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Freitag, 18.03.2016

Guido Westerwelle verliert Kampf gegen Krebs

Guido Westerwelle gehörte zu den prägenden Figuren der bundesdeutschen Politik. Mit nur 54 Jahren ist er nun an den Folgen von Blutkrebs gestorben. Die Bestürzung ist groß.

Guido Westerwelle im November 2015.
Guido Westerwelle im November 2015.

© Reuters

Berlin. Der ehemalige Außenminister Guido Westerwelle hat seinen Kampf gegen den Krebs doch noch verloren. Der frühere FDP-Vorsitzende starb am Freitag in Köln im Alter von 54 Jahren an den Folgen von Leukämie. Die Nachricht löste in Deutschland, aber auch im Ausland Bestürzung aus. Westerwelle gehörte über eine ganze Generation hinweg zu den prägenden Figuren der bundesdeutschen Politik.

Stationen eines politischen Lebens

Die Todesnachricht von der Westerwelle Foundation kam für die meisten überraschend. Westerwelle hatte ein Jahr nach der Krebs-Diagnose im vergangenen Herbst ein Buch veröffentlicht und sich erstmals auch wieder in der Öffentlichkeit gezeigt. Damals gab es große Hoffnung, dass er die Erkrankung überwunden hatte. Nach Problemen mit einigen Medikamenten lag er zuletzt aber wieder seit mehr als drei Monaten in der Uni-Klinik Köln, wo er nun auch starb.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) äußerte sich am Rande des EU-Flüchtlingsgipfels in Brüssel bestürzt über den Tod ihres politischen Weggefährten. „Sein Tod erschüttert mich tief.“ Sie habe Westerwelle als „empfindsamen und als nachdenklichen Menschen erlebt“. „Einen verlässlichen und einen treuen Menschen.“ Bundespräsident Joachim Gauck würdigte den FDP-Politiker als „leidenschaftlichen Demokraten und Europäer“.

Bei Westerwelle war im Juni 2014 - nur ein halbes Jahr nach seinem Ausscheiden aus dem Auswärtigen Amt - eine besonders schlimme Form von Blutkrebs diagnostiziert worden. Aus der Politik hatte er sich daraufhin fast völlig zurückgezogen.

Guido Westerwelle in Zitaten

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„Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt es einen, der die Sache regelt - und das bin ich.“

(4. Mai 2001: Untermauerung des Führungsanspruchs des damals neuen Parteichefs)

„Wenn Sie auf 18 Prozent aus sind, scheuen Sie sich nicht, in der Öffentlichkeit auch mal eine Flasche Bier zu trinken.“

(4. Mai 2001: Propagierung der FDP auf dem Weg zur Volkspartei)

„Das ist ja keine Generalprobe, sondern das ist mein Leben.“

(25. Juli 2004: Bekenntnis zur Homosexualität)

„Hier steht die Freiheitsstatue dieser Republik.“

(15. Juni 2007: Abgrenzung zu Linksbündnissen)

„Um 2.12 Uhr waren wir mit der Arbeit fertig. Um 2.15 Uhr sagen wir Horst und Guido zueinander.“

(24. Oktober 2009: Duzfreundschaft mit dem Dauerkonkurrenten, CSU-Chef Horst Seehofer, nach Abschluss der schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen)

„Wer anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.“

(11. Februar 2010: Als Polarisierer in der Hartz-IV-Debatte)

„Es war eine Abstimmung über die Zukunft der Atomkraft. Wir haben verstanden.“

(27. März 2011: Nach FDP-Wahlverlusten in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zu Folgen für die künftige Energiepolitik)

„Europa hat seinen Preis, Europa hat aber auch seinen Wert. Und wer das vergisst, macht einen historischen Fehler.“

(12. November 2011: Auf einem Parteitag in Frankfurt/Main)

„It’s okay to marry gay.“

(10. Mai 2012: Der seit September 2010 mit seinem Lebensgefährten Michael Mronz verheiratete Außenminister als Reaktion auf US-Präsident Barack Obama, der sich für die Homoehe stark macht)

