Albertstadt
Dienstag, 20.11.2012
Groß-Kita ist kein Einzelfall
Mehr als 300 Kinder werden demnächst in einer Kita in der Marienallee betreut. Nicht die Einzige in Dresden – und durchaus umstritten.
Seit 2009 betreut Kita-Expertin Ivonne Zill-Sahm die Arbeit in Dresdner Kitas. Deshalb weiß die Professorin der Evangelischen Hochschule Dresden, dass Kinder in Großkitas genauso gut betreut werden können wie in kleineren Einrichtungen. Feste Strukturen sind aber wichtig. Foto: S. Füssel
Die Kita-Expertin Ivonne Zill-Sahm hat viel Zeit in großen Kitas verbracht. Seit 2009 betreut sie an der Evangelischen Hochschule Dresden den Studiengang „Bildung und Erziehung in der Kindheit“ und begleitet ihre Studenten auch bei ihrer praktischen Arbeit in Dresdner Einrichtungen. Die Professorin warnt vor Vorurteilen gegenüber Großprojekten wie an der Marienallee. Hier soll 2013 eine Kita mit 310 Plätzen für Kindergarten- und Krippenkinder öffnen.
Damit wird die Dresdner Einrichtung eine der größten Kitas in Ostdeutschland sein. Im Dezember 2013 folgt ein weiteres Großprojekt im 70 Kilometer westlich von Dresden gelegenen Flöha. Dort eröffnet eine Einrichtung, in der 370 Kinder untergebracht werden. Flöhas Hauptamtsleiter Wolfgang Meyer bezeichnet das 7,5 Millionen Euro teure Vorhaben als „Kinderdorf“.
Die beiden Großprojekte sind in Expertenkreisen heftig umstritten. So warnt die Bremer Sozialpädagogin Ilse Wehrmann vor „chinesischen Verhältnissen“ in ostdeutschen Einrichtungen. Besonders skeptisch ist sie hinsichtlich der Sicherheit der Kinder. Zill-Sahm hingegen sieht darin kein Problem, wenn die Kinder innerhalb ihrer Gruppen beaufsichtigt werden. „Das ist wie in jeder anderen Kita.“ Die Expertin verweist auf erfolgreiche Beispiele. „Es gibt eine Kita in Leubnitz, die rund 280 Kinder ohne Probleme betreut“, sagt die 42-Jährige. Das Kinderhaus Leubnitz in der Karl-Laux-Straße bedient bereits seit Ende der 1990er-Jahre die große Nachfrage nach Kita-Plätzen in dem Stadtteil. Die Kinder werden drinnen und auch auf dem Außengelände in einzelnen Gruppen betreut. Zill-Sahm kann darin aus pädagogischer Sicht keine Nachteile gegenüber einer kleineren Kita feststellen. Deshalb sieht sie auch in der Eröffnung weiterer Großprojekte in Dresden kein Problem. „Wenn sich die Erzieher an einige Regeln halten, spricht nichts dagegen, sein Kind in einer derart großen Kita unterzubringen“, sagt sie. Dabei sei die Eingewöhnungszeit die wichtigste Phase. „Da dürfen keine Fehler passieren.“ Deshalb sollten die Eltern in den ersten Wochen ihr Kind unbedingt begleiten. „Anschließend ist eine feste Bezugsperson unter dem Kita-Personal unerlässlich“, so Zill-Sahm.
Das weiß auch Janette Schmeling, die ab Juni 2013 die neue Kita in der ehemaligen Landesbibliothek in der Marienallee leiten wird. Träger ist das Deutsche Rote Kreuz (DRK), das sich mit seinem Konzept gut auf die Herausforderung vorbereitet fühlt (die SZ berichtete). „Die Kleinen werden in drei separaten Bereichen und dort jeweils in Gruppen mit maximal 16 Kindern untergebracht“, so Janette Schmeling. Betreut werden die Kinder von 35Pädagogen. Auch die Leiterin des städtischen Eigenbetriebs gibt Entwarnung. Dresden sei mittlerweile kein unbeschriebenes Blatt mehr, wenn es um Kinderbetreuung im großen Stil geht. „Heute werden in 16 von 376 Dresdner Einrichtungen mehr als 300 Kinder betreut“, so Sabine Bibas. „Angesichts der mangelnden Kita-Plätze in der Neustadt konnte ich das Angebot in der Marienallee nicht ablehnen“, sagt sie. Weitere Kitas in dieser Größe seien in Dresden vorerst aber nicht geplant.
Antje Hucke freut sich über die neue Einrichtung in der Albertstadt. Sie arbeitet im Militärhistorischen Museum und hat bereits ein Kind. „Wenn ich ein weiteres Kind bekomme, kann ich es arbeitsnah betreuen lassen und muss zum Abholen nicht eine Stunde eher Schluss machen“, sagt sie. Für sie spielt die Kita-Größe keine Rolle, wenn es klare Strukturen und feste Betreuer gibt. „Dresden braucht dringend Betreuungsplätze, deshalb kann ich die Kritik an den Großkitas nicht nachvollziehen.“