist ein Kindersitz, der vergeblich auf seine Besitzer wartet. Für gefundene Fahrräder gibt es bei der Stadtverwaltung einen extra Kellerraum.
Veronika Scheibler hat den Überblick über die Fundsachen in Radebeul. Darunter ist ein Kindersitz, der vergeblich auf seine Besitzer wartet. Für gefundene Fahrräder gibt es bei der Stadtverwaltung einen extra Kellerraum.

© André Wirsig

Wer wissen will, was in Radebeul so alles verloren geht, der muss nur einen Blick auf die Internetseite der Stadtverwaltung werfen. Dort gibt es eine Liste mit Gegenständen, die in den letzten Monaten verlustig gegangen sind. Vor allem auf ihre Schlüssel müssen die Radebeuler demnach besser aufpassen. Von den 15 Eintragungen in der Liste sind allein sieben Schlüssel, Autoschlüssel und Schlüsselbunde abgegeben worden.

Anfang September lag einer auf dem Grünstreifen gegenüber vom Teehaus, Ende September einer am Wasserturm, einer fürs Auto auf den Obstwiesen in Kötzschenbroda. Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, kann überall zum Finder werden. An der Hauptstraße, an den Elbhängen und im Elbtal.

„Verlierer“ nennt Veronika Scheibler die Personen, die einen Gegenstand vermissen. Sie ist seit fünf Jahren im Amt für Ordnung und Sicherheit für das Fundbüro zuständig. „Bei uns werden im Jahr nur um die 100 Sachen abgegeben“, sagt sie. Das ist eine ganz andere Dimension als in Dresden, wo es jährlich 12 000 Fundsachen sind.

Auf dem Dachboden in Radebeuls Stadtverwaltung sieht es da übersichtlicher aus. In einem schmalen Regal finden sich ein Fahrradhelm, eine alte Tasche mit Werkzeug, ein rotes Shirt, zwei Schirme baumeln am Regal. Jeder Gegenstand ist mit einem Schild versehen, auf dem das Funddatum und die Aufbewahrungsfrist stehen. „Die Fundstücke müssen ein halbes Jahr hier bleiben“, sagt Scheibler. Nach der Frist kann sie mit den Sachen machen, was sie für richtig hält, sagt sie. Einen Kinderwagen hat sie einer Flüchtlingsfamilie übergeben, Kleidungsstücke gehen in die Kleiderspende.

Die Fundsachen gelangen auf unterschiedlichen Wegen zu ihr. Eigentlich müssen sie persönlich im Fundbüro abgegeben und registriert werden. Funddatum, Registrierungsnummer, Fundort und eine Beschreibung werden in das elektronische Fundbuch eingetippt. Ist eine Zeile in der Liste rot markiert, hat Veronika Scheibler wieder einen „Verlierer“ glücklich gemacht. Der Gegenstand wurde abgeholt.

Eine gelbe Markierung bedeutet, dass ein Fundstück erst einmal beim Finder bleibt. Das passiert häufig bei Fahrrädern, die plötzlich auf einem Grundstück stehen. Wenn sich in der Frist von sechs Monaten niemand meldet, darf der Finder das Rad behalten. Oft werfen die Leute gefundene Schlüssel und andere Kleinigkeiten in den Briefkasten der Stadtverwaltung. Kürzlich hat jemand eine graue Geldbörse an der Hauptstraße gefunden und beim Einwohnermeldeamt abgegeben. Auch von dort gelangt es in das Fundbüro zu Veronika Scheibler. Den Besitzer hat sie schon angeschrieben. Bisher hat er sich noch nicht gemeldet.

Mit den Schlüsseln ist alles etwas komplizierter. Die liegen eingetütet und in einer Plastikbox in ihrem Blickfeld. Besondere Vorsicht ist geboten: Bevor sie den Besitzer wechseln, muss ein Ersatzschlüssel vorgezeigt und kontrolliert werden, ob dieser identisch ist. Bei Autoschlüsseln lässt sie sich zeigen, ob der Schlüssel das Auto auch wirklich öffnet.

Zum Weihnachtsmarkt in Radebeul rechnet sie wieder mit einer Zunahme an Fundsachen. „Auf Festen verlieren die Besucher häufig Gegenstände“, sagt sie. Auch einige skurrile Dinge stehen in ihrem Fundbuch. So zum Beispiel die Tasche mit dem Werkzeug, die nach einem Einbruch von der Staatsanwaltschaft sichergestellt wurde. Oder ein verletzter Schwan, den ein Spaziergänger bemerkt und gemeldet hatte. Dabei sind Tiere keine Seltenheit im Fundbüro. Allein in diesem Jahr wurden 16 Hunde und Katzen abgegeben. Vor wenigen Tagen kam ein Mann, der eine kleine getigerte Katze gefunden hatte. Die Tiere werden dann in die Obhut der Tierpension Niederau gebracht. Es gibt wohl selten ein Amt, das die Menschen so glücklich macht wie das städtische Fundbüro: „Die Menschen sind sehr froh und dankbar, wenn sie hier finden, was sie verloren haben“, sagt Veronika Scheibler.

Info: Fundbüro Radebeul, Pestalozzistraße 4, Veronika Scheibler, 0351 8311716