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Donnerstag, 24.08.2017

Helfende Nachbarn gesucht

In der Pflege setzt der Landkreis Görlitz verstärkt auf die Unterstützung von Ehrenamtlichen. Aber davon gibt es noch zu wenige.

Von Matthias Klaus

Über zwei Drittel der pflegebedürftigen Menschen werden in Deutschland aufopferungsvoll von Angehörigen betreut. Der Kreis setzt zudem auf helfende Nachbarn, will dafür 190 Ehrenamtliche gewinnen.
Über zwei Drittel der pflegebedürftigen Menschen werden in Deutschland aufopferungsvoll von Angehörigen betreut. Der Kreis setzt zudem auf helfende Nachbarn, will dafür 190 Ehrenamtliche gewinnen.

© Eva-Katalin/dpa

Landkreis. Ob wir wollen oder nicht: Wir werden alt. Und wir hier in der Oberlausitz gefühlt schneller als anderswo in Deutschland. Das ist natürlich ein rein subjektiver Eindruck, hervorgerufen vom Wegzug der jungen Menschen aus dem Landkreis. Der ist zwar heute nicht mehr so extrem wie noch vor Jahren, aber immer noch spürbar. Dennoch, Studien, wie beispielsweise die der Bertelsmann-Stiftung, malen zuweilen ein düsteres Bild für unsere Gegend.

Während große Städte wie Dresden in den kommenden Jahren einen Bevölkerungszuwachs erwarten können, sieht die Stiftung schrumpfende Einwohnerzahlen von Niesky über Görlitz, Löbau bis Zittau. In Löbau übrigens um 23 Prozent in den kommenden 15 Jahren, ebenso wie in Ebersbach-Neugersdorf. Gut, ein wenig haben sich die Zahlen inzwischen in den vergangenen Monaten relativiert, nicht zuletzt durch den Zuzug von Migranten. Ob die tatsächlich in der Gegend bleiben – eine ganz andere Frage. Fakt ist: Die Alten bleiben. Die Zahl der über 80-Jährigen in Sachsen steigt bis 2030 auf 367000. Das sind um die 40 Prozent mehr als heute. Im Kreis Görlitz sind es, laut Prognose, immerhin „nur“ 30 Prozent. Menschen, die in Würde altern wollen. Menschen, die Pflege benötigen, wenn es so weit ist. Im Landkreis Görlitz gibt es dafür ein Pflegenetzwerk. Christiane Urban und Matthias Reuter sind im Kreis als Pflegekoordinatoren eingesetzt. Seit Sommer vergangenen Jahres sind sie aktiv, teilen sich eine volle Stelle. Die beiden sollen das Pflegenetzwerk im Landkreis Görlitz am Laufen halten. Das gibt es bereits seit 2009. Die Pflegekoordinatoren halten Kontakt zu den Behörden wie etwa dem Sozialministerium in Dresden, der Stelle für Nachbarschaftshilfe in Chemnitz.

„In der Pflege dürfen wir uns in Zukunft nicht nur mehr auf Profis verlassen“, sagt Matthias Reuter. Das „bürgerschaftliche Engagement“ sei immer stärker gefragt. Ein Beispiel: die Alltagsbegleiter. Sie bekommen eine Aufwandsentschädigung. Bewilligt wird die über die SAB, die Sächsische Aufbaubank. Eine Abstimmung mit dem Landkreis darüber gebe es aber nicht, bemängelte Matthias Reuter jetzt während der jüngsten Sitzung des Gesundheitsausschusses des Kreises. Vielmehr stehe ein bürokratisches Meldeverfahren mit zahlreichen Einschränkungen dem Programm entgegen.

Dennoch, der Kreis hat das Ziel von 180 Alltagsbegleitern erfüllt. „Das Problem: Sobald die Pflegebedürftigkeit festgestellt wurde, endet es“, kritisiert Matthias Reuter. Deshalb schlagen die Pflegekoordinatoren aus dem Kreis Görlitz vor: Auflösung des Programmes und die Gelder lieber in das Vorhaben „Wir für Sachsen“ stecken. Dabei handelt es sich um ein Förderprogramm des Freistaates, mit dem bürgerschaftliches Engagement unterstützt wird. 20 Stunden pro Monat werden damit gefördert.

Etwas anders sieht es mit dem Programm Nachbarschaftshelfer im Landkreis Görlitz aus. Bisher machen zwölf mit. Das Ziel sind 190. „Es gibt eine steigende Nachfrage“, sagt Matthias Reuter. Neue Kurse sind schon geplant, etwa in der DRK-Sozialstation in Eibau. Allein im Juni nahmen 30 potenzielle Helfer an einem Treffen im Mehrgenerationenhaus in Görlitz teil. Das ist gleichzeitig die Koordinierungsstelle für die Nachbarschaftshelfer. In Zukunft soll es im Kreis weiterer dieser Anlaufstellen geben, Gespräche dazu laufen, so Matthias Reuter. „In der Stadt Görlitz funktioniert das Vorhaben“, sagt er. In den kommenden Monaten soll das auch in den früheren Kreisen umgesetzt werden. Ein Kritikpunkt des Pflegekoordinatoren: „Bisher gibt es keine Statistik darüber, wie und ob der Betrag von 125 Euro von den Helfern genutzt wird.“

Für das kommende Jahr haben sich die Pflegekoordinatoren vorgenommen, unter anderem das Projekt Nachbarschaftshelfer verstärkt voranzutreiben, dann mit regionaler Ausbildung und Vermittlung sowie einer Zusatzqualifikation Demenz. Außerdem soll die Pflegeberatung ausgebaut werden – in Abstimmung mit den Kassen und der Landesinitiative Demenz.