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Donnerstag, 01.03.2012

Helgoland seit 60 Jahren wieder deutsch - Hochseeinsel feiert

Festtag auf Helgoland: Vor genau 60 Jahren gaben die Briten die Hochseeinsel an Deutschland zurück. Das Jubiläum feierten die Helgoländer mit einem bunten Programm.

Helgoland. Mit einem Fischkutter fährt eine Gruppe Handwerker am 1. März 1952 bei hartem Nordostwind nach Helgoland. Es ist der Tag, an dem die Briten die verwüstete Hochseeinsel an die Deutschen zurückgeben.

Zum Wiederaufbau-Team gehört der damals 20-jährige Paul Artur Friedrichs. Sieben Jahre lang hat er fern seiner Heimat Helgoland gelebt. Das Bild, das sich ihm bietet, übertrifft seine schlimmsten Erwartungen: „Die gesamte Südspitze war weggesprengt. Überall gab es Bombentrichter und Trümmer - es war schockierend“, sagt der heute 80-Jährige. Den 60. Jahrestag will Helgoland an diesem Donnerstag groß feiern.

„Mit den Feierlichkeiten wird eine Brücke geschlagen zwischen der großartigen Aufbauleistung, die nach der Wiederfreigabe in Gang gesetzt wurde, und den aktuellen Herausforderungen der Insel Helgoland“, sagt Tourismusdirektor Klaus Furtmeier.

"Gewaltlose Invasion" durch Studenten

Eingeladen ist auch René Leudesdorff. Der inzwischen 84-Jährige setzte am 20. Dezember 1950 mit seinem Heidelberger Kommilitonen Georg von Hatzfeld heimlich nach Helgoland über, das damals noch militärisches Übungsgebiet der Briten war. „Es sollte eine gewaltlose Invasion sein“, sagt Leudesdorff, der heute in Flensburg lebt. „Es war eine politische und zugleich symbolische Handlung.“ Und es hat funktioniert.

Die britische Regierung geriet unter Druck, es kam wieder zu Verhandlungen über die Freigabe der Insel. Die beiden Studenten hätten mit ihrer Aktion Bewegung in die umstrittene Helgoland-Frage gebracht, erklärt Oliver Auge, Professor für Regionalgeschichte an der Universität Kiel.

Am 1. März 1952 gehörte Helgoland wieder zu Deutschland. „Es war ein Freudenfest“, berichtet Olaf Ohlsen, der als Vertreter der Helgoländer Jugend auf der Insel dabei war.

Umstritten seit Napoleon

Deutschlands einzige Hochseeinsel sorgte in der Vergangenheit immer wieder für Auseinandersetzungen, wenn es um die Macht im Nordseeraum ging. „Zum Zankapfel zwischen den Nationen entwickelte sich das kleine Helgoland schon im Zuge der Napoleonischen Kriege“, sagt Historiker Auge. 1890 übergaben die Briten Helgoland an das Deutsche Reich und erhielten dafür Teile Ostafrikas, die bislang unter deutscher Kolonialherrschaft standen.

Im Zweiten Weltkrieg wollten die Nationalsozialisten durch Aufspülungen und Betonbauten einen riesigen Marinehafen als Flottenstützpunkt errichten, der im Notfall einen Großteil der Reichskriegsflotte aufnehmen sollte. Bombenangriffe machen die Insel unbewohnbar. Die mehr als 2.000 „Halunder“ - so nennen die Helgoländer sich selbst - mussten ihre Heimat verlassen.

"Sehr, sehr harte Jahre"

Auch die Familie von Friedrichs war gezwungen, sich ein neues Zuhause zu suchen. Nach mehreren Stationen kamen sie schließlich in Hörnum auf Sylt unter. „Für meine Eltern war das wie für alle Helgoländer eine Katastrophe“, erinnert sich Friedrichs. Sie hatten alles verloren, mussten wieder von vorn anfangen. „Das waren sehr, sehr harte Jahre.“

Sieben Jahre lang nutzten die Briten Helgoland als Bomben-Trainingsgelände. Am 18. April 1947 wollten sie mit 6.700 Tonnen Munition alle militärischen Anlagen sprengen. Bei diesem „Big Bang“ entstand ein riesiger Krater, der das heutige Mittelland an der Südspitze der Insel bildet. „Als Helgoland 1952 freigegeben wurde, war das eine Mondlandschaft“, meint Olaf Ohlsen.

Aus Mondlandschaft wurde Einkaufsparadies

Doch die „Halunder“ ließen sich nicht unterkriegen. Gemeinsam mit anderen Handwerkern lebte der junge Tischler Friedrichs vor 60 Jahren unter schwierigsten Bedingungen im Keller einer Hausruine. Sie arbeiteten zum Teil bei Minustemperaturen und Schneefall am Wiederaufbau der Insel.

Die Helgoländer Familien kehrten zurück, die Hochseeinsel wurde wieder beliebtes Touristenziel und zollfreies Einkaufsparadies. Der Zusammenhalt sei in den Aufbau-Jahren sehr groß gewesen, erzählt Ohlsen. „Die Helgoländer sind stolz auf das, was alles geschafft wurde.“

Sternfahrt auf Helgoland abgesagt

Leider hatten die Feiernden Pech mit dem Wetter: Wegen dichten Nebels musste eine Sternfahrt von 13 Schiffen abgesagt werden. Mehrere Eingeladene reisten nicht an, weil keine Flugzeuge abheben konnten.

Begonnen hatte das Fest am Mittag mit einem Empfang im Rathaus. „Die friedliche Wiedereroberung war ein hartes Stück Arbeit“, sagte Bürgermeister Jörg Singer. Bei dem Fest wollten die Helgoländer aber nicht nur zurückschauen, sondern auch Zukunftsfragen diskutieren.

Wind statt Whisky

Deutschlands einzige Hochseeinsel war jahrzehntelang als „Fuselfelsen“ verpönt, weil Touristen dort in großen Mengen zollfrei alkoholische Getränke einkauften. Mit der Einschränkung der Zollfreiheit gingen die Besucherzahlen stark zurück.

„Wir brauche Visionskraft“, betonte Singer. Als große Chance für Helgoland bezeichnete Wirtschaftsminister de Jager die Windenergie: „Eine großartige Zukunft liegt im Offshore-Geschäft“, erklärte er. Doch auch Investitionen in die touristische Infrastruktur dürften nicht vernachlässigt werden. (dpa)