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Montag, 25.07.2016

Heftiger Streit um Friedensmarsch in der Ukraine

Aus zwei Richtungen pilgern Gläubige nach Kiew. Ukrainische Politiker vermuten den Kreml dahinter. Doch für das kirchliche Moskau geht es wohl eher um eine Machtdemonstration für die orthodoxe Welt.

Von Andreas Stein

Priester und Gläubige laufen durch die Kiewer Innenstadt (Archivfoto vom 28. Juli 2011). Am 28. Juli 988 hatte sich der Kiewer Großfürsten Wladimir taufen lassen, das Christentum wurde daraufhin in der Kiewer Rus zur Staatsreligion. Der Tag ist in Russland und in der Ukraine ein Feiertag.
Priester und Gläubige laufen durch die Kiewer Innenstadt (Archivfoto vom 28. Juli 2011). Am 28. Juli 988 hatte sich der Kiewer Großfürsten Wladimir taufen lassen, das Christentum wurde daraufhin in der Kiewer Rus zur Staatsreligion. Der Tag ist in Russland und in der Ukraine ein Feiertag.

© dpa

Kiew. Bärtige Priester, Frauen mit Kindern an der Hand, golden glänzende Ikonen: Zwei ungewöhnliche Menschenschlangen ziehen derzeit auf Kiew zu - und sorgen in der ukrainischen Hauptstadt für Unruhe. Von einer „russischen Provokation“ sprechen Politiker in der früheren Sowjetrepublik. Sie fürchten Anschläge und Zusammenstöße, wenn die mehreren hundert oder tausend Menschen wie geplant am Mittwoch eintreffen. Denn Kiew ist extrem nervös. Fast täglich füllen Schießereien den Polizeibericht, und erst am vergangenen Mittwoch tötete eine Autobombe den bekannten Journalisten Pawel Scheremet.

Gläubige aus dem Osten und Westen der Ukraine haben Anfang Juli nach einem Aufruf des Metropoliten Onufri zu Fuß den beschwerlichen Weg auf sich genommen. Sie wollen in der Hauptstadt für Frieden in dem kriegsgebeutelten Land beten - am Vorabend des Feiertags der Taufe der mittelalterlichen Kiewer Rus. Es sind Anhänger der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats. „Dieser Kreuzzug (...) eint faktisch die Ukraine, denn die Orthodoxe Kirche ist immer und auch jetzt als Kraft aufgetreten, die alle Menschen unseres Landes vereint“, betont Onufri in einer Botschaft zu den Prozessionen.

Das sehen Politiker wie Parlamentspräsident Andrej Parubij anders. „Wir sind Zeugen dessen, wie eine der religiösen Organisationen, die ihr geistiges Zentrum im Aggressorstaat (Russland) hat, eine große Zahl ihrer Anhänger mobilisiert und sie nach Kiew führt“, kritisiert der 45-Jährige. Immer wieder stoßen die Prozessionen auf ukrainische Nationalisten, die Parolen rufen oder eine Routenänderung erzwingen wollen. Der Rat der 20 Kilometer vor Kiew gelegenen Kleinstadt Borispil verbot die Prozession ganz - zur Vermeidung von „interkonfessionellen Konflikten.“

Am 3. Juli war der „Allukrainische Kreuzzug für Frieden, Liebe und Gebet für die Ukraine“ im Himmelfahrtskloster von Swjatohirsk gestartet. Am Schluss wird er mehr als 700 Kilometer zurückgelegt haben. Dieser Prozession entgegen streben gleichgesinnte Gläubige, die sich am 9. Juli vom Himmelfahrtskloster Potschajiw auf den 430 Kilometer langen Weg gemacht hatten. Höhepunkt des Kreuzzugs soll ein gemeinsames Friedensgebet von bis zu 20 000 Gläubigen werden - am Mittwoch auf dem Wolodymr-Hügel und dem Höhlenkloster in Kiew.

Doch was sind die Prozessionen nun? Ein unschuldiges Friedenzeichen? Eine empörende Provokation? Der Kreuzzug zeige vor allem, wie aufgeladen die gesellschaftliche Stimmung in der Ukraine sei, meinen politische Beobachter. Ein Krieg zwischen Regierungseinheiten und prorussischen Separatisten dauert bereits mehr als zwei Jahre und hat in der Ostukraine etwa 10 000 Menschen das Leben gekostet.

Der ukrainische Publizist Witali Portnikow sieht eher die internationale Kirchenpolitik als Auslöser für die Aktion. „Bei aller Bereitschaft der Ukrainer, sich als gläubige Menschen erkennen zu geben: Die Ukraine bleibt doch eher ein Land orthodoxer Atheisten“, sagt er. Für ihn ist der Kreuzzug eher ein Signal der Stärke an den Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomeos I. in Istanbul.

Konstantinopel will dem abgespaltenen Kiewer Patriarchat einen offiziellen Status zugestehen, was die Orthodoxe Kirche in Russland und ihr Kiewer Ableger verhindern wollen. „Die Aktion soll zeigen, dass die populärste orthodoxe Kirche in der Ukraine jene Kirche ist, die mit dem Moskauer Patriarchat verbunden ist“, meint der ukrainische Politologe Wladimir Fessenko.

Die Orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats will nun mit einem eigenen Kreuzzug antworten - mit ausdrücklicher Unterstützung der ukrainischen Führung. Generalstaatsanwalt Juri Luzenko hat bereits die Sicherheit der Prozession garantiert. Zur Beteiligung ruft er auch patriotische Organisationen auf. „Jeder kann auf diese Weise seine ukrainische Position demonstrieren und zeigen, dass es in der Ukraine eine mächtige ukrainische Kirche gibt“, betont Luzenko.

Vom Zentrum der Kirche, der Wolodymyr-Kathedrale, soll es an diesem Donnerstag ebenfalls zum Wolodymyr-Hügel gehen. Gebetet werden soll für den Frieden, die Anerkennung als kanonische Kirche und den „Sieg der Ukraine“. Gemeint ist damit ein Sieg über Russland. (dpa)