„Es ist gegen deutsche Interessen, wenn wir Europa zerreden, nur weil man in bestimmten Kreisen Beifall dafür kriegt. Diese teutonische Keule, diese teutonische Axt wird zum Bumerang.“

(27. August 2012: Zu Forderungen aus der CSU nach einem Euro-Austritt Griechenlands)

„Wer von der Ohnmacht der Diplomatie spricht, hat möglicherweise eine Allmachtsvorstellung, die nicht realistisch sein kann.“

(26. August 2013: Zu Forderungen nach einer militärischen Lösung des Syrienkonflikts)

„Ich habe zwei Leidenschaften. Die eine ist Kunst. Die andere ist Politik. Aber die ist gerade etwas beschädigt.“

(24. September 2013: Zwei Tage nach dem Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag in New York)

„Ich bin zuversichtlich. Es wird werden.“

(1. Juni 2015: Auf seiner Facebook-Seite zu seinen Heilungsaussichten knapp ein Jahr nach Bekanntwerden seiner Krebserkrankung)

„Ich habe einen Plan: zu überleben. Und mir mein altes Leben Schritt für Schritt zurückzuholen.“

(8. November 2015: Bei der Vorstellung seines Buches „Zwischen zwei Leben“)

Westerwelle war über viele Jahre hinweg wichtigste Figur der FDP. Mitglied wurde er bereits 1980. Dann war er Vorsitzender der Nachwuchsorganisation Julis, Generalsekretär und schließlich Parteichef. Nach vielen Jahren in der Opposition brachte er die FDP 2009 zurück an die Regierung. Merkel machte ihn zu ihrem Vizekanzler und Außenminister. Nach vier Jahren schwarz-gelber Koalition schafften es Westerwelle und die FDP dann aber nicht einmal mehr in den Bundestag.

Die Todesnachricht wurde durch die Stiftung bekannt, die Westerwelle Ende 2014 gegründet hatte. Auf deren Homepage war ein Foto zusammen mit seinem Ehemann Michael Mronz zu sehen. Daneben stand: „Wir haben gekämpft. Wir hatten das Ziel vor Augen. Wir sind dankbar für eine unglaublich tolle gemeinsame Zeit. Die Liebe bleibt.“ Westerwelle und der Sportmanager waren seit September 2010 verheiratet.

Der ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) äußerte sich ebenfalls „tief erschüttert“. Der 88-Jährige erklärte: „Er war eine große politische Begabung und ein herzensguter Mensch.“ Frank-Walter Steinmeier (SPD) bezeichnete seinen Amtsvorgänger als Gesicht eines „weltoffenen, liberalen Deutschlands, das in der internationalen Gemeinschaft fest verankert ist“. Im Auswärtigen Amt wurden die Fahnen auf halbmast gesetzt.

Der heutige FDP-Chef Christian Lindner sagte: „Guido Westerwelle wird uns allen und sicherlich auch den Debatten in unserem Land sehr fehlen.“ Auch alle anderen Bundestags-Parteien würdigten seine Verdienste, über allen politischen Streit hinweg. Auch aus dem Ausland gingen Trauerbotschaften ein. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte: „Er war ein Staatsmann.“

Westerwelle hatte sich vor knapp zwei Jahren beim Joggen am Meniskus verletzt. Bei den Vorbereitungen für eine Operation wurde dann völlig überraschend eine sogenannte akute myeloische Leukämie festgestellt, eine besonders schlimme Form von Blutkrebs. Der FDP-Politiker musste sofort eine Chemotherapie beginnen und bekam dann auch Knochenmark-Stammzellen transplantiert.

Die neue stationäre Behandlung wurde mit Abstoßreaktionen des Körpers auf bestimmte Medikamente in Folge der Knochenmark-Transplantation begründet. Genauere Auskunft über seinen Gesundheitszustand gab es zuletzt keine mehr. Die letzten drei Monate verbrachte Westerwelle dann wieder in der Uniklinik Köln, wo er nun auch starb. Nach Angaben der Westerwelle-Stiftung gibt es noch keinen Termin für eine Beerdigung. (dpa)