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Samstag, 05.09.2015

Guten Tag, ich bin Diplom-Wikinger

In Norwegen hat die weltweit erste Wikingerschule eröffnet. Neben Handwerk steht auch ein Raubzug im Lehrplan.

Von André Anwar, SZ-Korrespondent in Oslo

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Jeppe Nordmann Garly ist der erste Wikingerschullehrer überhaupt. Er weiß, was man als Wikinger können muss.
Jeppe Nordmann Garly ist der erste Wikingerschullehrer überhaupt. Er weiß, was man als Wikinger können muss.

© FHS-Seljord

  • Jeppe Nordmann Garly ist der erste Wikingerschullehrer überhaupt. Er weiß, was man als Wikinger können muss.
    Jeppe Nordmann Garly ist der erste Wikingerschullehrer überhaupt. Er weiß, was man als Wikinger können muss.

Die gestählten Seefahrer sind berühmt berüchtigt. Mit ihren schnellen Booten plünderten Wikinger von 800 bis 1050 nach Christus Küstenstädte in ganz Europa und Westasien. Oft ermordeten sie bei ihren Raubzügen die Männer und entführten Frauen und Kinder in ihre dünn besiedelten skandinavischen Heimatorte.

Doch ganz so brutal soll die erste staatliche Schulausbildung im Wikinger-Sein in Norwegen an der weiterführenden Schule von Seljord, 150 Kilometer westlich von Oslo, nicht verlaufen. Vor einer guten Woche lief sie vom Stapel.

Entgegen norwegischen Zeitungsberichten betont Schulrektor Husby gegenüber der Sächsischen Zeitung, dass die Wikingerschüler zwar auch das Waffenhandwerk und alte Zeremonien erlernen werden, aber „Opferrituale, etwa mit Tieren, wird es trotz diesen Gerüchten nicht geben“, verspricht er. Der Ansturm war groß auf das ein Schuljahr laufende Studienprogramm. Rektor Husby denkt bereits über eine Ausweitung der Studienplätze im kommenden Herbstsemester nach. „Einige bewerben sich, weil sie durch in Mode gekommene Fernsehserien wie Game of Thrones fasziniert sind. Andere, weil sie vor allem die handwerklichen Techniken der Wikinger erlernen wollen“, sagt Husby.

„Im Studium geht es unter anderem darum, zu lernen, wie die Wikinger damals ihre Mahlzeiten zubereiteten, ihre Kleidung und Schuhe herstellten, ihre Häuser und Boote bauten und ihre Waffen und ihren Schmuck schmiedeten“, erklärt Husby. Allerdings ist auch ein kleiner Raubzug im Stundenplan eingeplant. Die britische Hafenstadt York, einst Stützpunkt der Wikinger unter dem Namen Jordvik, soll von den angehenden Wikingern besucht werden. „Die fahren aber nicht im Schiff hin, sondern kommen mit dem Flugzeug“; so der Schulrektor.

Leiten werden das Programm der laut eigenen Angaben „erste Wikingerschullehrer der Welt“ Jeppe Nordmann Garly und seine Frau Linnea. Während sie vor allem in der Herstellung von Kleidern und Mahlzeiten unterrichtet, wird Jeppe andere Bereiche betreuen, hinzu kommen externe Lehrkräfte mit Spezialkenntnissen in unterschiedlichen Disziplinen.

Dass die Schule ein Anziehungsort für Neonazis wird, die sich immer wieder von jenen nordischen Kriegern und ihren Symbolen angezogen fühlen, glaubt Husby nicht. „Sollte sich ein Rechtsextremer hierhin verirren, klären wir ihn darüber auf, dass die Wikinger mit der Nazi-Gedankenwelt um Rasse und so weiter gar nichts zu tun hatten“, sagt er. In der Tat. Entführte Frauen und Kinder ferner Kulturen gingen immer wieder in den Volksstamm der Wikinger mit ein. So wurde im American Journal of Physical Anthropology im Jahr 2010 eine Studie veröffentlicht, derzufolge Gene bei Isländern gefunden wurden, die von der indigenen amerikanischen Urbevölkerung stammen. Auch waren die Wikingerfrauen anscheinend sehr emanzipiert. Sie sollen über viel mehr Freiheiten und Macht verfügt haben, als in anderen Kulturen. Weil ihre Männer ständig weit weg auf See waren, herrschten sie über Haus und Hof. Sie durften Handel und Handwerk betreiben und Scheidungen sollen für die Frauen möglich gewesen sein. Bis heute gelten die Skandinavierinnen weltweit als besonders gleichgestellt. Vielleicht liegt die Wurzel dafür in jener Zeit begraben.

10 700 Euro für ein Lehrjahr

Auch die männlichen Wikinger sollen nicht nur böse gewesen sein. Sie sollen weitab der Heimat auch als zuverlässige Handelsleute bekannt gewesen sein, die gar herangezogen wurden, um als Außenstehende in Konflikten zwischen lokalen Rivalen zu vermitteln.

Die insgesamt 14 zugelassenen Wikingerschüler, es sind auch fünf Mädchen dabei, die meisten frisch gebackene Abiturienten, sollen sowohl Theoretisches, aber vor allem auch Praktisches aus jener Zeit erlernen. Das Studienjahr geht bis in den Mai und kostet 100 000 Kronen, rund 10 700 Euro. Allerdings wohnen die angehenden Wikinger auch in der Schule und bekommen ihre Mahlzeiten dort. Im teueren Norwegen ein Plus.

Für die Wikingerschule gibt es keine akademischen Punkte. Das Programm gleicht eher einer Berufsschulausbildung. Auch Interessierte aus dem deutschsprachigen Raum können sich bewerben, sagt Husby. „Das notwendige Norwegisch lernen Deutschsprachige dann ja schnell“, sagt er. Auch einen Arbeitsmarkt soll es für Absolventen geben. Mittelalterfestivals und Spektakel wie auch besondere Events an historischen Orten und in Museen erfreuen sich großer Beliebtheit. Die Vergangenheit dabei mit richtigen Menschen aufleben zu lassen, ist derzeit in Mode.

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