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Donnerstag, 25.09.2008

Gott verzeiht alles

Bushido ist Deutschlands erfolgreichster Rapper und Bestseller-Autor. Jetzt sagt er deshalb seine Tour ab.

Von Oliver Reinhard

Die Hip-Hop Nation befand sich im Schockzustand: Ihr mit Abstand erfolgreichstes Pferd im Rap-Stall, der Deutsch-Tunesier Anis Ferchichi alias Bushido, wollte seine Karriere an den Nagel hängen. So zumindest vertraute er es einem österreichischen Magazin an. Am 28. September wird Bushido 30, im Oktober erscheint sein neues Album, und allmählich „habe ich einfach keine Ideen mehr“, sagte der „gute Junge“ dem Blatt.

Zu Gott gefunden

Doch das war nicht die erste „sensationelle“ Ankündigung des eigenen Endes. Und auch diesmal vergingen nur wenige Tage, bis Bushido zurückruderte. Wenn auch unter großen Opfern – für seine Fans. Gestern gab er bekannt, dass die enorme Resonanz auf seine jüngst erschienene Biografie, die von Null auf Eins die Bestsellerlisten stürmte, sowie „die hohen Anforderungen neuer Hörbuch-, TV- und Film-Aufnahmen“ ihn zwängen, seine für den Herbst geplante Tournee abzusagen. Bis auf den Auftritt am 15. Oktober in der Berliner O2-Arena. Auch das Dresden-Konzert zwei Tage später fällt aus.

Immerhin weiß der Drückeberger, was sich gehört: „Ich entschuldige mich vorab bei meinen Fans, die sich schon so lange darauf gefreut haben, mich endlich wieder live zu sehen“, sagte Bushido. „Meine neuen Pläne werden sie aber garantiert über eine verschobene Tour hinwegtrösten.“

Kann man ihm das übel nehmen? Selbstverständlich! Obwohl Bushido neuerdings recht erfolgreich den Gereiften und Abgeklärten gibt, den zu Gott und später Einsicht Gekommenen. Erst unlängst im ZDF ging er zum Beispiel auf Abstand zu seinem früheren Dasein als omnipotenter Frauenbeglücker. Über 700 Mädchen, so bilanziert er, hätten auf seiner „Abschussliste“ gestanden, beziehungsweise gelegen. Aber „erst jetzt erkenne ich, wie rastlos ich war“, räumt Ferchichi ein. „Ich bin den Frauen hinterher gerannt, wie ein dummer Esel einer Mohrrübe. Es hat Spaß gemacht, aber mich nicht erfüllt.“ Und es kommt noch versöhnlicher: Bushido nahm nach all den Jahren wieder Kontakt auf zum lange Zeit verhassten Vater. Denn „wer bin ich im Gegensatz zu Gott, der uns geschaffen hat, dass ich meinem Vater nicht verzeihen kann, wenn Gott alle Sünden verzeiht, die wir je im Leben begangen haben?“ Hat da jemand zu ausgiebig mit Weihwasser gegurgelt? Oder ist in der Bibel über das Gleichnis vom verlorenen Sohn gestolpert und schwer auf den Kopf gefallen?

Zum Autor geworden

Die Erklärung für die Wandlung dürfte sich (wie immer bei Bushido) in der Mitte zwischen Wahrheit und geschicktem Marketing finden. Das hat ihn zum Mehrfach-Millionär mit Villa in Berlin gemacht. Für seinen Erfolg war es sicher nicht schädlich, dass viele Platten wegen angeblich rechtsextremistischer, frauen- und schwulenfeindlicher Texte auf dem Index landeten und nur als Bückware zu haben waren. Bis entschärfte Versionen kamen und weggingen wie warme Fladenbrote.

Das gleiche Schicksal teilt auch seine Autobiografie, die er mit seinem PR-Mann Lars Amend geschrieben hat. Sie ist mehr Anekdotensammlung als Lebensbeschreibung, großmäulig und selbstverliebt, aber flott getextet und überwiegend unterhaltsam, stellenweise sogar zum Abrollen witzig, doch auf Dauer durch seine Aneinanderreihung diverser Geschlechtsverkehre etwas ermüdend.

Daran ändert auch nichts, dass er dem Entführungs-Opfer Natascha Kampusch „Heuchelei“ unterstellt, weil sie nach der Befreiung ihre Eltern nicht habe sehen wollen und kurz darauf wieder tanzen gegangen sei. Bushido-technisch betrachtet ist das ein Oberlähmer: Man kennt das alles schon von seinem Vendetta-Sampler. Vielleicht gehen Anis Mohamed Youssef Ferchichi ja wirklich langsam die Ideen aus.