erweiterte Suche
Montag, 22.02.2016

Hör mal, wie das riecht

Der Förster Peter Wohlleben löst mit seinem Waldbuch einen neuen Trend aus.

Von Jens Albes

Von Förster Peter Wohlleben sind weitere Bücher zu erwarten.
Von Förster Peter Wohlleben sind weitere Bücher zu erwarten.

© dpa

Peter Wohlleben ist fast zwei Meter groß und stapft durch den jahrhundertealten Buchenwald der Eifelgemeinde Hümmel. Schon oft hat er hier in Rheinland-Pfalz Besuchern die Baumriesen gezeigt. Irgendwann dachte er sich: Warum nicht auch ein Buch schreiben über den Wald, diesen Sehnsuchtsort vieler Menschen?

Etliche Verlage trafen aus heutiger Sicht eine Fehlentscheidung, als sie Wohllebens Manuskript ablehnten. Als dann doch im Vorjahr „Das geheime Leben der Bäume“ erschien, rückte es schnell an die Spitze der Bestsellerlisten. Kein anderes Sachbuch verkaufte sich häufiger, und auch jetzt besetzt der Band immer noch einen vorderen Platz. „Mit diesem Erfolg habe ich nie gerechnet“, sagt der 51-jährige Autor. Nun soll das Buch auch in 25 anderen Ländern erscheinen, in Kanada, Brasilien, Australien, China und den USA zum Beispiel. „Ich schaue gerade die englische Übersetzung durch.“

Das weltweite Interesse zeige, dass die These nicht stimme, das Buch sei nur wegen der tief verwurzelten romantischen Waldsehnsucht der Deutschen so erfolgreich. „Es ist wohl eher der Aha-Effekt: Wow, was Bäume alles können – und das aus der Praxis einfach erklärt und trotzdem wissenschaftlich belegt“, vermutet Waldmann Wohlleben.

Tatsächlich verweist er auf forstwissenschaftliche Studien. Doch er schildert komplexe Zusammenhänge oft ziemlich vermenschlichend. Bei ihm können Bäume staubsaugen und haben einander lieb. Und er mahnt: „Wer weiß, dass Bäume Schmerz empfinden und ein Gedächtnis haben und dass Baumeltern mit ihren Kindern zusammenleben, der kann sie nicht mehr so einfach fällen und mit Großmaschinen zwischen ihnen herumwüten.“ Er selbst setze auf traditionelle Rückepferde, die gefällte Stämme bodenschonend zu den Forstwegen zögen.

Wohlleben behauptet auch, dass sich Bäume über Pilznetzwerke verständigen können. Andere sendeten bei Insektenbefall chemische Duftsignale aus, „und alle Bäume in weitem Umkreis, die diese Botschaft empfangen, wappnen sich, indem sie innerhalb von Minuten spezielle Bitterstoffe einlagern, die die Insekten vergraulen“. Wohlleben beschreibt die Nachrichtenübermittlung zwischen Bäumen als eine Art „Wood-Wide-Web“ und leiht sich das Wort aus dem Tharandter Forstinstitut; mit Quellen nimmt er es nicht so genau.

„Das geheime Leben der Bäume“ wurde inzwischen mehr als 150 000 Mal verkauft. Das Branchenmagazin „Buchreport“ sieht darin den Auslöser für einen neuen Trend. Zahlreiche weitere Verlage setzen inzwischen ebenfalls auf das Thema Wald. Es gibt viel zu lesen über wilde Wälder, Waldspaziergänge und den deutschen Wald als solchen, über alte Eichen und das Licht dazwischen. Wohlleben selbst schiebt jetzt ein Buch nach dem anderen nach. Der Gemeindeförster war fleißig. Neben seiner Arbeit schreibt er über glückliche Hühner und liebende Ziegen, und er kümmert sich auch um das Seelenleben der Waldtiere. Denn nicht nur Bäume kennen den Schmerz.

Waldexperten beurteilen Wohllebens Geschichten mit durchaus gemischten Gefühlen. Naturschutzverbände freuen sich über seinen Bucherfolg. Auch die rheinland-pfälzische Forstministerin Ulrike Höfken von den Grünen lobt, „dass er mit seinem emotionalen Zugang das Ökosystem Wald und seine vielfältigen Funktionen einem breiten Publikum vermittelt“. Manche fachliche Ausführungen würden jedoch kritisch gesehen. Der Präsident der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände, Philipp zu Guttenberg, freut sich zwar über die „großen Sympathien für Wald und Bäume“. Dennoch sei Wohllebens Herangehensweise bedenklich, „da er den Wald esoterisch verklärt und einseitig betrachtet“. (dpa/SZ)

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Ihr Kommentar zum Artikel

    Bitte füllen Sie alle Felder aus.

    Verbleibende Zeichen: 1000
    Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein