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Sonntag, 01.10.2017

Hohn und Spott für „Erichs Krönung“

Vor 40 Jahren versuchten die DDR-Oberen, den Bürgern das Kaffeetrinken abzugewöhnen. Vom neu erdachten „Kaffee-Mix“ wandten sich die meisten aber mit Grausen ab.

Von Gudrun Janicke

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Eine Packung „Kaffee-Mix“ aus den 1970er Jahren: Der DDR-Ersatzkaffee lag wie Blei in den Regalen von HO und Konsum.
Eine Packung „Kaffee-Mix“ aus den 1970er Jahren: Der DDR-Ersatzkaffee lag wie Blei in den Regalen von HO und Konsum.

© dpa

Potsdam/Halle. Die Farbe des Getränks hatte vielleicht noch Ähnlichkeit mit Kaffee, doch dann war Schluss mit den Gemeinsamkeiten. Vor 40 Jahren versuchten die DDR-Oberen, den Bürgern das Kaffeetrinken abzugewöhnen - die Bohnen waren auf dem Weltmarkt zu teuer geworden. Aber schon nach zwei Jahren wurde der „Feldversuch“ abgeblasen und die silbernen Tüten verschwanden aus den Geschäften. Über „Kaffee-Mix“ hatten die Menschen zwischen Ostsee und Thüringer Wald mit der Tasse abgestimmt.

Heute ist das Produkt fast ein Mysterium. Nur der Ü50-Generation ehemaliger DDR-Bürger, die Ende der 1970er Jahre schon alt genug für Kaffee war, sagt es noch etwas. Schnell erzählen sie dann Schauergeschichten über den Geschmack. Selbst Auktionshäuser im Internet haben keine „Keller- oder Dachbodenfunde“ aus alten Zeiten im Angebot. Zum Tag des Kaffees am 1. Oktober ist jedoch Gelegenheit, daran zu erinnern.

„51 Prozent Bohnenkaffee, Getreidekörner und Hülsenfrüchte wie Erbsen, alles geröstet und gemahlen“, lüftet der Hallenser Georg Jarczewski ein wenig die Zusammensetzung. Der 80-Jährige war einst stellvertretender Direktor Wissenschaft und Forschung im DDR-Kombinat VENAG, in dessen Hallenser Betrieb „Kaffee-Mix“ produziert wurde. Das Originalrezept stammte aus dem damaligen Potsdamer Institut für Getreidewirtschaft. Mit der Wende gingen die Unterlagen jedoch verloren, das Unternehmen in Halle existiert nicht mehr.

Jarczewski musste damals täglich im Betrieb den Geschmack von „Kaffee-Mix“ testen - nach seiner Erinnerung war der gar nicht so schlecht. „Natürlich kein Vergleich mit echtem Bohnenkaffee“, räumt er ein. „Die Reklamationen der Kunden nahmen aber überhand. Unsere Mitarbeiter konnten sich das nicht mehr anhören“, erzählt Jarczewski, der sich heute mit der Geschichte des heimischen Betriebes beschäftigt.

Es hagelte wütende Proteste und Eingaben an staatliche Stellen. „Er schmeckt wie Halb und Halb“, hieß es. Die Erklärung wurde gleich mitgeliefert: halb Sommer-, halb Wintergerste. Das klang noch harmlos. Böser war schon der Spruch: „Die Pille ist nun abgeschafft, Kaffee-Mix hat die gleiche Kraft“. Schnell kam auch ein Spitzname auf: „Erichs Krönung“ - in Abwandlung einer aus dem Westen bekannten Marke.

Hintergrund: Die Preise für Kaffeebohnen auf dem Weltmarkt waren 1977 explodiert, teure Devisen wollten die sozialistischen Wirtschaftslenker aber nicht für dieses Genussmittel ausgeben. Also galt das Motto: möglichst wenige Bohnen für viel Kaffee, schreibt die Publizistin Monika Siegmund in ihrem Buch „Genuss als Politikum. Kaffeekonsum in beiden deutschen Staaten“. Kaffee kostete damals zwischen 7,50 und 10 DDR-Mark pro 125 Gramm. Trotz des niedrigen Preises von 4 DDR-Mark für die gleiche Menge „Kaffee-Mix“ ließen sich die DDR-Bürger davon nicht überzeugen.

Brühe, die Kaffeemaschinen verstopfte

Das von vielen nur als „Gesöff“ bezeichnete Getränk hatte aber nicht nur einen merkwürdigen Geschmack. Kaffeemaschinen in Restaurants und Betriebskantinen versagten den Dienst, wenn der laut Werbung „filterfertig gemahlene Misch-Kaffee“ eingefüllt wurde. Die Bestandteile quollen auf und verstopften die feinen Düsen. Servierkräfte beklagten sich über die Brühe, die nicht aus der Maschine kommen wollte.

Selbst Mächtige im Staat - vermutlich passionierte Kaffeetrinker - zweifelten recht bald, ob das Getränk beim Volk überdurchzusetzen war, wie Siegmund schreibt. Ganz pragmatisch planten sie Hilfe aus dem Westen in Gestalt von Kaffeepäckchen für Ost-Verwandte ein, um des Mangels Herr zu werden.

Nach zwei Jahren war der Spuk vorbei: Der DDR-Ersatzkaffee verschwand aus den Regalen von HO und Konsum, wo er wie Blei gelegen hatte. Weder Preissenkungen noch eine neue Rezeptur konnten den Verkauf ankurbeln. Als die Kaffeepreise auf dem Weltmarkt sanken, sorgte die DDR-Führung vor. So wurden Verträge zur Kaffeeproduktion ausgehandelt, unter anderem mit Angola.

Von den einstigen DDR-Kaffeeproduzenten arbeitet heute nur noch die 1908 gegründete Firma röstfein aus Magdeburg. Sie hat Sorten im Programm, die nach wie vor zu DDR-Zeiten bekannte Namen wie „Mona“, „Mocca fix gold“ und „Rondo“ tragen. (dpa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 4 Kommentare

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  1. Peter

    Mir ist noch einer in Erinnerung geblieben: "Soll ein Völkerstamm verenden, mußt Du Kaffee Mix anwenden!" - Hat ja letztendlich auch geklappt. Nur anders.

  2. Andreas

    Ich denke mal was heute aus irgendwelchen PET oder Alukapseln gepresst wird hat auch nichts mit 100 % Bohnenkaffe zu tun.Warum denn immer alles so schlecht reden?

  3. RH

    Früher war es nur der Kaffee von dem man sich abwendete. Heute ist es viel mehr. Damals hat man mache Fehler eingesehen und heute nicht. Aus Wendehälsen wurden Betonköpfe.

  4. Berg

    Ich bin auch froh darüber, dass wir nun endlich zu dem System hinzugekommen sind, das die Kaffee produzierenden Läder so richtig ausbeutet, die Preise nach unten drückt, die Kaffeebauern mit Niedrigstlohn abspeist und uns hier billigsten feinsten Kaffeegenuss ermöglicht. Das ist mir mehr wert als alle Zaghaftigkeit der alten DDR im Ungang mit den Kaffeeplantagen der Welt. (Ironie aus)

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