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Freitag, 07.11.2014

Höhentraining am Brett

Seit einem Jahr ist der Norweger Magnus Carlsen Weltmeister im Schach. Jetzt fordert der Inder Viswanathan Anand Revanche.

Von Sigrid Harms

Magnus Carlsen ist fit.
Magnus Carlsen ist fit.

© dpa

Magnus Carlsen verblüffte wieder einmal alle. Wochenlang bereitete sich der jüngste Schach-Weltmeister der Geschichte in den Alpen auf seine Titelverteidigung in Sotschi vor und ging dabei sogar bis auf 3.000 Meter. „Wie die Langläufer setze ich auf Höhentraining“, sagte der Norweger vor seiner Abreise in die Olympia-Stadt zur Revanche gegen den Inder Viswanathan Anand. Morgen beginnt der Konzentrationsmarathon an der russischen Schwarzmeerküste. Das Duell ist für drei Wochen angesetzt.

„Irgendwie ist es ein bisschen surreal“, sagte Carlsen auf die Frage, was er darüber denkt, schon wieder gegen Anand antreten zu müssen. Erst vor einem Jahr hatte er den Inder in einem nervenaufreibenden Turnier entthront. Jetzt will es Anand, der „Tiger von Madras“, noch einmal wissen.

Bei seiner Ankunft in Sotschi gab sich Carlsen am Dienstag gelassen. „Ich sehe mich als Favorit, wenn ich gut spiele“, erklärte der Titelverteidiger. Aber es ist sinnlos, so zu spielen, wie ich es bei den letzten paar Turnieren getan habe. Dieses Turnier hat sein eigenes Leben.“ Und genau deshalb hat er das Höhentrainingslager in den Alpen gebraucht. Carlsen ist ein begeisterter Skifahrer, Fußballer und bewegt seinen muskulösen Körper einfach gern.

Vor dem Computer zu sitzen und Eröffnungsvarianten durchzuspielen, ist überhaupt nicht sein Ding. „Wenn man zu viel vor dem Rechner sitzt, wird man schnell depressiv und verliert seine Kreativität“, lautet seine Erklärung. Dass der Weltmeister so wenig trainiert, verwundert auch seine Gegner. „Für mich ist das ein Mysterium, wie Magnus das macht“, sagte der Weltranglistenzweite Fabiano Caruana. Der Italiener schiebt selbst mehrere Stunden am Tag die Bauern, Springer und Türme übers Brett. Auch Schach-Legende Garri Kasparow, der Carlsen 2009 trainierte, wünschte, sein Zögling würde mehr üben: „Magnus könnte viel besser sein.“

Carlsen kann solche Kommentare nur weglachen. „Man trainiert Schach, in dem man die ganze Zeit an Schach denkt“, sagte er. „Und das mache ich.“ Einem Reporter gestand er mal, dass er während des Interviews eigentlich die ganze Zeit an ein Spiel gegen Caruana gedacht habe.

Trotz des permanenten mentalen Trainings war das erste Jahr als Weltmeister für den jungen Mann aus Bærum bei Oslo kein reiner Erfolgslauf. Zwar wurde er im Juni auch noch Weltmeister im Blitzschach und im Schnellschach, bei der Schach-Olympiade im norwegischen Tromsö im August lief es aber nicht so gut. Nach 62 Zügen musste sich Carlsen dem Dortmunder Großmeister Arkadij Naiditsch geschlagen geben. Verstört verließ er den Raum. Ein paar Tage später verlor er gegen den Kroaten Ivan Saric. „Ich bin nicht sehr zufrieden mit meinem Einsatz“, räumte Carlsen ein.

In seiner Heimat ist er trotzdem weiter ein Held. Das norwegische Fernsehen überträgt alle Partien live, auch wenn sie noch so lange dauern. Carlsen selbst ist der Rummel um seine Person unangenehm. (dpa)

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