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Dienstag, 21.03.2017

Grüne Welle für die Straßenbahn

Zwischen Albertplatz und Nürnberger Platz sollen die Züge nie mehr an Ampeln stehen. Das nützt auch den Autofahrern.

Von Christoph Springer

Das Telefon zeigt Lukas Kamratzki, dass er in sieben Sekunden an der Synagoge zum Pirnaischen Platz abfahren soll.
Das Telefon zeigt Lukas Kamratzki, dass er in sieben Sekunden an der Synagoge zum Pirnaischen Platz abfahren soll.

© René Meinig

Der Blick aufs Handy während der Fahrt ist erlaubt. Lukas Kamratzki muss sogar regelmäßig aufs Funktelefon sehen, wenn er in Dresden unterwegs ist. Denn der 26-jährige ist Straßenbahnfahrer und bekommt per Handy Informationen, die ihm seine Arbeit erleichtern sollen. Das sind Hinweise zur Abfahrt und zur besten Fahrgeschwindigkeit. So soll das Straßenbahnfahren für ihn stressfreier und für die Fahrgäste komfortabler werden.

Das System hat einen berühmten Namen. Es heißt Cosel. Das ist die Abkürzung für einen komplizierten englischen Begriff. Übersetzt bedeutet er: Computeroptimierte Geschwindigkeitskontrolle für energieeffiziente Straßenbahnen. Das ist auch ein Wortungetüm, dafür aber eine Weltneuheit, versichert TU-Professor Jürgen Krimmling. Gemeinsam mit Fachleuten der Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB) haben die Wissenschaftler mehr als zehn Jahre lang daran gearbeitet. Das Ergebnis ist eine Verkehrssteuerung, bei der auch der DVB-Fahrplan berücksichtigt wird. Es macht die Straßenbahnen schneller und sorgt zugleich dafür, dass Grün-Phasen an Ampeln möglichst effizient genutzt werden können. „Wenn eine Straßenbahn zu spät kommt, darf sie eine grüne Welle unterbrechen“, erklärt Krimmling. Fährt die Bahn dagegen pünktlich oder gar zu früh, haben die Bahnen keine Sonderrechte oder werden sogar gezielt gebremst.

Das neue System funktioniert an 24 Ampeln auf der Strecke Nürnberger Platz – Hauptbahnhof – Pirnaischer Platz – Albertplatz und rund um die Kreuzung Königsbrücker Landstraße/Karl-Marx-Straße in Klotzsche. Allein die Bahnen der Linie 3 sparen dadurch am Albertplatz in Richtung Zentrum eine Dreiviertelminute. Ihre Standzeit an der Ampel auf der Antonstraße, an der Haltestelle Albertplatz und bei der Abfahrt Richtung Carolaplatz ist durch die bessere Koordination mit den Schaltzeiten der Signalanlagen von durchschnittlich 65 auf etwa 20 Sekunden gesunken, so die Fachleute von Uni und DVB. Insgesamt sparen die Linien 3, 7 und 8 auf der Nord-Süd-Strecke jetzt pro Runde bis zu elf Prozent Fahrzeit. Das sind maximal drei Minuten. Der Effekt für die DVB sind vor allem Kosteneinsparungen. Die Bahnen brauchen weniger Strom, weil weniger beschleunigt und gebremst werden muss. Künftig rechnen die Verkehrsbetriebe sogar damit, dass auf der Strecke der Linie 7 eine Bahn pro Tag eingespart und der Zehn-Minuten-Takt dennoch gehalten werden kann. Das ist dann der Fall, wenn Ende des Jahres die Gleise am Diebsteig saniert sind. Dann können die Straßenbahnen dort auf dem eigenen Gleisbett mit 60 Stundenkilometern fahren. Verkehrsbetriebe-Vorstand Lars Seiffert erwartet, dass dann eine weitere Minute Fahrzeit pro Umlauf, also pro Runde von Weixdorf bis Weixdorf, eingespart werden kann und schließlich pro Tag auf der Strecke der Linie 7 eine Bahn weniger gebraucht wird. Das spart pro Jahr etwa 350 000 Euro. Diese Straßenbahn könnte dann auf einer anderen Strecke eingesetzt werden, auf der das Angebot ausgebaut werden soll, um mehr Fahrgäste transportieren zu können.

Die DVB-Kunden sollen Zeit gewinnen und vor allem nichts spüren, wünschen sich die Chefs des Unternehmens. Denn die Straßenbahnen halten nun bestenfalls nur noch an Haltestellen und rollen bei allen Ampeln sanft weiter. Ein Vorteil ist das zum Beispiel zwischen dem Pirnaischen Platz und der Walpurgisstraße mit den vielen Ampeln am Georgplatz. Dazu kommt, dass das System beeinflusst, in welcher Reihenfolge Straßenbahnen in bestimmte Abschnitte einfahren. So werden Anschlüsse gesichert, erklärt TU-Professor Krimmling.

Für Lukas Kamratzki hat die neue Technik, die es bereits in 83 der 166 Dresdner Straßenbahnen gibt, einen Zusatzeffekt. „Ich kann jetzt genau ablesen, wann ich die Türen schließen muss“, sagt der 26-Jährige. Wenn ein Fahrgast angerannt kommt, sei es für ihn leichter einzuschätzen, ob er noch einmal eine Tür öffnen kann, um ihn mitzunehmen.

Die neue Technik soll ausgebaut und künftig überall innerhalb des Innenstadtrings angewandt werden. Dabei haben die DVB, TU und Stadt unter anderem die Strecke Fetscherplatz – Bahnhof Mitte im Blick.